Die freundlichen braunen Augen des Freiftäuleins wußten, wie e» den Anschein hatte, von keinem selbst« erduldeten oder verschuldeten Leid der Vergangenheit, und auch im Publikum wußte man nichts davon zu erzählen, wie konnte die häßliche Ulrike wohl jemals etwas von L-ebe erfahren, welcher Mann sich um die „braune Hexe" bekümmert haben.
Ulrike von Jmmendorf hatte schon als Kind für die schöne Schwester geschwärmt und war ihr im Glück und Unglück unwandelbar treu und ergeben geblieben, von einer Geschichte wußte die Welt nichts.
3.
„Zünde die Laterne an, Johanni" befahl Fräu« lein Irmgard, und hole Fräulein Hedwiga vom Hause de» Herrn Major Tellkamp abl"
Johann verbeugte sich, warf aber zugleich einen raschen Blick zu Ulrike hinüber, welchen diese sofort zu verstehen schien.
Sie ließ den alten Diener ruhig das Zimmer verlassen und setzte sich mit einer Stickerei an den Tisch.
„Soll ich Dir etwa« vorlesen, liebe Irmgard?"
„Nein, ich danke", versetzte diese müde, „es macht mir mehr Freude, Deine flinken Finger arbeiten zu sehen."
Ein tiefer Seufzer begleitete diese Worte.
„Ah, ich vergaß, dem Johann einen warmen Shawl für die Hedwiga mitzugeben", sprach Ulrike, sich rasch erhebend, „Du entschuldigst einen Augenblick, liebe Schwester!"
„Es ist wahr, Du denkst an Alles", hüstelte Irmgard, „was sollten wir ohne unfern guten Hausgeist beginnen?"
Ulrike nickte ihr lächelnd zu und schritt rasch hinaus.
Draußen stand Johann, offenbar auf ste wartend. „Gnädiges Fräulein!" begann er halblaut.
„Nicht hier, Johann", wehrte Ulrike ab, „ich sehe, Du hast mir eine Mitiheilung zu machen."
Sie überschritt den breiten Corridor und öffnete die gegenüber befindliche Thür ihres sogenannten Conferenz-Zimmers, wo sie alle häuslichen und geschäftlichen Angelegenheiten zu erledigen pflegte.
„Nun, Alter, was giebt's?"
„Gnädiges Fräulein!" begann Johann auf'sNme mit einem verlegenen Räuspern, „ich kann Fräulein Hedwiga nicht vom Herrn Major abholen, weil das Fräulein nicht mehr dorten, sondern bereits heimgekehrt sind."
„Warum hast Du das nicht drinnen gleich gesagt, Johann?" fragte Ulrike verwundert.
„Hm, weil das gnädige Fräulein es mir verboten hatten."
Johann blickte verlegen vor sich hin, auf seinem faltigen Gesicht malte sich ein innerer Zwiespalt, welcher Ulriken'« scharfen Augen nicht entging.
„Es ist gut, Johann!" versetzte sie ruhig, „Du mußtest natürlich das Verbot respectiren. Ist meine Nichte auf ihrem Zimmer?"
„Zu Befehl, gnädiges Fräulein!"
Ulrike nickte ihm freundlich zu, worauf sich der Alte zurückzog, während seine Herrin ebenfalls da« Zimmer verließ, ohne die geringste Unruhe zu zeige».
„Und sie hat sie doch", murmelte Johann, seuf. zend der elastischen Gestalt nachblickend, welche lang, sam mit gewohnter, ruhiger Würde durch den vielfach gewundenen Corridor schritt, um sich, wie der all« Diener voraus sah, nach Fräulein Hedwiga'» Zimmer zu begeben. ~ >
„Die Kleine hat uns das Unglück in'» Haus ge. bracht", murmelte Johann, sich in sein Stübchen begebend, welches sich in der Nähe de» Wohngemach» befand, da er zu Fräulein Jrmgard's Diensten stet» bei der Hand fein mußte.
Im nächsten Augenblick öffnete Ulrike leise die Thür.
„Wenn geklingelt wird, Johann!" flüsterte sie, „dann melde drinnen, daß ich Geschäftliche» zu erle» digen hätte."
„Sehr wohl, wenn aber die Gnädige mich fragen, ob ich Fräulein Hedwiga schon abgeholt —"
„Dann sage — doch nein, ich werde selber noch einmal hineingehen."
Sie öffnete geräuschlos die eichene Flügelthür und schritt ebenso unhörbar über den weichen Teppich zu der Kranken hin, deren leise Athemzüge einen ruhigen Schlummer verkündeten. Ulrike blickte sie liebevoll an, nickte dann zufrieden und entfernte sich, die Thür geräuschlo» hinter sich in'» Schloß drückend.
Al» ste die breite gewundene Treppe, welche zum ersten Stock führte, hinaufstieg, erschreckte sie ein plötzliches rücksichtsloses Klingeln an der Hausthür. Eiligst kam Johann herbei, um zu öffnen, während Ulrike erwartungsvoll auf der Treppe stehen blieb.
„Oeffnen Sie augenblicklich!" gebot draußen eine herrische Stimme auf des Dieners Frage, welcher die zur Absperrung dienende Sicherheitskette niemals abnahm, bevor sich der Einlaßbegehrende hinreichend legittmirt hatte.
„Oho", meinte Johann beleidigt, „man steht vor einem herrschaftlichen Hause und dringt nicht ohne Weiteres zu uns herein. Wer sind wir denn eigentlich?"
„Im Namen de» Gesetzes verlange ich sofort Einlaß?" tönte die Stimme noch drohender.
Johann trat erschreckt zurück, als könne er seinen Ohren nicht trauen, worauf er die Hände entsetzt zusammenschlug.
„Oeffne, Alter!" gebot in diesem Augenblicke Ulriken's ruhige Stimme.
Zitternd gehorchte er, löste die Kette und trat wankend zur Seite, als ein höherer Polizeibeamter sichtbar wurde.
„Sie entschuldigen diesen etwas gewaltsamen Eintritt, gnädiges Fräulein!" sprach der Commissar mit einer tiefen Verbeugung, „die Nothwendigkeit erfordert denselben, weil sich aller Wahrscheinlichkeit nach ein I schwerer Verbrecher in dieses Hau» geflüchtet hat."


