Ausgabe 
28.6.1888
 
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Hichener Mmilienblätier.

Belletristisches Beiblattsum Gießener Anzeiger.

75 Donnerstag bett 28. Juni.1888.

Der Gröe des Kaufes.

Roman von Hermine Frankenstein.

I (Fortsetzung.)

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Eine glaubwürdige Geschichte.

In einem Hdtien, hübsch ausgestatteten Raume j des Gasthofes, in dem Hefter ab gestiegen war, fand - Lowder am flackernden Feuer ein Bild von wunder- i barer Lieblichkeit. Eine junge Mutter mit von Liebs \ und Seligkeit verklärtem Gesicht hielt auf ihrem; Schooße einen fröhlich lächelnden Knaben.

Das Oeffnen der Thür schreckte die junge Mut- s ter auf, fie stieb einen leichten Freudenschrei aus \ und eilte, das Kind in ihre Arme nehmend, mit ? glückselig strahlender Miene auf Lowber zu. Sie s legte ihren Kopf an seine Brust. Lowder schlang ; seinen Arm um ihren Leib und berührte ihre Stirn - kalt mit seinen Lippen.

Es fehlte sowohl dieser Liebkosung als seinem ? ganzen Benehmen so sehr jede liebevolle Zärtlichkeit, | daß das Herz der jungen Frau eisig davon berührt i wurde.

,,Freust Du Dich nicht, mich zu sehen, Jasper?" « fragte sie mit einem traurig bittenden Blick.

Sei nicht thöricht, Hefter", entgegnete Lowder [ kalt.Liebkosungen eignen sich sehr gut für Flitter- i wochen, aber das Leben ist zu ernsthaft, um nach - dieser Zeit sich noch solchen Thorheiten zu überlassen." !

Die Lippen der armen Frau zuckten. Die Röthe s wich aus ihrem Gesichte, und sie zitterte, als ob | man ihr einen Schlag versetzt hätte.

Aber ich ich habe Dich so lange nicht ge- s sehen, mein Liebling", sagte sie bittend.Ich hielt | Dich für tobt, Jaiper, und habe so sehr um Dich : getrauert. Das ganze Licht war aus meinem Leben l gewichen. Und jetzt bin ich so froh und glücklich, 1 daß meine Seele schier vor Freude überströmt."

Das ist natürlich", sagte Lowder.Aber Du \ mußt jetzt vernünftig sein."

Die Lippen der jungen Frau zuckten schmerzlich, t

Ich habe Dich so lieb wie immer", erklärte ; Lowder;aber man kann nicht immer von Liebe; sprechen. Es gtebt Dinge im Leben, die noch wich- ; tiger sind als die Liebe."

Sein kalter Ton berührte die empfindsame Seele * der jungen Frau schmerzlich. Sie erzwang indeß ein ! Lächeln und sagte:Jasper, Du hast das Kind noch gar nicht angesehen. Ist es nicht wunderschön?" i

Lowder wandte seine Blicke seinem Söhnchen zu. Der muntere, kugelrunde, kleine Knabe mit seinem blühendfrischen Gesichtchen, den Grübchen in Kinn und Wangen, einem schelmischen Lächeln und großen, blauen Augen jauchzte ihm laut zu und streckte sei­nem Vater die weißen, runden Händchen entgegen.

Lowder nahm das Kind aus Hefter's Armen und trug cs zum Fenster. Vielleicht war es dar ver­trauensvolle, kindliche Lächeln, vielleicht der heitere Blick der blauen, unschuldsvollen Augen, etwas rührte Lowder's Herz und erweckte den Jnstinct der Vaterliebe in ihm. Er preßte den Knaben an feine Brust und küßte die unfchuldsvolls, weiße Stirne und den mit blonden Locken bedeckten Kopf.

Mein Knabe!" sagte er leise, al« das kindliche Gesicht an seiner Brust lag,mein armer Knabe!"

Hefter sah Thränen in den Augen ihres Gatten. Die junge Frau trat näher auf ihn zu, umschlang ihn mit beiden Händen und schaute mit liebevoller Zärtlichkeit zu ihm auf.

Wie das Kind zu Dir verlangt", sagte sie in glücklichem Tone.Sich' nur, wie lieb er Dich hat, Ja per I"

Jasper Lowder schaute abwechselnd auf Weib und Kind; das eine mild und ruhig, mit einem sanften, aber festen Ausdruck in den Augen und der Gluth einer tiefen Liebe in allen Zügen, das andere blühend in holder, kindlicher Anmuth und Frische.

Ein banges Wehegefühl durchzuckte fein Herz und eine seltene Aufregung bemächtigte sich seiner. Er gab den Knaben seiner Mutter zurück und ging mit aufgeregten Schritten im Zimmer auf und ab. Die Sehnsucht überkam ihn, seine falsche Stellung aus­zugeben und mit diesen Beiden in irgend ein fernes Land fortzugehen, wo er für sie arbeiten und sich einen ehrenhaften Namm erwerben könnte.!UWW^

Dieser Augenblick war der Wendepunkt in Low­der's Leben.

Verstehend, daß ein Kampf in seiner Seele vor­gehe, beobachtete ihn die Frau in schweigendem Ge­bete. Man hörte nicht» in dem Zimmer, als die raschen Tritte ins auf- und abgehenden jungen Mannes und die jauchzende Stimme des Kindes.

Hefter", sagte der Gatte endlich heiser.

Es lag eine Zärtlichkeit in seinem Tone, welche die junge Frau freudig durchzuckte.

Ja, mein Theurer", antwortete sie liebevoll. Was giebt es?"

Lowder ging wieder einige Male durch's Zim­mer, ohne zu antworten.

, Ich kann es nicht thun", rief e» in ihm.Ich