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soeben eingetroffenen Nachtzug verließen und sich zu Fuß nach der Stadt L. hineinbegaben, wo sie nach einer Viertelstunde unbemerkt die Wohnung des Detectivs Thorsen erreichten. Dieselbe war so vor» theilhaft eingerichtet, daß der Bewohner zu jeder Stunde aus» und eingehen konnte, ohne von einer Menschenseele gesehen oder beobachtet zu werden.
„So", sagte Thorsen, denn er selber war der nächtliche Bootsmann und sein Begleiter der Gefan» gene John Walter, „nun wollen wir uns erst brr nassen Kleider entledigen und gegen trockene ver« tauschen und dann ein warmes Frühstück nehmen, bevor wir das Weitere besprechen."
Nachdem dies Alles stillschweigend geschehen, Thorsen den Ofen in Hitze gebracht, Kaffee znbe- reitet, und beide sich nach der kalten Nacht hinreichend restaurirt hatten, blickte Walter, der ein ziemlich verwildertes Aeußere befaß, den Detectiv mit einem Gemisch von Neugierde und Verwunderung an, was dieser lächelnd bemerkte.
„Da, Mann, zündet Euch eine Cigarre an, habt sie wohl lange entbehren müffen."
„Freilich, man hielt mich wohl für zu schwach dazu", lachte Walter, sich die dargebotene Cigarre anzündend. „Dank für den langentbchrten Genuß."
Er streckte dir Füße, welche sich trotz der etwas plumpen Stiefel durch eins zierliche Form auszrich» neten, aus und blies den Dampf mit großer Behag« lichkeit zur Decke empor.
Thorsen beobachtete ihn aufmerksam.
„Sagen Sie mal", begann er plötzlich, seine An» rede ändernd, „Sie nennen sich Walter —"
„EM hübscher Name, denke ich."
„Allerdings, steht Ihnen aber doch nicht zu Gesicht."
Walter zuckte die Achseln und hüllte sich in Schwei» gen und Dampf.
„Ich muß bemerken", fuhr Thorsen mit scharfer Stimme fort, „daß ich für Sie meine ganze Existenz, ja, meine Ehre und Freiheit aus's Spiel gesetzt habe."
„Ich bin darüber ganz verwundert, lieber Herr!" versetzte Walter mit einer Art Impertinenz, welche den Detectiv unruhig machte. „Bitte, erklären Sir mir den Grund dieser seltsamen Aufopferung, — es muß doch ein solcher vorhanden sein."
„Allerdings habe ich einen gewichtigen Grund für mein Thun", sprach Thorsen gereizt, „ich kenne den Mann, der Sie niedergestochen hat und habe meinen ganzen Ehrgeiz darauf gesetzt, ihn zu packen, obwohl er sich unter hohem Schutz befindet."
„Das haben Sie mir schon einmal gesagt, wer ist es denn eigentlich?"
Walter sah ihn bei diesen Worten so'arglos an, bas Thorsens Unruhe stieg.
„Der Kerl ist ein geriebener Fuchs, ich muß andere Saiten aufziehen", dachte er.
„Nun, erwiderte er laut und ruhig, „der Bursche hat sich doch drüben Adam Sturm genannt."
Trotz der gewaltigen Dampfwolke, in welche John
E Walter sich hüllte, sah er doch die jähe Heber» raschunq, welche sich in seinen Augen spielte.
„Richtig", nickte John, „doch wollte der Toll- Häusler mir diesen Namen aufhalsen, lieber Herr!"
„Thorheit", lachte der Detectiv verächtlich, „ich weiß doch etwas mehr von Ihrer Vergangenheit, als Sie wähnen. Adam Sturm hat Sie des Diebstahls angeklagt und während er als vornehmer Freiherr und fürstlicher Hofbeamter straflos umherzolzirt, sollten Sie in irgend ein Zuchthaus untergebracht werden." „Verdammt", knirschte Walter und feine Augen nahmen einen tigerartigen Ausdruck an, „so also war's gemeint?" — Nennen Sie mir seinen jetzigen Namen, seinen Aufenthaltsort, der meuchelmörderischs Hund, der mich überfiel, mich niederstieb —"
Er verstummte plötzlich. Sein wild umherirrender Blick war auf eine vor ihm auf dem Tisch liegende Zeitung gefallen und heftete sich jetzt mit starrem Ausdruck auf ein Inserat, aus dem mit gesperrter Schrist der Name .Rüdershausen" hervorstach.
„Sie räumen also ein, daß Ihr Verfolger ehe» dem sich dm Namen Adam Sturm beigelezt?" fragte Thorsen etwas ungeduldig.
Walter blickte zerstreut auf und nickte mechanisch.
„Ja, er nannte sich wirklich so", sagte er, sich plötzlich besinnend, „wie heißt er jetzt?"
„Das sollen Sie seiner Zeit schon erfahren", lächelte der Detectiv triumphirend, „wir werden über ihn kommen, wie Simson über die Philister. Jetzt, mein Lieber, gehen Sie dort in mein Schlafzimmer und legen sich auf mein Bett, die Rahe wird Ihnen gut thun. Ich werde mittlerweile alles Nöthige vor» bereiten und mir einen Urlaub zu Ihrer Verfolgung und Dmgftstmachung erwirken."
Er lachte über Walters erstauntes Gesicht hell auß nahm feinen Hut und verließ die Wohnung, welche er vorsichtig hinter sich verschloß.
Walter, der jetzt ganz allein war, nahm dis Zeitung, um das Inserat mit Muße zu studiren. Dasselbe lautete:
Wenn Graf Walter von Rüdershausen, welcher im Jahrs 18— Oesterreich und wahrscheinlich Europa verloffen hat, sich noch am Leben befindet ober irgend Jemand über seinen jetzigen Aufenthaltsort sichere Nachricht zu grben weiß, so wird derselbe gebeten, eine solche baldmöglichst an den Königl. Kaiferl. Notar Dr. Weißlinger, Singerstraße 24, in Wien zu senden.
John Walter starrte unverwandt auf diese Zeilen und seine Brust hob sich krampfhaft. Dann trat er an den geheizten Ofen, wo fein Rock zmn Trocknen aufgehängt war, nahm ein Tischmeffer und trennte das Futter an der rechten Brustseite los. Mit einem häßlichen Lächeln des Spottes zog er jetzt zwischen Futter und Rock mehrere Bankscheine von bedeutendem Werthe hervor, verbarg dieselben unter der Weste, suchte nach einigen Noten geringeren Werther, welche sich ebenfalls wohlbehalten vorfanden, und steckte dann noch ein in Pulverform gefaltetes Papier zu sich.


