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) in Gießen.

Hiehener Iamilienbläüer.

Belletristisches Beiblatt rum Gießener Anzeiger.

1888.

Samstag den 25. August.

Nr. 100.

Der Gröe des Kaufes.

Roman von Hermine Frankenstein.

(Fortsetzung.)

Als sie endlich das schmale Gitterthor in der hohen Mauer erreicht hatte, welche TressiliawHof umgab und bei der sie ihrem Gatten begegnet war, als" sie das erste Mal in Tresstlian-Hof gewesen, blieb sie stehen, als glaubte sie, daß er ihr hier wieder entgegenkommen werde. Aber das Gitter war versperrt und nur die kahle Mauer zeigte sich ihren Blicken. Vor dem Häuschen des Parkhüters blieb sie stehen uub klopfte. Die Parkhüterin schaute ver- wundert auf die schwarzgekleidete, schüchterne Gestalt, dis einen solchen Gegensatz zu dem heitern Morgen bildete.

Könnt Ihr mir sagen", fragte Hefter in ihrem sanften, bebenden Tone, ob sich in Tressilian-Hof ein Herr Namens Jasper Lowder aufhält?"

Er ist kein Herr dieses Namens hier, Madame", erwiderte dis Parkhüterin.Sie haben dieses Jahr leider gar keine Gäste in dem Schlöffe."

Er ist nicht auf dem Hofe? O, barmherziger Himmel, was soll ich thuu?"

Der wilde, schmerzliche Schrei ergriff das Herz der alten Parkhüterin.

Dann kann Euch Herr Tressilian gewiß sagen, wo er ist."

Voll Theilnahme für die junge Frau führte die Parkhüterin sie zu der Thürr, welche in die Haus« gärten des Schlaffes führte, und gab Hefter genaue Weisungen, wie sie in's Haus gelangen könnte.

Die schwergelroffene junge Frau stieg die breite Steintreppe empor und klopfte. Ein Diener in reicher Livree öffnete ihr.

Ist Herr Guy Tressilian zu Hause?" stammelte die junge Frau, während sie sich mit einer Hand an den Thürpsosten anklammerte.

Der Diener antwortete bejahend und Hefter wankte mit schwachen Schlitten in die große Halle.

Ich ich wünsche ihn zu sehen", sagte sie.

Der Diener verbeugte sich, führte sie in einen kleinen Salon und fragte dann:

Welchen Namen soll ich melden, Madame?"

Gar keinen. Ich--Herr Tressilian kennt

mich nicht. Sagt, es sei eine Fremde."

Der Diener verbeugte sich ehrerbietig und ent» sernte sich, um Jasper Lowder zu benachrichtigen, daß eine junge Frau in tiefer Trauer ihn zu sprechen wünsche.

Der kleine Salon, in dem Hefter wartete, war hell, freundlich und warm.

Plötzlich wurden rasche, leichte Tritte hörbar, die Flügelthüre ging auf und Jasper Lowder trat in das Zimmer.

Er hatte sich für ten Weg zur Kirche angekleidet. Noch wußte er nichts von der verhängnißvollen Ent­deckung Sir Arthur's daß der Baronet die Narbe auf seinem Handgelenk gesucht und nicht gefunden hatte und er glaubte, daß alle seine Pläne gut vorwärts gingen und er das letzte Hinderniß' auf feinem Pfade des Verbrechens hinweggeräumt habe.

Er näherte sich dem verschleierten, schwarzgeklei­deten Gaste mit einem gutmüthigen Ausdrucks.

Mein Diener sagte mir, daß Ihr mich zu sehen wünscht, Madame", bemerkte er mit Herablassung. Heute ist WeihnaHtsmorgen und Ihr sollt nicht mit teeren Händen fortgehen. War . kann ich für Euch thun?"

Hefter Lowder stand langsam von ihrem Stuhle auf. Sie ging einen Schrift auf ihn zu und warf ihren dichten, schwarzen Schleier zurück, ein Gesicht enthüllend, aus dem aller jugendlicher Frohsinn ent# flohen war ein Gesicht so bleich, schmerzburch- furcht und kummervoll, daß Jasper Lowder, es kaum erkennend, erschrocken zurückiuhr.

Den nächsten Augenblick tönte ein wilder Schrei von ihren Lippen, ein Lichtschimmer brach durch die düstere Verzweiflung ihrer Züge, die junge Frau sprang vorwärts und warf sich halb ohnmächtig an seine Brust.

. Ein Ausdruck des Entsetzens durchzuckte Lowder's Züge, eine furchtbare Verwünschung entfuhr seinen Lippen. Er würde sie von sich geschleudert haben, aber sie klammerte sich wild und verzweiflungs­voll fest.

Was soll dies heißen", tief er hart aus.Habe ich Dir nicht gesagt, daß Du nicht wieder hierher, kommen sollst?"

Hefter hob ihren Kopf in die Höhe, als ob eine Schlange sie gestochen hätte; aber im nächsten Augen­blick ließ sie ihren Kopf wieder auf die Brust sinken, die ihr Schutz und Schirm hätte sein sollen und begann laut zu schluchzen, theils vor Freude, ihn so plötzlich zu sehen, theils vor Schmerz über den Ver­lust ihres einzigen Kindes.

O, Jasper", flüsterte sie schluchzend.Sie haben mir gesagt, daß Du nicht hier warst. Ich fragte nach Herrn Tressilian und Du bist zu mir gekommen. Sage mir, hat er Dir verziehen?"