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ßnchmer Jamilienblätter.
Belletristisches Beiblattzum Gießener Anzeiger.
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Ax. 102. Donnerstag dm 30. August 1888
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Im Kaufe Immendorf.
Original-Roman von Emilie Heinrichs.
(Fortsetzung.)
2.
Während dieses Vorgangs, der sich so geheimniß- voll abspielt?, herrschte in dem brauagetäfelten Wohngemach , d-ssen Kamin die. behaglichste Wärme au: - strahlte, eine todtenähnliche Stille, welche plötzlich durch ein krankhaft klingendes Hüsteln, dem ein tiefes Räuspern als Echo antwortete, unterbrochen wurde.
„Ist Hedwiga noch nicht heimgekehrt, Schwester Ulrike?" fragte eine klagende Stimme.
„Nein, liebe Irmgard!" tönte es im tiefen Alt- k ange aus einem der Bogenfenster mrück, „sie würde sonst schon hier bü uns sein. Doch ängstige Dich nicht um Hedwiga, meine Th eure1" — Du regst Dich ganz unnöthig auf und wirst eine schlechte Nacht bekommen."
„Ez dunkelt aber schon stark", bcharrte Irmgard mit ihrer sanften, klagende Stimme, „Hedwiga ist noch zu jung, um zu wissen, was sie unserm Namen schuldig ist."
„Freilich, liebste Irmgard, Du hast ganz recht wie immer", versetzte die tiefe Altstimme tröstend, „der Major wird sie jedoch sicher nach Hause befördern."
„Er läßt deshalb nicht anspannen, Schwrster!" tönte e« jetzt ungeduldig vom Kamin her, „seine Pferde sind ihm zu lieb und seine persönliche Be- gleitung mir nicht angenehm. Lasse Johann Licht bringen und ihn dann Hedwiga holen!"
„Ganz nach Deinem Willen, liebe Jcmgard! Nur, bitte, rege Dich nicht auf."
Ulrike erhob sich bei diesen Worten und sch.'llte dem Diener, welcher, des gewohnten Winks gewärtig, sofort mit der bereitgehaltenen brennenden Lampe eintrat. —
Der uns bereits bekannte Johann war ein altes erprobtes Inventar des Hauses Jmmendorf, ein echtes Exemplar der alten Schule mit dem sauber rastrten faltigen Gesicht, der ebenso sauber gehaltenen grauen Livree, dem schneeweißen Halstuch und der vom Alter gebückten Haltung.
Er setzte die Lampe vorfichilg auf den runden Tssch, welcher in der Mitte des großen Gemaches stand, umgeben von hochlehnigen, alterthümlichen Sesseln, deren seidene gestickte Überzüge schon sehr verblaßt waren. Von den Wänden blickt; die letzte
, Generation des freiherrlichen Gsschl'chrs aus breiten j Goldrahmeu hochmüthig herab, wäh'rnd die beiden z lebenden Nachkommen mir dem vornehm -mittelaller- l lichen Gepräge ihrer Umgebung seltsam harmonirten.
Die kleine zarte Gestalt mit der weißen Spitzen- | Haube, weiche e n schmal-s, durchflchtigdleiches Antlitz ■ umrahmte und dort auf einem R-chebeit am Komin \ lag, war das Felfräulein Irmgard von Jmmmdorf, • seit ihrem zwanzigsten Jahre sm ganzen Körper ge. lähmt. J'tzt zählte sie fünfandsünfzig 'Jahre, ein Bild hülflosm Jammers, welches bereits oem Grade . anzugehören schim. Und doch v ht« cs noch , energisch aufzublitzen in den braunen Augen, welche i übermäßig groß und geisterhaft aus dem schmalen v Gesichtchen hervorschsuten, denn Irmgard konnte sehr c launenhaft, ja sehe despotisch gegen ihre Umgebung l sein und duldete keinen Widerspruch, da sie nach des | Bruder» Tode das Haupt der Familie geworden war. I Ihre GcsHwister, desouber» die acht Jahre jüngere | Ulrike, hatten sich voll Lwö« und zartem Erbarmen l ihrer durch die vollständigste Hülflosigkeit noch gestei- l gerten Lennen stet« rücksichtsvoll untergeordnet und j sich allerdings dadurch ein schweres Kreuz auferlegt, i das von der sonst so energischen und stolzen Ulrike f mit so bewunderungswürdigem Heroismus getragen ' wurde.
Fräulein Irmgard besaß noch die Spuren einstiger Schönheit in den blauen Augen und den regelmäßigen L -wen des jetzt so erschreckend mageren Antlitzes, während Ulrike außer ihrer hohen, schlanken Gestalt und der echt vornehmen Erscheinung keine Schönheit aufzuweisen und, wie die boshafte Welt behauptete, auch niemals dergleichen Vorzüge besessen hatte, ja, heute noch ebenso aussehen sollte, wie vor fünfundzwanzig Jahren, was immerhin als ein sehr zweifelhaftes Complimrnt gelten mochte. Ulrike von Jmmendorf befaß, wie bemerkt, eine sehr vornehme Gestalt, doch eii G-sicht, das mit seinen scharfen eckigen Zügen, der gebogenen Nase und dem gebräunten Teint einen fast unweiblichen Eindruck machte, welcher durch'den tiefen Altklang ihrer Stimme nicht gemildert wurde.
Wer sie jedoch näher kennen lernte, mußte seinen Jrrthum schnell einsehen und sie unbedingt lübge- winn-n, denn frühzeitig dazu gezwungen, die schwere Kunst der Selbstbeherrschung, der Unterordnung des eigenen Willens zu üben, hatte Ulrike von Jmmendorf sitz jene geistige Ruhe, jene Harmonie de» Charakters angeeignet, welche Frieden und stilles B'- hagen um sich verbreitet und selbst das roheste Ge- müth zur fchmen Verehrung zwingt.
) in Gießen.


