Hichener Jamitienbläller.
Belletristisches Beiblatt;um Gießener Anzeiger.
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Nr. 140. Dienstag, den 27. November. 1888
Aurikel!
Erzählung von Friedrich Friedrich.
(Fortsetzung.)
Wieder fand in der letzten Zeit ein Ball statt.
Prell konnte sich den vielen Aufforderungen, an demselben Theil zu nehmen, nicht entziehen. Er mochte auch Paula dies Vergnügen nicht versagen.
Er hatte sie aus's Reichste ausgestattet, denn er wollte mit ihr glänzen. Und in der That war Paula die Schönste von Allen, und Aller Augen richteten sich aus sie, als sie in den Saal trat. Ihre große und schlanke Gestalt erschien in der Ballkeidung noch schlanker. In ihrem dunkeln, reichen Haare trug sie frische Blumen, die Prell aus der Residenz hatte kommen lassen.
Die älteren Herren hatten sich in die Nebenzimmer des Saales, th-il« zum Spiel, lheils zum gemächlichen Gespräch bei einer Flasche Wein zurück« gezogen. Prell lehnte jede Einladung dazu ab.
,,Jch schaue dem Tanz gern zu", sprach er.
In einer Thür des Saales, an den Thürpfosten gelehnt, stand er regungslos, jedem Gespräch ans« weichend, da. Seine dunkeln Augen schweiften lebhaft durch den Saal, allein sie folgten stets nur Paula, wenn sie tanzte, oder wenn sie dasaß auf ihrem Stuhle von Herren umgeben.
Eine innere Macht, eine gewaltige Aufr-gung leuchtete aus seinen Blicken. Keinem schien er zu gönnen, ein Wort mit ihr zu sprechen, so wenig er es auch verhindern konnte. Aus Paulas Angen, aus ihren Mienen suchte er zu lesen, wie viel ihr Herz bei dem Allen betheiligt war.
Berger und Hellmann waren am meisten bei ihr und stritten um ihre Gunst. Paula schien Keinem von Beiden den Vorzug zu geben, sie war gegen Beide gleich freundlich.
Dem Doktor entging dies nicht. Ein Lächeln glitt über sein Gesicht. So lächelte er indeß nur, wenn er innerlich aufgeregt war, wenn er diese Aufregung verbergen wollte.
Paula kam keinen Augenblick zur Ruhe. Tänzer auf Tänzer drängten sich an sie heran. Sie war ja die Königin des Balles. Ihre Wangen glühten, ihre Augen blickten lebhaft freudig. Welcher junge Mädchen fühlt sich nicht glücklich, wenn sie keinen Tanz überschlägt, wenn sie weiß, daß sich die Herren um sie drängen. Es st'cki ja in j-'der Brust rin Thril Eitelkeit.
U Prrll hatte Paula noch nie so schön gesehen,
X als an diesem Abrnd. Sie nickte ihm lächelnd zu — I er war kaum im Stande, diesen Gruß zu er Bibern.
Sein Gesicht war bleich. Tanz folgte auf Tanz. Dir Musik schmetterte ihm schmerzlich, frohlockend, triumphirenb in die Ohren. Seine Aufregung, seine innere Erbitterung wuchs. Er hätte hinspringen mögen in die Mitte des Saales und mit einem einzigen Ausstrecken seiner Hand Alles vernichten. — Regungslos stand er da.
Ein Bekannter, der Kaufmann Lösche, trat an Prell heran, legte die Hand auf seine Schulter und fragte:
„Aber b.ster Doktor, werden Sie nicht müde, dem Tanze zuzusehen? Schon zwei Stunden stehen Sir hier. Als ich noch jung war, da habe ich auch getanzt, ja, ich war sogar ein flotter Tänzer und olle jungen Mädchen tanzten gern mit mir — ha, ich weiß es und kann es sitzt dreist sagen. Jetzt aber habe ich nichts mehr damit zu schaffen — mir schwindelt schon, wenn ich dem Tanzen zuschanel"
Mit starren Augen ll'ckie Prell ihn an. Er war ihm unangenehm, daß er gestört wurde.
„Ihnen schwindelt? erwiderte er scharf. „Nun, so trinken Sie Brausepulver, Herr Lösche."
Der Kaufmann wußte im ersten Augenblicks nicht, wie er die Worte auff -ffen soll:?, als Scherz oder als Hohn.
„Haha, Herr Doktor", rief er endlich lachend, „der Scherz ist gut — Sie müssen heut' gut bei Laune fein, denn es kommt nicht oft vor, daß Sie scherzen."
„Ich bin auch heute gut gelaunt", entgegnete Prell, „deshalb gehen Sie, um mir diese Laune nicht zu verderben."
UeberraW — erstaunt blickte der Kaufmann ihn an. Mit einem beleidigenden Blick wandte er | ihm dann den Rücken.
Dem Doktor war es in diesem Augenblick ganz gleichgiltig, ob er den Mann beleidigt hatte oder nicht. Ja, er hatte ihn beleidigen wollen, um ihn fortzutretben, denn seine ganze Aufmerksamkeit wurde durch Paula in Anspruch genommen.
Ein neuer Tanz halte begonnen. Die Herren beeilten sich, dir Damen zu engagiren.
Berger schritt auf Paula zu. Nicht zwei Schritt war er noch von ihr entfernt, schon verbeugte er sich, da drängte sich Hellmann hastig zwischen ihn r und Paula und forderte sie zum Tanz auf. Paula s hatte Alles bemerkt. Sie sah, wie Bergers Wangen - sich rötheten vor Zorn und Aufregung — sie schien ' zu schwanken, ob sie Hellmanns Aufforderung folgen


