Ausgabe 
31.5.1888
 
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Nicht, näht man sich etwas am Körper, so näht man sein Glück fest, angeknotete Bänder sind auch böse i Vorbedeutungen und sorgfältig zu vermeiden. \

Ist man zum Amgchen gerüstet, so darf man, l trenn man etwas vergessen hat. nicht umkehren, thut > man es dennoch, so so!! man sich noch einen Augen« blick niedersetzen. Trefft man zuerst auf der Straße f eine alte Frau, so bedeutet das Mißerfolgs, ein Let- chenzug dagegen Glück, Schweine zur Lücken des­gleichen, zur Rechten das Gegentheil, jedoch ist in letzterem Falle gerathen, Stahl anzufasien, und der böse Zauber ist gebrochen.

Juckt einem die linke Hand, so nimmt man Geld ein die rechte, so giebt man es aus; klingt das rechte Ohr, wird gut das linke, böse von einem gesprochen; juckt das links Auge, bekommt man etwas Liebes zu sehen, das rechte, brkommt man etwas zu weinen; juckt einem die Nase, erfährt man etwas Neues oder fällt in den Schmutz.

Sehen sich Menschen ähnlich, so kann man Tau­send gegen Eins wetten, daß sie sich heirathen, vor­ausgesetzt, daß jedkSWenn" undAber" sorgfältig vermieden, resp. befolgt wird; da ist in erster Linie streng zu unterlassen, sich irgend welche Fußbeklei­dung zu schenken, der Beschenkte läuft sonst fort; ebenso zerschneiden Meffer und Scheere Liebe und Freundschaft.

Eine Braut darf nicht bei der Bcautwäsche helfen, will sie noch länger unter den Lebenden bleiben, auch ist es ihr streng verboten, bei dem Brautklride thätig zu sein, sie würde sonst Unglück mit ihren Kindern haben; außerdem kann niemals die eine Braut werden, dir je einen Myrthenkcanz zum Scherz aufgesetzt; passtri dies mit einem Sil­berkranz, so wird die Frau nie ihre 25jährige Hoch­zeit feiern.

Ferner muß man zur Trauung Hand in Hand die Wohnung verlüffen, ist die Treppe noch so eng, sie muß doch gemeinschaf lich hinabgestiegen werden, das Loslasien des E.nen oder Anderen bedeutet Trennung, sei es im Leben oder im Tode. Wer sich aus dem Wege zur Trauung umsiehr, sicht sich nach einem Aninren um; geht ein Trauring ver­loren, steht wieder das böse Omen vom baldigen Scheiden im Hintergründe.

Knarrende Thürm zeigen den Tod an, das Picken der Todtenuhr nicht zu vergessen; der Ruf des Käuzchens, das Heulen der Hunde gleichfalls, jedoch mit Vorbehalt; senkt der Vierfüßler den Kopf, so heult er Einen auf den Kirchhof; hebt er das zottige Haupt in die Höhe, so signaUstrt er Feuer.

Zerbricht ein Glas, woraus ein Kranker beson­ders viel getrunken, so kann man sich mit Gewiß­heit auf seinen Tod vorbereiten, und tritt ein solcher wirklich rin, so kann selbst die Majestät des Todes den Aberglauben nicht von hinnen bannen. Der Spiegel wird verhängt, damit der Tobte nicht hinernsiehr, es würde sonst eine zweite Leiche geben;

schließen die Augenlider nicht fest, so sieht er sich gleichst llr nach einer zweiten um. Aus jedem Stück Wäsche, welches man einer Leiche anzieht, muß der Name sorgfältig heraurgeschnitten werden, der Tobte würde sonst nicht Ruhe im Grabe finden; der Kamm, womit man den Verstorbenen gekämmt, wird diesem in den Sarg mitgegeben; gebrauchte ihn ein Anderer, würde dieser die heftigsten Kopfschmerzen nicht mehr los.

Und so geht es fort und fort man thut, man beginnt nichts, ohne daß es etwas zu bedenken gäbe. Ja, ja, Thorheiten über Thorheiten, und doch be­gleiten fle uns durch's ganze Leden!

Wermischtes.

Ehrt die Vogelnester! Wenn's Mailüf- ter'l weht, dann erscheinen außer den froh begrüßten Blüthen, die durch das frischgrüne Laub schimmern, leider noch andere Gäste, minder gerne gesehen und bewillkommnet, auf dem Schauplatze der Natur: Die Maikäfer und Raupen! Verordnungen und War­nungen werden erlassen gegen diese gefährlichen, gefürchteten Schmarotzer, zum Schutz der Bäume und der Pflanzen, eines der besten und wirksamsten Gebote besonders contra Raupen aber wird stets sein und bleiben:ehrt die Vogelnester!" Denn diese besitzen einen praktischen, reellen Werth und Nutzen, von dessen Höhe sich unsere Schulweisheit Nichts träumen läßt. Bilden doch die kleinen gefieder­ten, geflügelten Insassen dieser Nester das beste ausgiebigste Vertilgungsmittel namentlich der Raupen, deren kolossale Gefräßigkeit so großartig ist, daß sie es fertig bringen, tagtäglich ihr eigenes Gewicht an Blättern und Blüthen zu verspeisen. Angenommen also eine Raupe verzehrt z. B.' pro Tag auch nur eine einzige Blüthe, die zur Frucht geworden wäre und sie gebrauchte 30 Tage, bis sie ausgefressen hätte, so würde diese einzige Raupe allein 30 Obst­früchte auf ihrem Gewissen haben! Befinden nun im Neste sich 5 Junge, so verconsumirt jeder dieser jugendlichen Erden- beziehungsweise Luft-Bürger täg­lich circa 50 Räuplein, macht für die Dauer der runden Summe von 30 Tagen berechnet in Summa Summarum: 7500 Raupenleben. (5 mal 50 mal 30.) Folglich werden durch jedes Vogelnest soviel Blüthen gerettet, als besagte 7500 Raupen wären sie am Leben geblieben ungefähr an Blüthen- kost zu sich genommen haben könnten, nämlich 30 mal 7500 225 000 Blüthen, welche einst zu Birnen, Aepfel oder Pflaumen geworden sein würden. Und die Moral von der Geschichte? Blühende Obst­bäume sind gewiß eine schöne Zier, eine nicht minder herrliche Augenweide, als ihre Früchte später ein hoher Genuß für den Gaumen, also: ehrt die Vogel­nester, und lehrt die Jugend desgleichen, auf daß nicht diese Nester den Attentaten muthwilliger Kinder­hände ausgesetzt sind.

Redaction: A. Scheyda. Druck und Berlag der Brühl'jchen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen,