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Dame mein Mündel sei, ein eigensinniges, trotziger, abenteuerliches, meiner Aussicht entlaufenes Geschöpf, und dies genügte vollkommen, denn in der ganzen Welt exlstirt das Gesetz, daß ein Mündel dem ihr gestillten Vormund zu gehorchen hat Die Folge davon war, daß der Aufwärter Befehl erhielt, mich in Euren Salon zu führen und nun werdet Ihr, sSöne, eigenstnnnige Dame, wohl oder Übel meine Gesellschaft annehmen müssen."
Die schönen Augen schauten verzweiflungsvoll zu ihm auf. „ , ,
„Ich habe viel Verfolgung von Euch ertragen, viel Widerwärtigkeiten erduldet, aber es muß nun fein Ende haben. Nun werde ich mich an den englischen Consul wenden und ihn um Schutz anflehen I
„Thut das I Der Consul ist mein bester Freund, er wird Euch die Pflichten einer Mündel gegen ihren Vormund begreiflich machen."
Das Mädchen erbleichte.
„Ich werde mich an den englischen Caplan wen.
den", entgegnete Olla. , _ r
,,Einverstanden. Er wird sich sehr freuen, Euch Euren rebellischen Sinn auszurrden — bereits heute Morgen habe ich ihn besucht."
Olla schaute verzweiflungsvoll um sich gleich einem gehetzten Reh. , u
„So habt Ihr mir jeden Ausweg, rede Aussicht auf Rettung verfchlosien?" rief sie in Thränen aus-
diesen Umständen Mb mir nichts mehr übrig, als die Flucht und ich gedachte der mir befreundeten englischen Familie Pugh, von der ich wußte, daß sie in Palermo wohnte, und die mich sicherlich in Schutz genommen hätte. Run ist diese Famitte fort und ich bin allein - ganz allein, verlaflen und verloren."
„Niemals, so lange ich und mein Sohn Jim leben", fiel die alte Amme ein.
Herr Gower wandte sich mit haßerfülltem Blicke an die alte Frau, die er jetzt erst zu bemerken schien.
„Ihr werdet gut thun, Euch nicht in das Gespräch ru mischen, das ich mit meinem Mündel habe", sagte er in strengem Tone. .Mit Euch und Eurem Sohne gedenke ich später noch ein ernstes Wort zu reden, bis dahin wollt' Ihr Euch bescheiden."
Wiederum wandte er sich an Olla.
„Glaubet Ihr, schönes Fräulein, Ihr wäret mir entschlüpft und nach England gelangt, man hätte Euch von der gesetzlichen Autorität befreit, die ich über
brechend.
„Jeder Ausweg ist Euch verfchlosien, aber indem . ich dies thue, öffne ich meine liebenden Arme um so ; weiter und nur an Euch liegt es, Schutz und Schirm darin zu finden für das ganze Leben."
Olla schauderte bis in's innerste Herz hinein. „Lieber den Tod, den schnellen, augenblicklichen Tod, als Eure Umarmung!"
Ein böser, tückischer Blck schoß aus seinen Augen. Offenbar wollte er gehässige Wor e sprechen, doch bezwang er sich im selben Momente und sagte in süßlichem Tone:
„Armes, romantisches Kind - ich bin doch kein Ungeheuer, wie man nach Eurer Flucht und Eurem Abscheu vor mir wohl denken möchte. Bin ich Euch nicht stets ein nachsichtiger, liebevoller Vormund
bis Ihr eines Tages die Marke fallen ließet und mir die Zumuthung machtet, Euch zu hei' rathen", entgegnete Olla in bitterem Tone. „Ich konnte nicht anders, ich mußte Eure Anträge mit Abscheu von mir weisen und von dem Augenbucke an habt Ihr mir das Leben zu einer Kette von Qualen gemacht. Nicht einen angenehmen Tag habe ich seitdem erlebt, denn jedes Wort von mir wurde überwacht und ich und meine Dienerschaft sogar einem förmlichen System von Spionage unterworfen. Ihr drohtet, mich in ein Kloster zu stecken und als mich dies nicht abschreckke, da verkündet Ihr mir gtstern sogar, daß es in Eurer Macht läge, mich in das Gesängniß zu bringen und so lange darin zu h.halitN, bis ich Eurem Wellen rntgegenkomms. Unter
Euch ausübe?" , .
„Ich wollte das mir zugefügte Unrecht vor ein Gericht bringen, und um einen neuen Vormund btt. ten", erklärte Olla furchtlos. „Ich habe gehört, daß es einer Mündel, die mit ihrem Vormund unzufrieden ist, freisteht, sich einen anderen zu wählen. Mein Vater hat Euch nicht zu meinem Vormunde bestimmt; er hat vielleicht nicht einmal Euren Namen gekannt. Ein Richter würde diese Thatsache als wichtig betrachten. Als mein Vater noch in meiner Kindheit starb und meine Mutter schon längst. tobt war, überließ er mich der Vormundschaft der besten Freundin meiner Mutter, der Lady F"dora Welby, der Tochter des Grafen v. Welky. Die Lady Feodora war gegen mich arme Waise sehr gut g, • wohl die Welt sie nur als Modedame kannte. Ein Jahr nachdem ich ihre Mündel geworden war, gerade vor 13 Jahren, henathrte die Lady Feodora Euch, Herrn Deverevx Gower; und als sie vor einem Jahre starb, bestimmte ste Euch zu meinem Vor. munde. Und Ihr habt Euch des in Euch gesetzten Vertrauens unwürdig bewiesen."
„Das ist eine schwere Beschuldigung, Olla.
„Aber noch immer nicht schwer genug. Ihr habt aus Eurer Macht und meiner Hilflosigkeit Nutzen gezogen und mir Eure Bewerbungen aufgezwungen. Ihr nahmt Euch in Acht, mich zu beunruhigen, wäh. rend wir noch in England waren. Kein Vater hätte bester sein können, als Ihr es dort wäre . Aber vor einigen Monaten entließet Ihr meine alte Gou vernante und kündigtet mir Eure Absichten an, auf Reisen zu gehen. Ihr wäret gegen die Begleitung meiner alten Amme und ihres Sohnes, aber ich wollte England ohne ste nicht verlasten. Sie hatten auf den Wunsch meines Vaters ihr ganzes Leben lang bei mir gelebt und sie werden bei mir bleiben, bis zu unserem Tode. Mit Eurem Kammerdiener und meinen Dienern gingen wir auf Reisen. » erst als wir Neapel erreicht hatten, zeigtet Ihr Euch in Eurem wahren Lichte, warft die Marke der! vät r lichen Liehe ab und enthülltet Euch al» Liebender.


