Znchener Jamilienblätter.
Belletristisches Beiblatt ptm Gießener Anzeiger.
Nr. 153.
Samstag, dm 29. Dezember.
1888.
Aunk et!
Erzählung von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
Prell selbst konnte sich als Arzt dem Verkehre mit den Menschen nicht ganz entziehen. Was in ihm vorging, seinen Aerger suchte er hinter äußerer Kälte zu verbergen. Offen lieb er indeß diese Maske sollen, als er Körber einige Male auf der Straße begegnete. Mit einem unverhohlenen Blicke des tiefsten Haffes sah er ihn an. Körber lächelte darüber. Ec hatte ihn nicht zu fürchten. Er ertrug es sogar mit großer Gleichgültigkeit, daß er sich durch den Schutz, welchen er Paula gewährt, viele Feinde in der Stadt erworben hatte.
,,Die Leute halten zum wenigsten noch zusam- men", sprach er lächelnd zum Asseffor Jung, mit dem er öfter zusammenkam. „Es ist Dirciplin in ihnen. Ich bin überzeugt, daß keiner von Allen Prell leiden kann, aber in seiner Person ist ihr Verein beleidigt und nun fahren sie alle mit Eifer auf. Ich kann in keine Gesellschaft mehr kommen, ohne daß ich finsteren Blicken begegne." —
Selbst der Crimtnalrichter war seit jenem Vor- fall gegen Körber eingenommen. Ec konnte ihm nicht verzeihen, daß er sich in eine Privatangelegen- heit, die ihn nichts arging, gemischt hatte und daß er gegen Prell so schonungslos und in einer dessen Ruf so bloßstellenden Weise verfahren war.
Körber kümmerte sich um dieses Alles sehr wenig, Unbeirrt ging er seinen Weg weiter. Der Verdacht, daß Pr«ll mit dem Morde in irgend einer Verbindung stehe, hatte sich mehr in ihm festgesetzt. Fast seine ganze Zeit wandte er daran, um den Doktor zu beobachten. Jeden Abend stand er versteckt in Prells Park, bis dar Licht in desien Zimmer erlöschte.
Es brannte ost bis in die Nacht hinein und es blieb ihm Röthsel, womit sich Prell so lange beschäftigen mochte; trotzdem harrte er mit der ihm eigenen Zähigkeit und Willensstärke aus. Er hatte einmal die feste Ueberzeugung, daß er durch Beharrlichkeit zum festen Ziele gelange und die Erreichung desselben legte sich mit jedem Tage dringender an sein Herz.
Wieder stand er Abends in Prclls Park. Es war unfreundliche», stürmisches Wetter. Fetner Regen rieselte nieder. Ec hatte Anfangs gezögert, bei diesem Wetter da» Haus zu verlassen, allein der Gedanke, daß Prell, wenn er irgend etwas vor habe, sicherlich solchen Abend wählen werde, halt, ihn in den Park
getrieben. Wer nicht nothwendige Geschäfte draußen hatte, blieb sicherlich in dem warmen Zimmer.
An einen starken Baumstamm gelehnt, der ihm zum wenigsten gegen den Wind und Regen einigen Schutz gewährte, stand er da. Langsamer als sonst schwand ihm die Zeit hin. Anna hatte ihn gebeten, an diesem Abend zu ihr zu kommen — er hatte es abgelehnt. An sie dachte er. Wann kam endlich der Tag, wo er seine Verlobung mit ihr offen verkündigen konnte? An demselben Tage, an welchem ihr Bruder frei wurde, sollte es geschehen — aber wann, wann geschah dies!
Es hing für ihn so viel von der Entdeckung des Mörders abl Sein Glück — seine Ehre! Länger al« gewöhnlich hatte Prell an diesem Abende Licht. Ec sah den Schatten desselben hinter dem Fenster mehrere Male sich unruhig hin und her bewegen. An anderen Abenden hatte er dies nicht bemerkt. Was hatte er vor?
Endlich verlöschte das Licht. Noch kurze Zeit wartete Körber, dann wollte er sich nach Hause begeben. Er war durchkältet und durchnäßt. Schon hatte er den schützenden Baum verlassen, da war es ihm, als ob er ein leises Knarren der Thür, welche aus dem Hause in den Park führte, bemerkte. Er lauschte — Alle« war wieder still. Hatte ihn der Wind getäuscht?
Dennoch schlich er an den Baum zurück und horchte. Nach wenigen Minuten hörte er auf dem Grundwege sich nähernde Schritte. Hinter dem Baum zurückgedrängt, lauschte er mit ungehaltenem Athem. Kaum wagte er rin wenig hervorzuschauen.
Eine in einem Mantel gehüllte Gestalt, derselbe Schritt, die er an jenem Abend in dem Gäßchen neben dem Hause seiner Braut bemerkt hatte. Sein Herz schlug schnell — laut. Er preßte die Hand darauf, als wenn es ihn verrathrn könnte. Die Nacht war weniger dunkel als damals.
Kaum zwei Schritte von ihm entfernt, schritt die Gestalt durch — er erkannte sie ganz deutlich — es war Prell.
Ein Grabscheit trug er über die Schulter. War hatte er vor? Wohin wollte er während der Nacht — bet dem stürmischen Wetter? — Wozu der Spaten?
Diese Fragen drängten sich Körber hastig auf.
Der Doktor hatte ihn nicht bemerkt. — Schnell schritt er weiter, dem Walde zu.
Körber folgte ihm. Seine ganze Aufmerksamkeit mußte er zusammen nehmen. Er durste ihn nicht au« dem Gesichte verlieren und zugleich mußte


