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Hießener Jamilienblälter.

Belletristisches Beiblatt jum Gießener Anzeiger.

Nr. 76. Samstag dm 30. Juni. 1888.

Der Kröe des Kaufes.

Roman von Hermine Frankenstein.

(Fortsetzung.)

Es scheint fast unmöglich, daß Du etwas so Schlechtes thun konntest, Jasper, sagte sie.Aber ich will Dir keine Vorwürfe machen. Die Last der Schuld muß für Dich schwer genug gewesen sein. Und ich weiß, Du kannst nicht bet Ueberlegung ge­wesen sein, als Du Herrn Tressiltan's Geld nahmst."

Ich war es auch in der That nicht, Hefter I" Was ist zu thun, Jasper?"

Du mußt nach Berlin zurückkehren, wohin ich nach einiger Zeit auch kommen werde."

Das kann ich nicht, Geliebter", sagte Hefter fest." Ich will Alles thun, was Du sonst von mir ver­langst, aber nur verlassen kann ich Dich nicht. Für den Fall, daß das Schlimmste geschieht und Herr Tressilian Deine Verhaftung anordnet, wollen wir zusammen entfliehen!"

Lowder biß sich zornig auf die Lippen.

Wenn Du England nicht verlassen willst, so mußt Du wenigstens Glocester verlassen", sagte er. Du kannst in irgend einem entlegenen Orte Unter­kunft finden in Wales, Irland oder Schottland. Wenn Du mich nicht zu Grunde richten willst, wirst Du nicht in dieser Gegend bleiben. In jedem kleinen Landstädtchen gtebt es genug Häuser, die zu ver- mtethen sind; richte Dich dort mit dem Knaben häus­lich ein. Ziehe Niemanden in Dein Vertrauen und verlasse Dich nur auf mich. Sobald ich kann, werde ich zu Dir kommen."

Aber wohin soll ich gehen?" fragte Hefter furchtsam.

Es schien ihr ein ung mein schwieriges Unter­nehmen zu sein, für sich und den Knaben eine Un­terkunft zu finden.

Lowder überlegte.

Ich werde Dir einen abgeschiedenen Aufenthalts­ort aussuchen", sagte er nach einer Pause.Ich will mit Dir gehen. Wie bald kannst Du reise­fertig sein?"

Gleich. O, wie froh bin ich, daß Du mit mir gehen kannst", rief Hefter.

Packe also rasch ein. Mach' Dich bereit, wäh­rend ich hinab gehe und mich erkundige, wann ein Zug abgeht. Ich werde gleich wieder hier sein."

Er stand auf und ging hinaus.

Hefter begann sogleich ihre Reise-Vorbereitungen zu treffen. Lowder erkundigte sich nach dem Abgang

sämmtlicher Eisenbahnzüge. Dann ging er in den Lesesaal der Gasthofes und lftß sich Schreibrequistten bringen, um einige Briefe zu schreiben. Der erste Brief, den er schrieb, war an Sir Arthur Tressi­lian gerichtet und enthielt die Mittheilung, daß der Schreiber Frau Lowder in einem Zustande unbe­schreiblicher Angst und Aufregung gefunden habe und entschieden unfähig allein, besonders mit einem klei­nen Kmd, zu reisen. Er habe sich daher erbötig gemacht, sie nach London b's auf den nach Boulogne abgehenden Dampfer zu begleiten, da sie den Weg nach London zumeist fürchtete. Unter diesen Brief schrieb der Betrüger seinen angenommenen Namen Guy Tressilian.

Obwohl der Brief kurz war, brauchte er doch einige Zeit dazu, weil er Guy's Schrift nachahmen mußte. Als er ihn beendet und versiegelt hatte, nahm Lowder einen frifch-n Bogen Papier zur Hand und schickte sich an, an Blanche zu schreiben. Aber bei den Worten:Meine innigst geliebte Blanche!" hielt er inne. Konnte er an da« unschuldsvoll ver­trauende Mädchen mit den Worten eines Liebenden schreiben» während die Küsse seiner holden jungen Frau noch auf seinen Lippen brannten, während ihm das Jauchzen seine» lieblichen Knaben noch in den Ohren klang? Konnte er zwei edle und reine weib­liche Wesen so unglücklich machen?

Er schob da« Papier von sich und stützte den Kopf in die Hände. Er saß allein in der Zimmer- Ecke und nur das Auge des Msehenden erkannte, was in seiner Seele vorging. Lange saß er still und regungslos, aber die Habsucht und seine Leiden­schaft für Blanche erstickten alle Gewissensbisse.

Er schob sich das Papier wieder zurecht und schrieb, abermals Guy's Handschrift nachahmend, einen leidenschaftlichen Brief an Blanche, worin er ihr befeuerte, wie grenzenlos er sie liebe und wie schrecklich es ihm sei, fit nur für wenige Tage zu verlassen, und daß er k« nicht thäte, wenn es sich nicht darum handeln würde, die unglückliche Frau seine« armen Freunde» Lowder zu beschützen.

Als die Briefe be-nbigt und versiegelt waren, ging Lowder hinaus und schickte einen Boten damit nach Tressilian-Hof.

Dann ging er in den Gasthof zurück, um sich zu seiner Frau zu begeben.

Jetzt muß ich mich Hester's und des ftnaben entledigen", dachte er.

Ich will sie nach Northumberland bis an die Grenze bringen. Zwischen den Cheviot-Hügeln werde ich schon irgendwo ein Häuschen für sie finden und