Ausgabe 
25.2.1888
 
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Pflicht, die Erbschaft an Robert abzutreten. Das wenigsts, was sie thun könnte, wäre mit ihm Heilen. Und die Hälfte des großen Vermögens wäre immer noch sehr viel für ein junges Mädchen von der Herkunft Fräulein Regers. Was war sie denn eigentlich? Die Tochter von der Haushälterin des alten Rußmann, nicht mehr und nicht weniger. Sie kam zum Besuch zu ihrer Mutter, während der alte Mann krank war, und pflegte ihn so aufopfernd, daß er sie nicht mehr von sich lassen wollte. Sie mußte ihre Stellung als Erzieherin aufgeben und bei ihm bleiben. Seitdem ist sie wie die Tochter des Hauses gehalten worden. Hätte sich nun das Gerücht bestätigt, daß Robert zur See umgekomms», so wäre es ja gar nicht merkwürdig gewesen, wenn der excentrische alte Mann sie zu seiner Erbin ge­macht. Aber so ist es schrecklich! Das ganze Lebens­glück des jungen Mannes ist untergraben; denn feine Verlobung mit Flora Lucius wird natürlich rückgängig werden. Flora ist nicht dazu geschaffen, eines armen Mannes Frau zu sein, sie ist zu schön, zu elegant! Und der Aermste ist so verliebt in sie, es ist ein furchtbarer Schlag!"

In dieser und ähnlicher Weise wurde geredet, bis Robert mit dem Anwalt zurückkam und beide erklärten, daß sie das zweite Testament nicht ge­funden hätten.

Mit dieser Erklärung steigerte stch die Ehrer­bietung vor der jungen Erbin; man umdrängte sie, um ihr zu gratulirsn; doch fis wehrte alles ab.

Es ist noch zu früh", war die Antwort. Aber man hielt ihre Chane n für günstig.

Wenn sie wirklich die Erbin ist", sagte man sich,es ist ja schrecklich für den jungen Mann, sehr schrecklich, aber"

Und das Resultat der Betrachtungen war, daß man der vermuthlichen Erbin die schuldige Ehrfu cht erwies.

Sie nimmt die Sache sehr ruhig", sagten Viele ,ß«f dem Heimwege,es scheint fast, als wolle sie das thun, was man von ihr erwartet, nämlich das Geld den rechtmäßigen Erben zuweisen."

Man hätte wohl anders geurtheilt, hätte man Martha am Abend in ihrem eigenen Zimmer beob­achten können. Sie hatte die Läden fest geschloffen, die Vorhänge zugezogen und die Thüren verriegelt. Kein menschliche» Auge konnte sehen, wie sie jetzt ihr Kleid aufknöpfie und ein versiegeltes Dokument hervorzog, das auf ihrer Brust verborgen gewesen. Es war das vermißte Testament! Lange und ernst ruhte ihr Blick darauf.

Elendes Papier", sprach sie.Du kannst das Glück manches Menschenlebens begründen oder ver­nichten! Gäbe ich Dich ihm, den Du glücklich machen würdest, welches Leid erwüchse für mich daraus, ich würde alles dessen beraubt, das ich Hochschätze. Aber er wird unglücklich sein, wenn ich Dich behalte! Doch wird es ihm seine Braut kosten? Wird sie ihm

untreu werden, weil er arm ist? O, was ist dann ihre Liebe werth? Und ist sie Mm so thmer,

daß sein Herz brechen muß, wenn er sie verliert,

wie das meine brechen würde, wenn ich ihn verlöre,

den ich liebe? Den ich liebe, ja den ich liebe!" fuhr

sie leise flüsternd fort und faltete ihre Hände wie in tödtlicher Angst.Den ich lirbe, und der nicht an mich denkt! Rur an sie! Ist es eine Sünde, die beiden zu trennen? Und wird er mir jemals ver­geben? Ja, er muß mir vergeben, denn wenn sie ihn verläßt, weil er enterbt worden, so hat sie ihn nie wahr geliebt."

Als sie sich zu Bette legte, fand das Testament seinen Platz unter ihrem Kiffen und dabei ein Brief, ebenfalls wohl versiegelt und an Robert Rußmann adrefsirt. Martha küßte den Namen, ehe sie ein- fchlief.

Er wird mir mein Unrecht vergeben, wenn er diesen Brief liest, ich gehorche ja nur dem Tobten."

Den ganzen folgenden Tag trug sie das Testa­ment unter ihrem Kleide verborgen, während Dr. Wilde und Robert das ganze Haus danach ab­suchten. Es war hart für das junge Mädchen, das enttäuschte Gesicht des Geliebten anzusehen, wo es ihr doch so leicht gewesen wäre, ihn zufrieden zu stellen. Doch, es durfte nicht sein, sie mußte den Willen de» Tobten erfüllen.

Rach einigen Tagen vergeblichen Suchens gab man d e Hoffnung auf, daß das vermißte Dokument überhaupt noch existire. Robert fügte sich in sein hartes Schicksal und Fräulein Reger ward als recht­mäßige Erbin anerkannt.

Dr. Wilde gab stch gar keine Mühe, seinen Aerger zu verbergen.

Es ließen sich doch gewiß Mittel und Wege finden, Fräulein", sagte er zu dem jungen Mädchen, um dem letzten Willen des Tobten nachzukommen. Das Testament, das Sie zur Erbin macht, war nicht sein letzter Wille, dessen bin ich sicher. Und Sie wollen gewiß nicht etwas besitzen, was nur durch Jrrthum Ihnen gehört. Lassen Sie uns ein Arrangement treffen; ich erinnere mich genau der Bestimmung des zweiten Testamente ."

Auf diesen sehr deutlichen Wink entgegnete Martha mit voller Ruhe:

Das Testament konn stch finden, Herr Doctor. So lange ich diese Hoffnung hege, möchte ich Ihrem Gedächtniß die vielleicht unnöthige Anstrengung nicht zumuthen. Doch seien Sie versichert, daß mir nichts mehr am Herzen liegt, als den Willen des Tobten zu erfüllen."

Ich verstehe das Mädchen nicht", sagte Dr. Wilds zu Robert,aber ich kann mich des Ge­fühls nicht erwehren, als ob Sie doch noch in den Besitz Ihres Vermögens gelangen sollten, und zwar durch freiwilliges Zurücktreten von Fräulein Reger."

(Schluß folgt.)

Nedaction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schsn Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.