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Krank? Keine Idee! Seit heute bin ich völlig genesen. Ich habe es geduldet, daß man Dich her« bei rief, aber nicht, weil Deine Gegenwart als Arzt nothwendig werden könne, sondern weil ich nicht wußte, ob meine moralische Kraft ausreichen würde, ohne den Schutz meines einzigen Verwandten vor den Mann hinzutreten, der mein WohlthLter ge­worden und gegen den ich mich vor zwanzig Jahren so frevelhaft vergangen. Wie danke ich dem Him­mel", fuhr sie fort,daß der Zufall Sie, Frau Ge­heimrath, in diesem Augenblick hierhergesührt. Sie werden in mir leichter das Weib begreifen können, als er ein Mann vermag, und mir wird es nicht so peinlich sein, Ihrem Herrn Gemahl meine Be­kenntnisse zu wiederholen, wenn Sie ihn vorher damit bekannt gemacht."

So steht mein Gemahl selbst zu Ihren Be­kenntnissen in irgend einer Beziehung?" fragte Alexandra.

Sie sollen Allee erfahren, gnädige Frau."

Sie wissen", begann Frau Schmidt ihre Er­zählung,daß ich Sängerin gewesen bin, es sind reichlich zwanzig Jahre her. Ich nannte mich da­mals Elfriede Bach." Doch ich war nur wenige Jahre die berühmte Künstlerin, mein Stern erlosch nach kurzem Elanze. Bei einem meiner Gastspiele wohnte ich bei einem Baron Bleiken. In diesem Hause verkehrten sehr viele Osficiere, namentlich ein junger Lieutenant der Infanterie, den man fast mit zur Familie rechnete, und ein junger Dragonerofficier. Doch verzeihen Sie mir eine Frage, Frau Geheim­rath",hat Ihnen Ihr Herr Gemahl von seiner Vergangenheit vor seiner Auswanderung nach Afrika Mitthkilungen gemacht?"

Nun wohl, daß er in Hamburg geboren, dort erzogen und in einem großen Handlungshause thätig war."

Also nichts mehr? Dann bin ich so frei, fort­zufahren: Ich machte in dem Hause des Baron Bleiken sehr bald die Bemerkung, daß der Jnsanterie- lieutenant, der sich Thalheim nannte, für mich ein wenig schwärmte, daß aber der Dragonerofficier sich mit einer feurigen Leidenschaft in mich verliebt hatte. In dem Umstande, daß ich mir nach wie vor dir harmlosen Aufmerksamkeiten Thalheim's gefallen ließ, erblickte er eine Neigung für letzteren und beschloß, um freie Hand zu bekommen, diesen aus dem Wege zu räumen. Und er hat ihn beseitigt. In dem Osficirrrkasino spielte man damals viel mit Würfeln, die meisten Osficiere trugen fast beständig ihre drei Würfel in der Tasche. Einer Abends spielen Thal- heim, der Dragonerlieutenant und zwei andere Osficiere zusammen. Thalheim hat ungeheure» Glück, jeder Wurf fällt für ihn, er gewinnt eine große Summe. Da entlarvt der Dragonerlieutenant ibn als Betrüger, seine Würfel sind falsch, eine furchtbare Aufregung entsteht unter den anderen Officieren, am andern Tag wird er vor das Ehren­gericht gestellt und unter dem Vorsitz des Obristen Tramm des jetzigen Besitzers von Fich rnberg

wird der Unglückliche als ehrlos aus dem Officiers- stande ausgestoßen. Noch denselben Abend verläßt er die Stadt und noch denselben Abend stürzt der Dragonerlieutenant in wilden Ausbrüchen seiner Leidenschaft mir zu Füßen, er schwört mit den heiligsten Eiden, daß er mich liebe, er schildert mir die furchtbare Eifersucht, die ihn erfaßte, daß er Thalheim, wenn er dageblieben, ermordet haben würde, und daß er, um nicht zum Mörder zu werden, ihn unmöglich gemacht habe, indem er ihn durch falsche Würfel, die er mit Thalheims eigenen vertauscht, zum scheinbaren Betrüger gemacht, in Folge dessen er die Stadt verlassen müsse, und ich ich sank an seine Brust."

Das sind die Bekenntnisse meiner Schuld, meiner Doppelschuld. Ich kannte die Unschuld des jungen Officiers, dem man sein höchstes Gut, die Ehre ge­raubt, aber ich schwieg aus Liebe zu dem Verbrecher, wie ich später aus Furcht vor ihm schwieg. Jetzt nun hat Gott die Macht in meine Hand gelegt, den Lieutenant Thalheim zu rächen, seine Ehre wieder herzustellen und seine Tochter vor einem furchtbaren Unglück zu bewahren!"

Wer ist der Lieutenant Thalheim?" fragte Alexandra, in deren Herzen eine plötzliche Ahnung aufgestiegen war.

Sie sollen es sogleich hören, gnädige Frau. Heute Nachmittag sitze ich in der runden Laube, neben dem Felsblock. Da höre ich, wie zwei Männer letzteren besteigen und wie der Eine zu dem Andern sagt, daß er ihn nicht verrathen werde, wenn er seine Tochter ihm zur Gemahlin geben wolle, mit der er sich aus ebenderselben Stelle am Abend vorher bereits heimlich verlobt. Der Eine dieser beiden Männer", fuhr Frau Schmidt mit er­höhter Stimme fort,war der Herr Geheimrath Wolter, der Andere Herr von Stolzenberg, mein Gemahl."

Wie?" rief Alexandra entsetzt.Mein Gatte ist der Lieutenant Thalheim, der durch Herrn von Stolzenberg seine Ehre verloren?Und mit diesem Herrn von Stolzenberg hat sich Frieda verlobt?"

Ja, mit meinem Gemahl!"

Nein, nein, das ist zu viel, das kann ich nicht fassen!"

Als meine erste Ueberraschung vorüber war", fuhr Frau Schmidt fort,da erhob ich mich, ein Muth wallte in mir auf, wie ich ihn früher nie besessen, ich stellte mich mitten in die Laube und blickte nach dem Felsen hinauf. Da sah ich den nach langen Jahren zum ersten Male wieder, den ich aus vollster Seele verachten gelernt, und ich war erstaunt, wie wenig er sich verändert und wie fast spurlos die Zeit an ihm vorübergegangen. Da sah ich auch den Geheimrath, den ich, als ich nur den Namen Thalheim gehört, auch sogleich als den früheren Lieutenant erkannte."

Mein Gott", sagte Alexandra,ist denn Alles Wahrheit." Es ist mir, als wenn ich in einem fürchterlichen Traume mich befinde. Ach, mein