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Warum nicht gar, Onkck Tellkamp!" lachte dis junge Dame etwas übermüthig, „wenn ein armer Klücktlina sich in unser Revier gerettet haben sollte, würde ich ihn sicherlich nicht au-ltefern. Grüßen Sie Maada, auf Wiedersehen, Herr Major!"
Sie reichte ihm die H-nd, schlüpfte durch die in- rwischen von dem besorgten Beschützer geöffnete Pforte, welche st- vorsichtig von Innen wieder verschloß und eilte wie ein flüchtiges Reh durch den Garten dem Hause zu, dessen Thür sie nach Verabredung nur angelehnt fand. Als sie den schwachrrhellten Vor- raum durchschritt, welcher durch einen schmalen Cor- ridor mit dem Vorderhause verbunden war, trat plötzlich wie aus einer Versenkung gestiegen, eine männliche Gestalt auf sie zu, welche, den Hut in der Hand, sie mit leiser Stimme bat, nicht zu
Fräulein Hedwiga unterdrückte mit fester Willenskraft einen Schrei und fragte scheinbar kalt und ruhig: „Wer sind Sie? Was oder wen suchen Sie hier?"
„Ich suche ein theilnehmendes, menschlich fühlendes Herz, mein Fräulein!" versetzte der Fremde, „und hoffe, es bei Ihnen zu finden. Ich werde wie ein wilde» Thier verfolgt, — habe mich in dieses Asyl geflüchtet und bitte um Ihren Schutz."
Der Fremde sprach diese Worte mit tonloser, völlig erschöpfter Stimme, doch mit einem Anklang feiner Bildung und, trotz seiner abgetragenen Kleidung, unverkennbar vornehmen Haltung.
Hedwiga blickte ihn einen Augenblick forschend an und sprach dann kurz: „Folgen Sie mir, womöglich aber geräuschlos."
Sie schlüpfte durch den Corridor, die breite Treppe hinauf nach dem ersten Stock und blieb vor einer Thür stehen, um sich nach ihrem zweifelhaften Schützling umzuschauen. Unwillkürlich zuckte sie zusammen, als sie ihn dicht neben sich erblickte und trat dann rasch in ein hübsches, alterthümliches Gemach, wo eine brennende Ampel» welche an einer feinen Kette herabhing, den behaglich eingerichteten Raum hinlänglich erhellte.
Die junge Dame ließ den Fremden eintreten, verriegelte kaltblütig, ohne die mindeste Furcht zu empfinden, die Thür und wandte sich dann im vollen Lichte dem Verfolgten zu, der, das dunkle Auge frei und offen auf sie heftend» seinen Blick so forschend aus ihr ruhen ließ» daß sie errörhete und ein wenig in Verwirrung gerieth, zumal sie sich der Wahrneh. mung nicht verschließen konnte, daß dieser Mann, der offenbar ein Verbrecher war oder als solcher doch verfolgt wurde» eine gewisse Aehnlichkett im Blick, ja in den Gesichtszügen mit ihr hatte. Sein Aeußeres war verwildert, arg mitgenommen, er gehörte zu den Ausgestoßenen der menschlichen Gesellschaft, sie sah und wußte es, und fühlte sich doch sympathisch von dem wehmüthigen Ausdruck, mit welchem er sie anblickte, berührt. Wer war dieser Mensch, wie kam er zu dem Jmmendorf'schen Gesicht?
Plötzlich, al« ob er ihren Gedankengang errathen,
trat er ihr einen Schritt näher, streckte die Hand aus und nannte leise mit vor Rührung bebender Stimme ihren Namen:
„Hedwiga!"
Das junge Mädchen zuckte wie von einem Schuß getroffen, zusammen, starrte ihn mit weitgeöffneten Augen an und rief dann im Tone innerster Ueberzeugung:
„Mein Bruder Ulrich!"
Der Fremde nickte bejahend.
„Ja, Kind, ich bin Dein unglücklicher Bruder", sprach er dumpf, „der Sohn Deines Vaters, der vor zwölf Jahren dieses Haus verließ, um es heute als ein vom Gesetz Verfolgter wieder zu betreten. Dein Herz hing al» kleines Kind schon an dem armen Stiefbruder, Dein Herz, da» heute dem Verfolgten, ohne ihn zu kennen, ohne nach seiner Schuld zu fragen, ein Asyl gewährte. Gesegnet sei diese« Frauenherz, das so gut und mild geblieben in der Atmosphäre der Selbstsucht!"
„Wo eine Tante Ulrike waltet", setzte Hedwiga, ihm die Hand drückend, hinzu, „doch still", fuhr sie erschreckt auf, nur ganz ruhig. Ich verberge Dich, Ulrich, ob Du schuldig bist oder nicht; ein gemeiner Verbrecher kannst Du nimmermehr sein."
„Ich danke Dir, Hedwiga, für dieses Vertrauen. Nein, ich bin kein Verbrecher, obwohl eine Ver- kettung unglücklicher Umstände mich als einen solchen erscheinen lassen."
„Gut, ich glaube Dir, mein armer Bruder! — Bleibe einstweilen hier, damit ich den alten Johann, der Dich, wie ich fürchte, gesehen hat, instruire; ich will nicht, daß er Tante Ulrike unnöthig erschreckt."
Hedwiga drückte ihm noch einmal die Hand und verlieb das Zimmer, welches sie verschloß. Sie brauchte nach dem alten Diener nicht lange zu suchen, da derselbe in auffallender Unruhe sich ihr in den Weg stellte.
„Johann!" sprach die junge Dame kurz mit halblauter Stimme, „Du sahst mich vorhin mit einem Fremden?"
„Ja, gnädiges Fräulein! stotterte der Alte. „Ich dachte, er wollte betteln oder —"
„Unsinn!" fiel sie lächelnd ein, „ich kenne ihn, er ist ein Unglücklicher, und meine» Schutzes würdig. Du erwähnst nichts davon gegen meine Tante. Sie darf e» nur durch mich erfahren."
Johann seufzte und blickte ihr nach» al» sie geräuschlos die Treppe wieder hinaufhuschte.
„Vagabond» Bettler, vielleicht ein Dieb!" murmelte der alte Mann, „sie vergißt es zu oft, daß sie eine Jmmendorf und von uraltem Geschlecht ist. Freilich - ihre Mutter - e» liegt ihr im Blut!"
(Fortsetzung folgt.)


