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„Und sie folgte Ihnen ohne Widerstreben zu der Mutter Hellmanns?"
„Ja", erwiderte Körber offen, „ich sagte ihr, daß Hellmann unschuldig sei."
Dieses Wort schien der Criminalrichter nur erwartet zu haben. Er fuhr heftig auf. „Herr Commiffär, wie haben Sie ein Recht zu dieser Behauptung!" rief er.
„Ich habe meine Ueberzeugung ausgesprochen", erwiderte Körber. „Hellmann ist ja noch nicht ver- urtheilt!"
„Er wird aber verurtheilt werden", fiel Pintus jetzt ein. „Wahrscheinlich nicht", entgegnete Körber mit leichtem Achselzucken.
„Haha! Herr Commiffär!" rief der Criminalrichter mit bitterem Lachen. „So liefern Sie doch die Beweise von seiner Unschuld. Bringen Sie mir den Mörder, wenn Sie so fest überzeugt sind, daß der Förster es nicht ist. Es lohnt sich ja der Mühe, der alte Berger hat ja zehntausend Thaler für diese That ausgesetzt!"
Körbers Wangen rötheten sich. Er hatte an diesen Preis nicht gedacht und Pintus wußte, daß er am wenigsten für seine ganze Handlungsweise und Ueberzeugung bestimmend gewesen war.
„Ich werde die Beweise bringen", sprach er kurz. „Haben Sie mir noch etwas mitzutheilen, Herr Criminalrichter."
Er griff nach seinem Hute.
Pintus bemerkte, wie er ihn durch diese Worte beleidigt hatte. Es war nicht seine Absicht gewesen. Im Unwillen waren sie ihm entschlüpft und er mochte ihn nicht in so gereizter Stimmung von sich gehen lassen.
„Herr Commiffär", sprach er ruhiger einlenkend, „ich bitte Sie, treiben Sie die Sache mit dem jungen Mädchen nicht zu weit, vermeiden Sie alles Aufsehen!"
„Ich werde handeln, wie meine Pflicht mir vorschreibt", erwiderte Körber.
Er ging in unwilliger Stimmung. Er begriff die große Theilnahme nicht, welche Pintus an den Doktor fesselte. Und doch mußte er wieder lächeln über die Mühe, welche Prell sich gab, um Paula wieder in seine Gewalt zu bekommen und den Auftritt so viel als möglich geheim zu halten. Freilich mußte es auf ihn, als ein Mitglied des frommen Philemon, ein eigenthümliches Licht werfen. Und doch war Prell wieder nicht der Mann, der sich viel um das Gerede der Leute kümmerte, wenn seine Pläne anders dadurch nicht gekreuzt und gestört wurden.
Immer mehr beschäftigte ihn diese Angelegenheit. Er wußte selbst noch nicht, wohin sie führen konnte und das machte ihn unruhig. Auf's Neue hatte er dem Richter die Versicherung gegeben, daß er ihm die Beweise der Unschuld des Försters bringen wolle, und doch hatte er sie noch nicht in Händen. Seine eigene Ehre kam mit ins Spiel, wenn es ihm nicht gelang, dieselben zu finden.
Er glaubte einige Fäden gefunden zu haben, I
allein dieselben waren so schwach, liefen so verworren durcheinander, daß er nicht wußte, wo er anfassen sollte.
In dieser Stimmung erreichte er seine Wohnung. Er warf sich auf das Sopha, Ruhe wollte er haben, Ruhe, um alle seine Geisteskraft zu sammeln, um die ganze Schärfe seines Verstandes zusammen zu nehmen.
Und wenn er sich nun doch in all seinen Voraussetzungen geirrt hatte! Wenn Prell mit dem Morde Bergers garnichts zu schaffen gehabt hatte — wenn ein ganz anderer — wenn dennoch der Förster —!
Er sprang'unruhig' auf. Diese Zweifel peinigten ihn am meisten, weil er wußte, daß sie seine That- kraft lähmten.
Ein unerwarteter Besuch störte ihn darin. Der Superintendent Feld trat zu ihm ins Zimmer. Er konnte sein Erstaunen nicht verbergen, den Mann bei sich zu sehen, mit dem er nie in nähere Berührung gekommen war, dem er seiner ganzen religiösen Ueberzeugung nach sehr fern stand. —
Sollte er auch in Prell's Angelegenheit kommen? Prell war ja Mitglied des Philemon! Diese Fragen tauchten schnell in ihm auf.
„Sie wundern sich, daß ich zu Ihnen komme, Herr Polizei-Commiffär", sprach Feld in ruhigem, fast demüthigem Tone.
„Bitte — setzen Sie sich, Herr Superintendent!" unterbrach ihn Körber. Es gewährte ihm doch Vergnügen, den Mann bei sich zu sehen. Es gab ihm Unterhaltung, Zerstreuung.
„Der Doktor Prell war heute Morgen bei mir", fuhr Feld fort. „Ein unangenehmer Auftritt mit seinem Mündel — er hat mir Alles erzählt! Ich bin zu Ihnen gekommen, um eine Ausgleichung zwischen Ihnen und dem Doktor Prell herbeizuführen und Sie zu ersuchen, die ganze Angelegenheit fallen zu lassen. Ich bitte Sie, treiben Sie die Sache nicht weiter, bringen Sie dieselbe nicht an die Oeffent- lichkeit, Prell bereut seine Leidenschaftlichkeit, lassen Sie sich damit genügen."
„Und was verlangt der Doctor von mir?" warf Körber ein.
„Daß Sie das junge Mädchen bewegen, zu ihm zurückzukehren."
„Es thut mir leid, Ihrem Wunsche nicht entsprechen zu können," entgegnete Körber. Fräulein Braun allein hat darüber zu bestimmen, und sie hat sich entschieden dagegen erklärt."
„Herr Commissär, Sie werden doch nicht den Eigensinn eines unmündigen Mädchens gegenüber ihrem Vormunde, der als Ehrenmann bekannt ist, in Schutz nehmen!" rief Feld.
„Sie bedienen sich falscher Worte, Herr Superintendent", entgegnete Körber mit einem Anflug von Bitterkeit. „Sie nennen Eigensinn, was ich für wohlbegründete Entrüstung halte. Gerade weil der Doctor der Vormund des jungen Mädchens ist, hätte ich mehr Zurückhaltung von ihm erwartet. Die


