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„Er wird ihm vielleicht nicht Alles schuldig gewesen sein, lieber Onkel, aber er wird Alles genommen haben, um den Raub mehr als die That eines gemeinen Einbrechers erscheinen zu laffen. Denn ein gewöhnlicher Einbrecher hätte gewiß nicht nur eine bestimmte Summe herausgenommen und das andere Geld zurückgelaffen. Vielleicht hatte er cs nöthig zur Deckung einer Spielschuld."
„Es bedarf nur der Bestätigung dieser 58er# muthung zur Gewißheit, um meinen Schmerz auf den höchsten Punkt zu bringen. Ein Spieler! Ein Lügner! Ein Dieb! Und er ist mein Sohn!"
Sir Arthur schob die schlanken, ihn umklammernden Arme von sich und schritt mit raschen, ungedu'- bigen Schritten im Zimmer auf und ab.
„Blanche", rief er aus, „ich muß die Wahrheit wissen — die ganze Wahrheit und sogleich! Ich werde nach Ardleigh hinüberschicken, um zu erfahren, ob der Fremde über Nacht dort war. Wenn das der Fall ist, dann bestätigen sich unsere schlimmsten Befürchtungen. Ich werde mich ganz ruhig der eingehendsten Untersuchung dieser Angelegenheit widmen. Ich wünsche nicht, daß Guy wisse, daß ich ihn des Diebstahls verdächtige. Komme daher zum Frühstück und zum Diner wie gewöhnlich hinunter, wenn Du kannst. Ich will Dich von meinen Entdeckungen verständigen, sobald ich diese mache."
Er trat auf sie zu und küßte sie auf die Stirne. Dann ging er hastig hinaus und kehrte in die Bibliothek zurück.
Nach einer kurzen Selbstberathung und nachdem er einigermaßen seine äußere Ruhe wiedererlangt hatte, zog Sir Arthur die Glocke. Ein Diener erschien und Sir Arthur beauftragte ihn, unverzüg- lich Purmton zu ihm zu schicken.
Al« der Haushofmeister, der Aufforderung gehorchend, in's Zimmer trat, sagte dir Baronet ruhig:
„Purmton, ich habe eine Vermuthung bezüglich des Diebstahls von vergangener Nacht und werde Eures Beistandes bedürfen. Habt Ihr gestern einen sonderbar aursehenden Ausländer in den Anlagen Herumschleichen sehen?"
„Ein kleiner, schwarzbrauner Kerl, mit funkeln, den schwarzen Augen und goldenen Ringen in den Ohren?" fragte der Haushofmeister eifrig. „Ich habe einen solchen Menschen gestern mit dem alten Luke im Garten sprechen sehen. Ec brachte später einen Brief für Herrn Guy. Der Mensch hatte ein unheimlicher Gesicht, Sir Arthur, und als der alte Luke später in den Schlafsaal kam, sagte er, daß der Mann viele Fragen über die Familie gestellt habe und einen Platz suche. B:argwohnt Ihr den fremden Mann, Sir Arthur?"
„Ich glaube, daß er etwas zu thun hat mit dem Diebstahl, Purmton", erwiderte der Baronet. „Ich möchte vor Allem wissen, ob er in Ardleigh geschlafen hat und wünsche, daß Ihr sogleich in's Dorf hinübergeht, vorsichtige Erkundigungen einzieht, aber über die ganze Sache verschwiegen seid und Niemand
— nicht einmal Herrn Guy — erfahren laßt, welche Richtung mein Verdacht genommen hat."
„Sehr gut, Sir Arthur", sagte der Haushofmeister, wohl etwas verwirrt, aber trotzdem überzeugt, daß fein Herr vollkommen Recht habe, so vorsichtig zu sein. „Ich will mich sogleich auf den Weg nach Ardleigh aufmachen."
Nachdem er noch einige weitere Unterweisungen von dem Baronet erhalten hatte, entfernte sich der Heushofmeister.
Wenige Minuten später sah ihn Sir Arthur bereits die Allee hinabreiten.
Purmton ritt nach Ardleigh und stieg in dem kleinen Hose der Wtrthshauses zum „Tressilian# Wappen" ab.
Ec ging in das Schankzimmer, fing an mit dem Wirthe zu plaudern und hatte bald heraus, daß der Fremde, den er suchte, nicht in diesem Gasthause übernachtet hatte. .
Unter dem Vorwande, einige Einkäufe machen zu müssen, ging er nach einer Weile fort, sein Pferd vor der Hand noch in dem Wirths Hausstalle zurücklassend. Als er auf der Straße angelangt war, sagte er leise zu sich selbst:
„Er wird im Sternwirthshaus übernachtet haben. Arme L ute und Landstreicher gehen meistens dorthin."
Er ging langsam die schmale Straße hinab, bi« er in der Nähe des Sternwirthshauses angelangt war. Ec beabsichtigte in das Schankzimmer einzu- treten, ging aber von diesem Entschlüsse ab, als er, sorglos an die Hausthüre desselben gelehnt- mit einer kurzen Pfeife im Munde, eben den Mann stehen sah, den er suchte — Jacopo Palestro.
. Ja, das ist der Kerl", dachte der Haushof. meister mit einem fcharfprüfenden, jedoch verstohlenen Blicke nach dem Exschreiber. „Ohne Zweifel ist er's. Er hat goldene Ohrringe, eine schwarzbraune Haut- färbe und kleine, schwarze Augen. Ich glaube, daß er schon seit gestern im Sternwirthshaus ist. Ohne Zweifel ist er der Dieb oder einer von den Dieben, welche Sir Arthur in vergangener Nacht bestohlen haben."
Purmton ging langsam weiter, machte einige Einkäufe in einem Laden in der Nähe des Wirths- Hauses und ging dann mit einem Packele in der Hand mit höchst gleichgtltiger Miene wieder an dem Schreiber vorüber. Im „Tressilian-Wappen" holte er sein Pferd ab und ritt dann wieder nach dem Schlosse zurück. Sir Arthur war noch in der Bibliothek, als Purmton bei ihm eintrat. Der Haushofmeister stattete seinen Bericht ausführlich ab. Der Baronet schien nicht überrascht, zu erfahren, daß Palestro noch in Ardleigh sei.
„Seine Anwesenheit im Dorfe bestätigt meine Vermuthung!" sagte Sir Arthur düster. „Haltet reinen Mund, Purmton, ich wünsche nicht, daß mein Verlust im Hause bekannt werde."
Er entließ seinen Diener und die Maske der Ruhe fiel von seinem bekümmerten Gesicht, al» er sich wieder allein sah. —


