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Belletristisches Beiblatt ?um Gießener Anzeiger.
Nr, 101. Dienstag beit 28. August. 1888.
Der Kröe des Kaufes.
Roman von Hermine Frankenstein.
(Schluß.)
Jasper Lowber sank bleich und zitternd nieder, die Röthe des Schuldbewußtseins stieg ihm in die Wangen und ein furchtbarer Ausdruck trat in seine Augen. Seine Stunde hatte endlich geschlagen und mußte er der Strafe entgegensehen.
Er dauerte lange, ehe die wieder Vereinten, Vater und Sohn, an etwas Anderes, als an sich selbst denken konnten. Aber endlich machte sich Guy sanft aus den Armen des Baronets los und Olla's Hand ergreifend, führte er sie zu Sir Arthur hin.
„Vater", sagte er mit seiner weichen, wohlklingenden Stimme; „ich muß Dir eine Erklärung ab- geben. Ich wurde bet meinem Schiffbruche an der sicilianischen Küste am Kopfe verwundet. Ich erwachte wieder zum Leben, aber — vollkommen hilflos und irrsinnig. Ich war freundlos, verlaffen, dem Tode nahe. Daß ich meinen Verstand wieder erlangt habe, ja, daß ich lebe, danken wir dem edlen Mädchen an meiner Seite. Hier ist meine Retterin, mein Schutzengel, meine Wohlthätertn. In ihrer eigenen größte« Gefahr wollte sie den hilflosen Blödsinnigen nicht verlaffen. Ihr hast Du er zu danken, daß Du mich in diesem Leben wieder siehst."
Sir Arthur streckte in warmem Gefühl seine Hand nach Olla aus.
„Vater", fuhr Guy fort, und seine Stimme zitterte vor gewaltiger Aufregung. „Olla ist mir mehr als Schutzengel oder Wohlthätertn, sie ist — meine Gattin!"
Sir Arthur erschrak vor Ueberraschung, aber das zärtliche Lächeln auf seinem Gesichte wurde noch zärtlicher und seine Augen leuchteten Heller auf, al» er da» junge Mädchen an seine Brust zog und da» schüchterne holde Gesichtchen küßte.
„Meine Tochter", sagte er mit väterlicher Freundlichkeit, und seine Stimme zitterte wie die Guy'», „sei willkommen in unserer Heimath und in unserem Herzen. Die» ist eine glückliche Ueberraschung für mich, e» ist da» glücklichste Weihnacht-fest, da» ich je erlebt habe!"
Ec küßte sie wieder und Olla fühlte, daß er sie in sein Herz eingeschloffen und ihr seine Liebe geschenkt hatte, wie unbekannt sie ihm auch war, und daß sie nicht nur einen Gatten, sondern auch einen Vater gewonnen hatte.
Guy legte den Arm seiner jungen Gattin in den
seinigen und führte sie zu Blanche hin, welche sie unter Thränen und Lächeln empfing.
„Blanche", sagte er einfach, „ich bringe Dir eine Schwester. „Olla, dies ist Blanche, von der ich Dir erzählt habe."
Die beiden Mädchen umarmten einander zärtlich.
Guy ließ ste beisammen und wandte sich zu seinem falschen Freunde und früheren Gesellschaftkr und betrachtete ihn mit strengem, traurigen Blicke.
Lowder zitterte wie ein Blatt im Sturmwinde, stand auf und näherte sich Tresfilian mit niedergeschlagenen Augen.
„Jasper Lowder", sagte Tresfilian in tief schmerzlichem Tone, „müffen wir un» so wiedersehen."
Ein gewaltiges Schluchzen drang aus Lowder'» keuchender Brust. Er streckte wie abwehrend die Hände au».
„O Guy, Guy!" schrie er mit bebenden Zügen, „ich danke dem Himmel, daß Ihr gerettet und Euren Angehörigen wiedergegeben seid! Gott ist mein Zeuge, daß ich immer um Euch trauerte. Ich glaubte, Ihr wäret so gut wie tobt. Ich war arm und durch Euren Unfall in die Welt htnausgestoßen; die Versuchung war stärker als meine Widerstandsfähigkeit. Ich bin schuldig — ich habe Sir Arthur gekränkt, betrogen und beraubt. Ich habe die unschuldige Blanche bethört und würde sie geheirathet haben, trotzdem ich bereit» eine Frau habe. Ich verdiene", fügte er verzweifelnd hinzu, daß Ihr mich verhaften und streng bestrafen laßt."
Hefter Lowder stieß einen gellenden Schrei au» und warf sich Sir Arthur zu Füßen.
„O schonet ihn, Herr Tressilian!" flehte ste. „Er wußte nicht, wa» er that. Schonet ihn, um meinetwillen! Ich habe Niemanden in der ganzen Welt außer ihn! Und ich liebe ihn trotz alledem!"
„Vater", sagte Guy sanft, während seine blauen Augen sich plötzlich mit Thränen füllten, „wenn diese arme, schwergekränkte junge Frau dem Gatten verzeihen kann, der sie verließ, können wir ihm nicht auch vergeben?"
Sir Arthur senkte den Kopf.
„Er kann gehen", sagte er. „Seine einzige Strafe wird sein Gewissen für ihn sein."
Hefter Lowder stand auf und küßte, heißen Dank stammelnd, die Hand de» Baronets. Jasper stammelte Dankesworte, ergriff Hester's Hand und wankte zur Thüre.
Er war kaum drei Schritte weit gegangen, al» er schwer athmend stehen blieb.
Auf der Schwelle stand Herr Devereux Gower;
in Gießen.


