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auch ein Herz besäße, sie steht aus, wie ein Weib, das lieben kann, und das man lieben möchte; aber sie ist wie alle — geldgierig, selbstsüchtig." Er konnte nicht umhin, eine Art Enttäuschung zu fühlen. „Sie sollte ein edleres, befferes Weib sein, als Flora", dachte er weiter, „sie hätte bereit sein müffen, mir das Vermögen abzutreten. Ich hätte ja das Opfer nicht angenommen; aber ich hätte ste dafür bewundern und verehren können, daß sie es bringen wollte Doch sie find alle gleich."
So verging ein halbes Jahr, ohne daß etwas Besonderes sich zugstragen hätte, als Robert eines Tages von einem Ausgang zurückkehrend, seine Wohnung betrat und dort Dr. Wilde vorfand, der in großer Aufregung seiner harrte. Er hielt einen offenen Brief in der Hand und rief dem jungen Mann entgegen:
„Hören Sie nur, diesen Brief habe ich^ soeben erhalten:
„Geehrter Herr Dr.! Bitte mich heute Abend um 6 Uhr mit Ihrem Besuche zu beehren, und Herrn Rußmann mitzubringen. Das Testament hat sich gefunden, und es wird mir großes Vergnügen gewähren, den rechten Erben in seine Rechte einsetzen zu helfen. Mit größter Hochachtung Martha Reger."
Natürlich leisteten die Beiden der Einladung Folge, und des Doctors erste Frage beim Betreten des Salons war: „Wo hat es sich gesunden, liebe» Fräulein Martha?"
„Es war überhaupt nicht verloren, Herr Doctor , war Marthas ruhige Entgegnung. Und auf das grenzenlose Erstaunen der beiden Herren erzählte sie ihnen Folgendes:
„Der alte Herr Rußmann wußte von der Liebe seines Neffen zu Fräulein Lucius und war davon nicht erbaut- Doch fürchtete er, daß Widerspruch Herrn Robert in seiner Neigung nur bestärken werde und verfiel daher auf einen Plan, den er mir anvertraute. Während seiner letzten Krankheit bat er mich,' das Testament zu meinen Gunsten, das noch nicht ver nichtet worden, an den Platz des richtigen zu legen, das letztere aber anMich zu nehmen und es bis zu einem halben Jahre nach seinem Tode zu verbergen." „Man wird dann", sagte er, „meinen Neffen für einen armen Mann halten, und das Mädchen wird sich im wahren Lichte zeigen. Liebt sie ihn wirklich, so wird sie treu zu ihm halten, und dann habe ich nichts gegen die Verbindung." — Hier, Herr Rußmann, ist auch ein Brief an Sie, der alles bestätigen wird. „Und", fügte er zögernd hinzu, „wenn ich Unrecht gethan, indem ich Sie von Ihrer Braut getrennt, vergeben Sie mir I Vielleicht können Sie Fräulein Lucius jetzt noch gewinnen, da Sie reich sind. Ich konnte nicht anders, ich mußte den Willen des Tobten erfüllen."
„Und ich bin Ihnen herzlich dankbar dafür", entgegnete Robert warm. „Flora ist einer treuen Liebe nicht werth, und ich wäre als ihr Gatte unsäglich elend geworden. Aber es ist mir mehr werth als alles Vermögen, daß ich in Ihnen nun ein edles Weib finde, deren Herz ebenso lieblich ist wie ihr Angesicht."
Er brach hier ab, denn Dr. Wilde hatte die Hand auf seinen Arm gelegt.
„Lesen Sie Ihren Brief erst", sprach er in kühlem Geschäftston, „und dann wollen wir das Testament eröffnen."
Robert gehorchte ihm.
„Der Brief bestätigt genau Fräulein Marthas Angaben", er sprach dann, „nur drückt er noch eine Bitte aus. Kennen Sie dieselbe, Martha?"
„Nein", war ihre erstaunte Antwort, „ich habe keine Ahnung davon."
„Aber Sie, die die Wünsche de» Tobten so ge« treulich erfüllt haben, rathen mir doch wohl, seiner Bitte nachzukommen, besonders da sie mit meinen Wünschen übereinstimmt?"
„Nun, dann ist sie ja leicht zu erfüllen", meinte sie lächelnd.
„Gewiß, aber die Ersüllung hängt nicht nur von mir ab, sondern auch von Ihnen, Martha."
„Von mir?"
„Ja, von Ihnen. Der Herr Doctor wird mir jetzt mittheilen, daß kraft dieses zweiten Testaments das ganze Vermögen mir zufällt; aber ich kann es nur unter einer Bedingung annehmen."
„Und die wäre?"
Robert gab dem Doctor einen leisen Wink, sich zurückzuziehen, der sogleich befolgt wurde- Dann trat er auf Martha zu.
„Können Sie nicht rathen?"
Eine tiefe verrätherische Röthe überzog ihr Gesicht.
„Ich möchte nicht rathen", entgegnete sie leise, „sagen Sie es mir lieber."
Er ergriff ihre kleine zitternde Hand und preßte sie an die Lippen.
„Wenn ich das Vermögen aus Ihrer Hand annehme, geben Sie mir die Hand dazu, Martha I Liebste Martha, ich habe Dich lange geliebt, ohne es zu wissen; jetzt weiß ich es, und ich bitte Dich, willst Du auch diesen Wunsch meines Onkels erfüllen und mein theures Weib werden?"
Bebend entzog sie ihm ihre Hand.
„Ich bin zu arm, zu unbedeutend —"
„Arm? Du bist reich, Martha, reich an Herzens» güte, an Anmuth, Schönheit. Ich liebe Dich und mein Onkel wünscht unsere Verbindung, Du mußt seinem Wunsche nachkommen 1"
„Zuerk will ich dem Wunsche meines eigenen Herzens willfahren, Geliebter", sprach sie leise. „Liebst Du mich wirklich?"
„Kannst Du noch fragen? Aber Du?"
„Ich liebe Dich schon, solange ich Dich kenne", flüsterte sie an seinem Herzen.
Es dauerte nicht lange, da waren die Beiden ein glückliches Paar, und das verlorene Testament, das so viel Aufsehen verursacht, war nun ganz werthlos geworden; denn der höchste Wunsch des Tobten war ja erfüllt; die Beiden, die er am meisten geliebt, waren seine Erben, ohne daß eines das Recht de» andern beeinträchtigte.
Siebaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brlihl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


