Hichmer Jamiüenbläüer.
Belletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeiger.
Dienstag bat 27. März.
1888.
5>te verkorene Wiöek.
Original-Roman in 3 Bänden »en vr. Carl Hartm ann-Plin.
(Fortsetzung).
Als fie am Fuß der Treppe, die auf dar Fels« stück führte, angelangt waren, sagte Felix mit ge« dämpfter Stimme:
„In der Laube flüstert es, es ist meine Cousine, ich erkenne sie, und sonst noch Jemand. Ersteigen wir so leise als möglich den Felsen, man wird von oben in die Laube hinabsehen können. Wir werden vielleicht einen interessanten Anblick genießen."
Er reichte Frieda die Hand, die in der seinen merklich zitterte und führte sie die steinernen Stufen hinan. Oben angekommen, schritt er an den Rand des Felsens, warf einen Blick in die Laube unter ihm und darauf wieder zurücktretend, sagte er leise:
„Kommen Sie, gnädiges Fräulein, sehen Sie hinab, aber ich beschwöre Sie, was Sie auch erblicken mögen, keinen Laut von sich zu geben I"
Nun trat auch Frieda mit ahnungsvollem, klopfendem Herzen an den Rand des Steins, eine Secunde nur schaute sie hinab, dann sank sie wie betäubt auf die neben ihr stehende Bank. Die Röthe ihres Gesichts war einer geisterhaften Blässe gewichen, über ihre zitternden Lippen kam es tonlos: „Mein Traum, mein Traum!" und sie preßte die Hand auf das Herz.
Es war der erste große Schmerz, den das junge Mädchen empfand, und sie war so betäubt davon, dass sie im ersten Augenblick nicht zu denken vermochte. Neben ihr stand ein Mann, der sie liebte, in dessen unreine Seele diese Liebe, wohl zum ersten Mal in seinem Leben, einen reinen hellen Schimmer geworfen; aber diese Liebe verhinderte ihn nicht, diesen Augenblick mitleidslos auf die zum Tode Getroffene niederzublicken.
„Lassen Sie uns gehen, gnädiges Fräulein", flüsterte er.
Frieda erhob sich, Felix bot ihr seinen Arm, den s sie mechanisch nahm und nun stiegen sie die steinerne i Treppe wieder herunter. Nicht weit von dem Stein § entfernt stand eine eiserne Bank, hierher führte Felix ' da- in ihren innersten Gefühlen verletzte junge j Mädchen. s
„Lassen Sie uns hier niedersttzen", sagte er, i »sich möchte den Augenblick, wo wir ohne Zeugen : beisammen find, nicht unbenutzt vorübergehen lassen." |
Sie gab dem Druck seines Armes nach, der sie ;
gewissermaßen zwang, sich auf die Bank niederzulassen.
„Gnädiges Fräulein", fuhr Felix fort, „Sie müssen es, als wir in den letzten Tagen auf Fichtenberg durch W ld und Flur streiften, gemerkt haben, welche Gefühle für Sie mich beseelen, Sie müssen es empfunden haben, daß ich Sie hoch verehre, daß ich Sie liebe! Ja, gnädiges Fräulein, ich liebe Sie, treu und wahr, mit dem ehrlichen Herzen eines Mannes, der in jedem Augenblick bereit ist, sein ■ Leben für das, was ihm das Liebste auf Erden ist, ■ hinzugeben! Ich vermag nicht lange zu werben, die Ungewißheit, in der ich schwebe, macht mich krank ! und elend — o sagen Sie mir, ob ich hoffen darf, wenn ich Sie frage: Wollen Sie Ihre Hand in die meine legen, wollen Sie mein Weib werden?"
Frieda zuckte bei den letzten Worten zusammen. Ihre großen Augen starrten vor sich hin, dunkle Röthe stieg wirdrr um ihr Gesicht. Felix wußte = genau, was in diesem Augenblick in der Seele des . jungen Mädchens vorging. Er ließ ihr ruhig Zeit, ihre Gedanken zu einem Entschluß zu sammeln. Er verhehlte sich keineswegs, daß, wenn derselbe in dieser Stimmung nicht gefaßt würde, es zu einer ! andern Zeit, wenn die erste Aufregung vorüber, es sesne Schwierigkeiten haben dürfte, ein günstiges Resultat zu erzielen. Sobald nur das entscheidende Wort gesprochen worden, war eine Kette geschaffen, die mit Leichtigkeit nicht wieder zerrissen werden konnte, und war sie einmal geknüpft, dann hatte er ein Mittel, dm Vater zu zwingen, für die Unverletzlichkeit dieser Kette einzustehen. Endlich, nachdem er den Zeitpunkt für gekommen hielt, sagte er:
„Sie lassen mich^ lange warten, gnädiges Fräu« lein — werde ich ein Ja von Ihren Lippen hören?"
-,Ja, ich will, ich will — Ihre Gattin werden! Aber ich muß Sie bitten, heute noch mit keinem Menschen darüber zu sprechen, morgen, übermorgen können Sie es den Eltern sagen, — Sie werden mich heute nicht mehr sehen, ich habe die furchtbarsten Kopfschmerzen und muß mich zur Ruhe legen — leben Sie wohl!"
Sie hatte dies hastig, mit fliegendem Athem gesprochen und wollte nach den letzten Worten sich entfernen.
„Können Sie in diesem Augenblick von mir scheiden, Frieda", sagte Felix, „ohne mir auch nur die Hand gereicht zu haben?"
Sie kehrte wieder zurück, legte ihre eiskalte Hand in die feine und mit dm Worten: „Bleiben Sis


