Hießmer Aamilienblätler.
Belletristisches Beiblatt?ttm Gießener Anzeiger.
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Nr. 86. Dirnsmg bat 24. Juli." 1888.
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Der Grve des Kaufes.
Roman von Hermine Frankenstein.
(Fortsetzung.)
Inzwischen ritt die Gesellschaft weiter und ge» langte in die Stadt. Nachdem Olla und Tressilian sich bei dem Hauptmann herzlichst für seine Hilfe bedankt hatten, verabschiedeten sie sich von ihm und gingen mit den Popley's nach dem Gasthofe „della Crocelle."
Die Reise nach Marseille, welche sie am nächsten Tage antraten, dauerte drei Tage und ging ohne erheblichen Zwischenfall vorüber. Olla und Tressi- lian gingen meistens Arm in Arm auf dem Verdecke spazieren und sie lernten sich in diesen Stunden des Beisammenseins besser kennen, als es im gewöhnlichen gesellschaftlichen Verkehr in Monaten der Fall gewesen wäre.
Sie kamen an einem Dienstag Nachmittag in Marseille an und begaben sich sofort in den großen Gasthof, in welchem Jasper Lowder bei sftner Ankunft in Palermo abgestiegen war und wo er sich al« Guy Tressilian eingetragen hatte.
Sie mietheten einige hübsche Zimmer, und Popley al« Geschäftsträger schrieben sie unter den Angekommenen als Herr Jasper Lowder sammt Begleitung ein.
Da sie alle sehr ermüdet waren, blieben sie über Nacht in dem Gasthof und reisten erst am andern Morgen nach Pari« ab.
Die Reise dorthin hatten sie bis zum Morgen des nächsten Tages zurückgelegt. Da es Olla nicht für unwahrscheinlich hielt, daß ihr Vormund in den hervorragenderen Gasthöfen Spione ausgestellt habe, berieth sie sich mit Tressilian und beschloß, in ein kleines, entlegenes Hotel zu gehen und daselbst bi« zum nächsten Tage auszuruhen, weil Tressilian noch der Aufregung offenbar sehr der Ruhe bedurfte.
Diesen Entschluß führte Olla auch aus, und verweilte mit ihren Begleitern in einem ziemlich entlegenen Gasthofe, etwa 24 Stunden, worauf sie dann über Calais und Dover nach England abreisten.
Der graue Decembertag hatte sich bereits längst verdunkelt und es war 6 Uhr Abends, als dis Reisenden auf der Viktoria-Station in London ausstiegen.
Wohin sollten sie jetzt gehen? Ein Gefühl schrecklicher Vereinsamung beschlich das junge Paar, als sie auf dem von Menschen erfüllten Perron standen und die Begrüßungen der übrigen Reisenden mit ihren Verwandten und Freunden beobachteten. Die
Meisten stiegen in bereitstehende Wagen, um nach Hause zu fahren, wo sie mit Sehnsucht erwartet wurden.
Aber unsere jungen Freunde wußten nicht, wohin sie gehen sollten. Tresfiltan's Name und Vergangenheit waren ihm wie ein versiegeltes Buch. Da« Geräusch der Eisenbahn-Station in London war ihm fremd. Und er war fieberhaft aufgeregt und erschöpft. Seiner kürzlichen Geistesfrische war eine seltsame Niedergeschlagenheit und Melancholie gefolgt. Olla fürchtete, daß er wieder in jene gämliche Unzurechnungsfähigkeit versinken würde und sie wünschte deshalb sobald als möglich, einen Arzt zu Rathe zu ziehen.
Das junge Mädchen selbst hatte keine Freunde in London, ausgenommen die Pughs, welche sie in Palermo gesucht und nicht gefunden hatte. Sie wußte ihre Londoner Adresse, aber sie konnte mit Tressilian und ihren Dienern nicht bietet zu ihnen fahren.
„Wir müssen in einen Gasthof gehen", sagte sie verzweifelt. „Ich habe mich noch nie so sehr nach einem Dahe'm gesehnt, al« heute. Wir wollen in das „Hotel Viktoria" gehen. Es ist gleich dort oben."
Popley nahm das leichte Gepäck zur Hand. Olla legte ihren Arm in bett Tresstlian's unb dis kleine Gesellschaft schlug durch die düsteren Straßen den Weg nach dem Gasthofe ein.
Sechsunddreißigstes Kapitel.
Eine fürchterliche Entdeckung.
An dem Morgen, welcher auf Jasper Lowder's feige Berandung der Kasse Sir Arthur Tressilian'« folgte, erschien der Erstere zur bestimmten Stunde im Frühstückezimmer, zwar etwas bleich und unruhig, aber sorgfältig gekleidet wie immer.
Sir Arthur war bereits in dem Frühstückesaale, aber allein. Er grüßte Lowder ernst, aber freundlich. Wie groß auch seine Enttäuschung oder sein Mißtrauen in seinem vermeintlichen Sohne sein mochte, veränderte er doch sein Benehmen nicht.
Auf den ersten Blick in das Gesicht des Baronets erkannte der Eindringling, daß der in verflossener Nacht vollbrachte Raub noch nicht entdeckt war. Es war kein Ausdruck von Argwohn in Sir Arthur'« freundlichen Augen, kein Schatten von Aerger und Entrüstung in seinem schönen dunklen Gesichte.
Es war daher offenbar nicht Sir Arthur der geheime, ungesehene Zeuge des Raubes gewesen.


