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„Gerechter Himmel!" stöhnte Johann, sich an die Wand lehnend. , ~
Wissen Sie vielleicht etwas davon, mein Freund?" fragte der Beamte, sich rasch zu ihm wendend.
? — nein, wie sollte ich wohl?" stotterte der Alte, zusammenfahrend.
„Schließe die Thür, Johann!" befahl Ulrike, „bitte, folgen Sie mir, mein Herr!" wandte sie sich dann ruhig zu dem Beamten, „Sie müssen es dem alten Manne, welcher dergleichen in unserm Hause niemals erfahren, zu Gute halten, daß er Ihr Auf« treten für zu ungeheuerlich hält, um nicht die Fassung darüber zu verlieren. Mit wem habe ich überhaupt die Ehre?"
„Bitte wiederholt um Entschuldigung, gnädige» Fräulein!" versetzte der Beamte in sichtlicher Unge« duld, „ich bin der Polizei-Commissar Hellmann und erscheine hier im Namen de» Gesetzes, um einen Ver- brecher abzufangen. Erleichtern Sie mir dieses Vorhaben durch ein bereitwilliges Entgegenkommen, da« die größte Eile und Ihr eigenes Interesse bedingt."
„Sie wollen dar Haus durchsuchen —"
„Mit Ihrer gütigen Erlaubniß, gnädige» Fräulein!"
„Das Gesetz steht Ihnen zur Seite, Herr Com- miffar, dem ich mich allerdings unbedingt zu füge«, Sie aber auch darauf aufmerksam zu machen habe, daß meine Schwester krank darntederltegt und eine solche Aufregung zweifellos ihren Tod herbeiführt. Ich muß Sie demnach um eine discrete Durchsuchung und um gänzliche Schonung des Krankenzimmers ersuchen."
„Ich werde Ihren Wunsch respeetiren, gnädiges Fräulein, — und bitte nur noch um einen Führer. Vielleicht könnte der Diener die» besorgen."
Sein durchdringend scharfer Blick schweifte bei diesen Worten zu dem Alten hinüber, welcher noch immer wie ein zitternder Verbrecher bei der Haus- ,thür stand.
Ulrike zuckte die Schultern.
„Ich selber will Ihre Führerin sein, Herr Com- missar!" sprach sie ruhig, „geh' in Deine Stube, Johann!" setzte sie freundlich hinzu, „und zeige Deiner kranken Herrin ein ruhige» Antlitz. Wie kannst Du nur so schwachköpfig sein, Alter?"
„Befehlen da» gnädige Fräulein eine Kerze?" fragte Johann, sich jetzt gewaltsam zusammennehmend.
„Ja so, ich vergaß, daß nicht alle Räume erhellt sind wie hier der Corrtdor. Rasch, mein Tapferer! — wir haben Eile, da e» gerade kein angenehme» Gefühl erregt, im Verdachte zu stehen, einen Verbrecher unter seinem Dache zu beherbergen."
Rach wenigen Minuten schritt Fräulein Ulrike mit einer auf schwerem silbernem Leuchter befindlichen brennenden Wachskerze in der Rechten dem Commissar voran, um, zum Erstaunen und Entsetzen der weiblichen Dienerschaft, welche da» Ende aller Dinge gekommen wähnte, zuerst im Erdgeschoß eine gründliche Durchsuchung aller Räume vorzunehmen.
Mit schlotternden Knieen hatte Johann sein
Stübchen erreicht und sich laut ächzend in den brque men Sorgenstuhl fallen lassen.
„Da» Unglück ist da", stöhnte er, „nun kommt'» bei der Kleinen heraus, was sie von der bürgerlichen Mutter geerbt hat. Einen solchen Vagabonden sich aufzuladen, — Gemeinschaft zu machen mit einem Verbrecher! — O, o, Johann, sie ist doch so gut, schäme Dich, Mer!"
Er schlug sich zornig auf den Mund und horchte dann angestrengt auf jeden Laut.
„Die Gnädige drinnen ist merkwürdig ruhig, hat noch nicht geklingelt, — wenn ich'» der Kleinen nur stecken könnte. Aber ich darf nicht hinauf, die Polizei hat schreckliche Augen, durch und durch kann sie einen schauen. — Halt, daß ich nicht daran gedacht, bist wirklich schwachköpfig geworden, alter Johann! — Ja, ja, so ein alte» Hau» mit feinen vielen Treppen und Gängen ist mitunter ganz nützlich, Herr Commissar. — Wenn'» nicht um die Ehre de« Hause» wäre, sie hätt's wahrhaftig nicht verdient, Fräulein Leichtsinn! — Und doch kann man ihr partout nicht böse sein, e» ist rein unmöglich."
Der Alte erhob sich mühsam, zündete sich ein Licht an, horchte noch einmal .nach dem Zimmer der Gnädigen, wie er da» kranke Fräulein zur Unterscheidung für sich und da» übrige Personal stet» zu nennen pflegte, und verließ dann leise sein Stübchen, um sich nach der entgegengesetzten Seite de« weitläufigen Hause» zu begeben, wobei er mit wunderbarer Sicherheit und überraschender Schnelligkeit, denn „die Angst beflügelte den eilenden Fuß", ein wahre» Labyrinth von Gängen und Treppen passtrte, und endlich da» letzte Hinderniß, ein vier Fuß hohe» eiserne» Gitter zu überwinden, und damit fein Ziel, da» Zimmer de» jungen Fräulein» zu erreichen. Athemlo», mit klopfendem Herzen horchte er hinunter nach dem Flur, wo sich in diesem Augenblicke Stimmen und Schritte vernehmen ließen. Da wurde de» Fräulein» Thür rasch geöffnet» Hedwiga stand vor ihm.
Johann legte den Finger an den Mund.
„Die Polizei ist im Hause", flüsterte er, „sie sucht nach einem Verbrecher, wird gleich mit dem gnädigen Fräulein hier oben sein."
„Großer Gott!"
Hedwiga ergriff die Hand de» Alten.
„Du mußt ihn retten, Johann! Still, Du mußt, — denn e» ist —"
Sie neigte sich zu ihm, um ihm den Namen in'« Ohr zu flüstern, und ihm dann erschreckt die Hand auf den Mund zu drücken.
„Du willst, nicht wahr?"
„Ja, ja", stammelte der alte Mann wie vernichtet, „nur rafch, sie sind gleich da."
Hedwiga flog in ihr Zimmer und kehrte im nächsten Augenblick schon mit ihrem Schützling zurück.
Bevor Johann sich'» versah, hatte derselbe seinen Arm erfaßt und ihn mit sich fortgezogen, um ben- fetten labyrinthischen Weg, den der Alte vorhin zurückgelegt, mit der größten Sicherheit und Ort«- kenntntß einzuschlagen.


