Jauttenzer.
Von G. Kopal.
(Schluß.)
Nein, die richtigen Faullenzer sind auf anderem Gebiete zu finden, als auf dem der soeben besprochenen Berussart, und dem forschenden Auge der Statistik entgehen sie gänzlich. Wir nehmen zunächst die Individuen in Betrachtung, welche von der übel angebrachten Gutherzigkeit ihrer Verwandten leben; sie sind viel zahlreicher als man gewöhnlich annimmt. Da ist zunächst der Ehemann, welcher sich von der Ehegattin ernähren läßt. Ein Jeder, welcher die unbemittelten Volksklassen näher kennen gelernt hat, wird bestätigen, daß es zahlreiche Ehemänner und Väter giebt, die, obschon noch ganz rüstig und arbeitsfähig, nach und nach sich das Faullenzen angewöhnten, weil die opferwillige Liebe der Frau oder der Kinder sie mit durchschleppte. Treffliche Characterzeichnungen dieser Art finden sich auch in einigen der berühmtesten Dickens'schen Romane, u. A. der würdige Mr. Man- talini in „Nicholas Nickelby", ferner in „Fromont jeune et Risler aine“, von Daudet, der meisterhaft geschilderte alte Komödiant, welcher durchaus „dem Theater nicht entsagen will", aber nie einer Bühne angehört. Alle Klassen der Bevölkerung liefern ihr Kontingent zu dieser Schmarotzergattung; im Arbeiterstande mögen sie verhältnißmäßig nicht allzu zahlreich vorkommen, weil der Verdienst der Frau und Kinder gewöhnlich kaum für den nöthigen Lebensunterhalt der Arbeitenden selbst ausreicht. In den mittleren Schichten dürften die Beleg-Exemplare noch zahlreicher zu finden fein. „Haben denn solche Leute keinen Funken Ehrgefühl?" höre ich im Geiste manche entrüstete Leser und Leserinnen rufen — ja, was diesen Punkt betrifft, so kann man sich darauf verlassen, daß die meisten der Faullenzenden sehr entrüstet wären, wenn man an ihrem Ehrgefühl Zweifel aussprechen wollte. Der vorhin erwähnte alte Komödiant betrachtet das Nichtsthun geradezu als ein schweres Opfer, welches er blutenden Herzens zu bringen gezwungen sei. Einen andern Herrn von Adel lernten j nur kennen, dessen Frau ein Hotel garni hielt; er klagte oft genug, wie weh es ihm thäte, durch Staudesrückfichteu zur Uuthätigkeit gezwungen zu sein; auch er betrachtet sich als Opferlamm. Wiederum ein Individuum gleichen Schlages, das als Kaufmann mehrfach fallirt hatte und sodann von Frau und erwachsenen Töchtern, Schullehrerinnen, sich mühesam ernähren ließ, klagte stets über Krankheiten aller Art. Der Mann war kerngesund; sein Klagen sollte die Beobachter seiner sozialen Stellung täuschen. Er selbst war sich über die Ehrlosigkeit seiner Handlungsweise klar, denn sonst wäre ihm nicht einmal im Rausche der Ausspruch entschlüpft: „Das Arbeiten ist doch eigentlich nur für die Dummen." Auch in Harbert's Schriften kommt ein famoser
Faullenzer vor; mir ist bekannt, daß der Autor nach dem Leben schilderte. Ein verbummelter Student erbt vom reichen Onkel eine Jahresrente, die ihm ausgezahlt werden soll, „so lange er studirt;" er bleibt daher Student, heirathet auch als solcher, verzehrt gemühtlich seine Rente und denkt gar nicht daran, die Universität zu verlassen. Das ist natürlich ein selten vorkommender Fall; äußerst oft dagegen findet man erwachsene Söhne, die von liebenden Eltern, namentlich von zärtlichen Müttern, fort und fort ernährt werden und jahrelang das herrliche Faullenzen gemüthlich fortsetzen. Töchter solchen Schlages giebt es unserer Ansicht nach zwar gleichfalls, aber verhältnißmäßiger weniger.
Zu den absoluten Nichtsthuecn kommen dann noch die partiellen Faullenzer, z. B. auf schlecht überwachten Bureaux die Meister im Zeittodtschlagen, die „Zeitungsleser und Frühstücksvirtuosen", die es verstehen, ein ganz winziges Quantum Arbeit auf die gesammteu Bureaustunden zu vertheilen. Das Sprüchlein vom „Maurerschweiß, dessen Tröpflein einen Dukaten kostet", ist längst veraltet, seit die Akkordarbeit im Bauwesen eine so große Rolle spielt; was dagegen ein dem Arbeiten abholder Schreiber, Kommis, Beamter rc. für Minuten, Viertel- und Halbe-Stundm vertrödeln kann, das kann nur derjenige beurtheilen, der es schaudernd selbst erlebt; eine eingehende Schilderung derartigen Treibens lasen wir einmal mit großem Amüsement in den fliegenden Blättern. Auch manche Lakaien sollen das Faullenzen trefflich verstehen.
Schließlich sei noch der „Gelegenheitsarbeiter" gedacht, welche die Plage der Polizisten, Untersuchungsrichter, Amtsgerichts-Anwälte rc. sind, der arbeitsscheuen Vagabunden, die sich mit der erbärmlichsten Speise, der zerlumptesten Kleidung begnügen, die aber um keinen Preis der Welt die Hand zum Schaffen rühren möchten. Man verwechsele sie nicht mit den zahlreichen Bettlern, die gern arbeiten möchten, wenn sie nur Arbeit hätten, wir meinen diejenige Kategorie, gegen deren unüberwindliche Arbeitsscheu sich diverse Alineas des § 361 des Deutschen Strafgesetzbuches richten. Doch genug von diesen traurigen Nachtseiten, deren wir nur der Vollständigkeit halber Erwähnung thun mußten. — Alles in Allem genommen, glauben wir, daß trotz des besprochenen Abschlages, welcher den „Berufslosen" der Statistik zu Gute zu rechnen ist, wohl noch mehr als 7 Prozent wirklicher Faullenzer herauskommen dürften. Beneide sie nicht um's süße Nichtsthun, freundlicher Leser; glücklicher daran sind doch entschieden die wackern Leute, die gern und redlich arbeiten um's tägliche Brot; es liegt eine tiefe Wahrheit in dem alten Verslein: „Der nur hat Bekümmerniß, der die Arbeit haßt." Und tritt einmal der Zwang zur Thätigkeit an den Faullenzer heran, so schmeckt er doppelt bitter.
Stiebaction: i. V. Hermann Elle. — Druck unb Verlag bet Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


