Ausgabe 
24.3.1888
 
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daran Theil. Frsida dagegen lehnte es heute ab, mitzustngen, weil sie Kopfschmerzen habe und setzte sich zurück. Nachdem eine Stunde lang geprobt worden, trat eine etwas längere Pause ein. Alerandra trat während derselben zu Siegfried und sagte:

Sie haben schon gehört, Herr Rohdenberg, daß ich die Mitglieder des Gesangvereins gebeten habe, mir übermorgen, an meinem Geburtstage, die Ehre ihres Besuches zu schenken. Da ich den Wunsch hege, daß an dem Abend einige Lieder gesungen werden, so muß ich mich vor allen Dingen unseres Direktors versichern. Dürfen wir auf Ihre gütige Mitwirkung rechnen."

~Ich stehe jederzeit zu Ihren Diensten, gnädige Frau."

Und darf ich die Bitte hinzufügen, uns durch einen Soloosrtrag auf der Violine u erfreuen?

Mit Freuden I"

So danke ich Ihnen im Voraus I"

Alexandra plauderte noch ein Weilchen in liebens­würdigster Weife mit Siegfried und verabschiedete sich dann.

In diesem Augenblick ging Felix an Franziska vorüber und flüsterte ihr einige Worte zu, worauf er sich neben Frieda stellte, die noch immer auf demselben Platz saß und deren Unmuth mit jeder Mnute wuchs, weil Siegfried noch immer keine Miene machte, sich ihr zu nähern.

Frau von Barsen erhob sich mit den leisen Worten:

So muß ich denn das ruchlose Werk vollführen und in zwei junge Herzen, die sich lieben, dar tödt- Uche Gift träufeln, aber hüte Dich, Barbar, daß ich Dir später nicht doch noch einen Strich durch die Rechnung mache!"

Sie war über den freien Platz geschritten und sagte zu Siegfried, der gedankenvoll vor sich nieder- blickte:

Verzeihen Sie, Herr Rohdenberg, daß ich Sie in Ihren stillen Betrachtungen störe. Ich möchte eme sehr große Bitte an Sie richten."

Befehlen Sie über mich, gnädige Frau."

Mein Onkel beabsichtigt, bevor wir Fichtenberg verlassen, eine große Soiree zu geben, und da mochten wir gern die Gesellschaft durch kleine Auf- .uhrungen, Charaden, lebende Bilder und so weiter überraschen. Es sollte, wenn möglich, vorher ein absolutes Geheimniß bleiben. Doch", fuhr sie fort,

""gestört, lassen Sie uns einen Augenblick die breite Allee hinabwandrln, da hört

Niemand. Es ist Ihnen doch Recht, Herr

Gewiß, gnädige Frau."

Re WeM Nie gr«u

Vvll »

Wir haben in Rußland oftmals lebende Bilder gestellt."

3d) brauche j tzt zum Beispiel Hectors Abschied von Andromache, und Don Carlos Kniefall vor der

Königin Elisabeih. Da möchte ich Sie nun freund­lich bitten, mir bei diefem Unternehmen Ihrs hülf- reiche Hand zu leihen!"

Ich wäre gewiß bereit Ihnen zu dienen, gnädige Frau, aber ich fürchte, daß ich zu wenig gewandt dazu bin!"

Sie wären zu wenig gewandt, Herr Direktor? Ja, wer wäre denn dazu paffend? Nein, mein Herr, das heißt dir Bescheidenheit zu weit treiben? Die Aufgabe ist kinderleicht hier ist eine geschloffene Laube, machen wir aus Scherz einmal eine kleine Probe, dort steht uns Niemand; Sie werden darnach sogleich ein sehen, daß e» Ihnen nicht die geringsten Schwierigkeiten machen wird. Aber lassen Sie uns leise sprechen, wir können drinnen nicht bem rken, wenn Jemand naht, und ich möchte so gerne das Geheimniß bewahrt erhalten."

Sie betraten die Laube.

Nun wandte sich Felix von Stolzenberg an Frieda und sagte:

Sie gaben mir vorhin das freundliche Ver- sprechen, mich auf den Felsblock zu führen, von wo man den ganzen Garten überschauen könne ist es Ihnen Recht, gnädiges Fräulein, wenn wir jetzt die Wallfahrt antreten?"

Ja", versetzte Frieda.Gehen wir!"

(Fortsetzung folgt.)

Gin Irauenopfer.

Erzählung von Karl Schmeling.

(Nachdruck verboten.)

Die sogenannten hundert Tage waren zu Ende: bei Waterloo waren die stolzen Adler der Korsen für immer in den Staub gesunken. Der Bourbon war wieder in Paris und mit ihm die Aoelssippe der sog. Emigranten, welche nach Rache verlangten nach Rache für die Schmach, daß sie abermals feige davon­gelaufen waren. Sie hatte jetzt dis Macht und sie wollte, daß die Gegner die« empfanden. Die streng- sten Strafen für den von jenen verübten Verra! h waren ihr noch nicht streng genug Eine Anzahl Generale und Stabs'Officiere wurden zur Untersuchung gezogen und zu Pulver und Blei verurthrilt. Doch zögerte man noch damit, andere Würdenträger des Reicher vom Ctvilstande, mit demselben Maaße zu meffen. Jndeffen war die Neigung dazu vorhanden, und so zog man vorläufig einen Mann aus der Zahl jener Beamten hervor, vielleicht um an oder mit ihm die Probe zu machen, ob die Sache ebenfalls glatt verlaufen werde. Es war dies der Oberpostdirector des früheren Kaiserreiches, welcher auch während der hundert Tags seine frühere Stellung wieder über­nommen, eigentlich usurpirt hatte, der Graf Marie Chamans von Lsvalette.

Dieser Mann gehörte ebenfalls zu den Glückskin­dern der bewegten Zeit zu Ende des vorigen Jahr-