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der Schatz von der Gräfin stammte und für einen Anderen bestimmt war. Meinem Ahnherrn war es nicht vergönnt, die Früchte seiner Machinationen, dis vollständig geglückt find, zu genießen, und nun werden sie nach hundert Jahren dem Urenkel vielleicht noch in den Schooß geworfen? Das wären wunderbare Fügungen des blinden Malls!"
Gedelmann erhob sich und sagte mit lebhafter Stimme:
„Aber, gnädiger Herr, es wird Zeit, wir müssen uns beeilen, wenn uns der Morgen nicht bei unserer Arbeit überraschen soll."
Er entfernte sich in sein Schlafzimmer und kam nach wenigen Minuten zurück, um den Hals trug er eine Kette mit einem Kruzifix; in der einen Hand trug er eine brennende Laterne, in der anderen hirlt er mehrere Geräthschaften-
„Jch bin bereit, kommen Sir!" sagte er und schritt voran auf die Gallerte, die Laterne gegen die Brust haltend, sodaß sie nur einen sehr geringen Schein vor sich her warf, kaum genügend, um den Weg zu beleuchten.
Plötzlich stand der Kastellan still und sagte in einem ängstlichen Flüsterton:
„Horch I Was ist dar! Haben Sie nichts gehört ?"
„Unsinn, Alter! Nur vorwärts, vorwärts!" rief Felix, ohne feine Stimme zu mäßigen.
„Um Gotteswillen! Sprechen Sie nicht so laut!"
Sie waren bis an die Thür gekommen, die Gedelmann jetzt öffnete. Zuerst gelangte man in eine kleine Vorhalle, von der drei marmorne Stufen in dar eigentlich- Grabgewölbe führten. Die Wände und die gewölbte Decke, ebenso der in der Mitte stehende mächtige Sarg warm von weißem Marmor, desgleichen der Boden. Zu beiden Seiten des Sarges standen je drei Kandelaber von Bronze, ein ebensolcher am Kopfende desselben. Ruf dem Deckel der Sarges befand sich eine große silberne Platte, auf der cingravirt stand: Gräfin von Fichtenberg, Gemahlin d-s Herzogs Ernst Ludwig.
Gedelmann ging um den Sarg herum, bis in dis linke Ecke des Gewölbes, hob mit einem eisernen Instrument die Marmorfliese heraus, grub mit einem kleinen Handspaten die lockere Erde auf und--
da war der Kasten.
Felix kniete auf der Marmorfliess nieder und hob ihn mit leichter Hand empor. Die Marmorfliese war bald wieder eingefügt, die Spuren der Arbeit htnweggeräumt und die eiserne Thür verschlossen. Nach wenigen Minuten befanden sich die Schatzgräber wieder auf Gedelmann« Zimmer. Felix hatte den Kasten auf den Tisch gestellt und sagte:
„Wo befindet sich denn nur das Schloß? Man sieht ja nicht einmal die Scheids zwischen Behälter und Deckel!"
„Ich erinnere mich, daß es mir schon damals ein Räthfel war. Wahrscheinlich bleibt Ihnen nichts Andere« übrig, als den Kasten zu zerschlagen."
„Es eilt damit nicht, ich kann sehr wohl meins
t Neugierde beherrschen. Ueberdies möchte ich Sie ; bitten, dem Kasten hier bei Ihnen noch ein kurzes Unterkommen zu gönncn, bis ich Gelegenheit finden werde, ihn ungesehen mit nach Fichtenberg nehmen zu können. Dort steht ja ein Schrank, können Sie ihn darin nicht so lange verbergen?"
„W!e Sie wollen, gnädiger Herr!"
Auf demselben Wege, über Treppe : und Corridore, auf dem Gedelmann Herrn von Stolzenberg in sein Zimmer geführt, leitete er ihn dann wieder bis vor die Thür des großen Thurmes. Felix sagte „Gute Nacht!" und schritt den Berg hinunter. Der Mond schien hell, ruhig lag bi- Schlangenburg da, kein Laut regte sich in der schönen Nacht.
Achtzehntes Kapitel.
Mit welchen Gefühlen Siegfried Rohdenberg am anderen Tage in Begleitung Langenbach's und der übrigen Gefangvereinsmitglieder den Salonwagen des Geheimraths Wolter bestieg, um nach der Schlangenburg hinauszufahren, läßt sich nicht beschreiben. Es waren Furcht und Hoffnung zugleich, die sein Inneres bewegten.
Auf dem Holzendorfer Bahnhofe standen mehrere Equipagen, um die Damen auf die Burg hinaufzufahren, aber letztere erklärten einstimmig, bei diesem wundervollen Wetter lieber den Weg durch den schattigen Park zu Fuß zurückiegen zu wollen. Sie wurden von dem Geßeimrath und dessen Gemahlin an derselben Stelle im Garten empfangen, wo vor acht Tagen die Gesellschaft nach dem Diner sich placirt hatte. Hier war ein Theetisch arrangirt und auch den Flügel hatte man hierher geschafft.
Vergebens spähte Siegfried umher, nirgend« konnte er Frieda entdecken. Nach ihr zu fragen wagte er nicht.
Plötzlich sah er, wie in einiger Entfe.nung Frieda um eine Toxuswand bog. Neben ihr ging Felix. Beide schienen, während sie sich näherten, in einer lebhaften Unterhaltung begriffen, wobei Frieda Herrn von Stolzenberg lächelnd anblickte. Es gab Sieg- fried einen Stich ins Herz, als er das sah. Woher diese plötzliche Vertraulichkeit, als wenn sie schon lange mit einander bekannt gewesen wären?
Ale sie nur noch einige Schritte von ihm ent- fernt waren, leuchteten Frieda'- Augen ihm wie sonst entgegen, er aber dachre wiederum, dir» Leuchten gelte nicht ihm, und al» er sich verbeugte und seinen Freund vorstellte, machte er ein so betroffene» Gesicht, dem ein wenig Unmuth beigesügt war, daß Frieda ihn verwundert ansah. Was war mit ihm geschehen? O, wie anders hatte sie sich das Wiedersehen gedacht! Wie hatte sie sich auf diesen Augenblick gefreut, und nun war er so förmlich!
Das junge Mädchen zog die Augenbrauen zusammen, drehte sich rasch herum und ging zu den Damen, um sie zu begrüßen.
Nachdem der Thee getrunken, begannen die Uebungen. Felix und Franziska nahmen diesmal


