Hießener Jamilienblätier.

Belletristisches Beiblatt mm Gießener Anzeiger.

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Nr. 12. Samstag dm 28. Januar. 1888.

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Die verkorene Wißet.

Original-Roman in 3 Bänden von Dr. Carl Hartm ann-Plön.

(Fortsetzung).

9?un, eine kleine Krankheit, an der man nicht stirbt, die vorübergehend ist, lehrt uns die Gesund­heit erst schätzen; aber wie erträgt es eine Frau, Jahr ein, Jahr aus, seit länger als einem Decmntum, fast täglich sich krank und elend zu fühlen, ohne die Geduld, ohne die Hoffnung auf eine gänzliche Besserung zu verlieren? Und meine Kranke erträgt ihr Schicksal mit rührender Geduld und ist zufrieden, wenn sie nur ihren Arzt sehen und sprechen kann. Auch ihr ergeht er so, wie so vielen Anderen, auch sie hat die Neigung, mich zu ihrem Beichtvater zu machen und mir anzuvertrauen, was sie erlebt und erlitten. Manches habe ich schon von ihren früheren Verhältnissen erfahren, wenn auch nicht Alles. Namentlich dann, wenn ihre Schwester, die für i Beide den spärlichen Lebensunterhalt verdient, nicht zugegen ist, wird sie mittheilsam und erzählt mir i Einzelheiten, aber stets ohne einen Namen dabet zu | nennen, au» ihrer Vergangenheit. Heute jedoch hat x sie mir von dieser traurigen Vergangenheit mit Aus- i nähme einer einzigen Sache ein vollständiges Bild entrollt. Sie war von einem sehr hefttgm Brust­krampf befallen, weshalb sie mich eiligst hatte holen lassen. Zwar war der Anfall bereits vorüber, als ich kam, aber seine Intensität hatte die längst em­pfundenen Todesahnungen in hohem Maße vermehrt, und in dieser Stimmung erfuhr ich denn noch weit mehr als früher. Nur Eins müsse sie mir verschweigen, sagte sie mir, und dies Eine sei auch wohl die Hauptursache ihre» nervösen Leidens, es sei eine Schuld, eine schwere Schuld, eine Unterlassungssünde, die sie begangen, sie habe einen Schuldigen nicht verrathen wollen und dadurch sei ein Unschuldiger \ unglücklich geworden, sie habe jedoch den Muth nicht, i ein vollständiges Geständniß abzulegen. Ich bin 5 aber überzeugt, daß sie es bet der nächsten Gelegen- i heit thun wird. Sie muß sehr hübsch gewesen sein, \ sie wäre es noch, wenn nicht in ihrem Gesicht ihr ? nervöses Leiden zu sehr ausgesprochen wäre. Sie \ stammt jedenfalls aus einer sehr gebildeten, vielleicht vornehmen Familie. Von ihrem Gatten, der ein ' schlechter und leichtsinniger Mensch war, ist sie heim- i sich verlassen, nachdem er ihr Vermögen und das ihrer Schwester durchgebracht. Sie hat seit jener Zeit nie wieder etwas von ihm gehört. Indessen,

ohne indiscret zu sein, darf ich Ihnen nicht mehr erzählen, aber aursprechen kann ich wohl noch die ; Vermuthung, daß meine Kranke höchstwahrscheinlich

vor einer Reihe von Jahren ein hervorragender Stern am Himmel der Kunst war, und daß sie ihre Kttnstlerlaufbahn, auf der sie vermögend geworden war, des eingetretenen Leidens wegen aufgeben mufjte Ein wahres Prachtstück ist ihre Schwester, das heißt von Herzen, äußerlich ist sie von einer Häßlichkeit, die man fast grotesk nennen könnte. Aber aus ihren kleinen, grauen Augen leuchtet eine solche Fülle von Gutmüthigkeit und Wohlwollen hervor, daß man sich sofort zu ihr hingezogen fühlt. Sie ist die Stiefschwester der Kranken, ein Umstand, der es in etwas erklärlich erscheinen läßt, daß in s dem Aeußeren Beider ein so großer Unterschied sicht­

bar ist; sie nennt sich Auguste Brandt und ihre kranke Schwester führt den Namen Frau Schmidt. Aber ich glaube, daß weder die Eine Brandt, noch die Andere Schmidt heißt, sondern daß sie diese Namen aus Gründen, die mir noch nicht klar sind, nur angenommen haben, um sich vielleicht hinter l demselben vor irgend einem menschlichen Wesen zu | verbergen und es ihm schwer zu machen, sie zu ent« s decken und aufzufinden. Fräulein Brandt, die be« { deutend Aeltere, ist der Jüngeren gegenüber so sorg« l sam, so liebevoll wie eine Matter: so ist es gewesen

seit vielen Jahren» damals schon, als fie noch in besseren Verhältnissen lebten. Jetzt ist ste Diejenige, die allein den Lebensunterhalt verdient, es geht aber aus Allem hervor, daß der Verdienst ein sehr be« scheidener ist, auch daraus, daß sie bei der Poliklinik ärztliche Hülfe gesucht. We!ch:r Art aber die Be­schäftigung ist, weiß ich nicht, es kommt mir so vor, als wenn sie sich genirrn, es zu sagen, weshalb ich auch nicht direct darnach fragen mag. Sie wohnten früher vor dem Thore, nun hat sich aber plötzlich in unmittelbarer Nachbarschaft ein Schmied ctablirt, \ und da cs der Kranken unmöglich ist, da» ununter- ; brochene Gehämmer auf dem Ambos zu ertragen, l sind sie von dort fortgezogen »nd haben sich hier im | Magdalenenstift eine Hofwvhnung gemiethet. z Doch, lieber Freund, bin ich nun in der That nicht - zu Ihnen gekommen, um Ihnen die Privatverhält«

Nisse einer meiner Kranken zu erzählen, sondern ich ; habe Ihnen etwas Anderes mitzuthellen und hätte meinen Bericht eigentlich mit dem Wort Heureka!

; beginnen sollen."

Heureka? Was haben Sie berat dort ge­funden?"

,@ie wissen doch, daß an keinem der hiesigen