Ausgabe 
24.1.1888
 
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gefährlich, in Ihrs Nähe zu gerathen, wenn Sie so erschütternde Monologe halten!"

Sehr gefährlich, gnädige Frau."

Es kommt aber doch gewiß nicht oft vor?"

Nur dann, wenn ich mich über der Menschen Unverstand gründlich geärgert habe, oder über etwas arg enttäuscht worden bin."

Das pajsirt im Leben allerdings nicht so selten."

Die Geheimräthin hatte Siegfried bis j'tzt mit den Blicken nur flüchtig gestreift, nach den letzten Worten sah sie ihn mit ihren großen, schwarzen Augen plötzlich voll an und sagte:

Und da ist ja auch unser junger Künstler! Mein Besuch, Herr Rohdenberg, gilt zunächst Ihnen, und hat den Zweck, Ihnen eine Frage vorzulegen, die ich Sie bitte, mir zu beantworten, wie es Ihrs Neigung Ihnen diciirt."

Siegfried hatte bis dahin kaum seine Augen von Frieda gewandt, die gerade so wie das erste Mal, als er fie gesehen, hinter der Geheimräthin stand, aber heute in schüchterner Verlegenheit die Blicke ge« senkt batte. Er wurde, als er die schöne Frau, die fast so groß war, wie er selbst, ihn anredete und anschaute, wobei die Blicke ihrer Augen die seinen in gerader Linie trafen, etwas verwirrt, er erröthete leicht und erwiderte etwas stotternd:

Die gnädige Frau befehlen?"

O nein, zu befehlen habe ich nichts, nicht ein« mal eine Bitte wage ich auszusprechen, sondern nur eine Frage an Sie zu richten."

Darf ich die Damen ersuchen, gefälligst Platz zu nehmen?" sagte Frau Rothenberg.

Sie sind sehr gütig", versetzte Alexandra und ließ sich auf den ihr zunächst stehenden Lehnsessel nieder. Frieda that dergleichen, auch Frau Rohden- berg und der Professor suchten ihre früheren Plätze wieder auf, nur Siegfried blieb stehen.

Wir haben nämlich die Absicht", begann die Geheimräthin die angekündtgte Frage einzuleiten, in unserm Hause einen kleinen Musik« und Ge­sangsverein zu gründen. Gemischter Chor natürlich, nur Dilettanten, aber auserlesene, möglichst geschalte Stimmen, jedenfalls nur solche, und wenn wir nicht mehr als sechszehn Personen zusammen bringen, die vom Blatt singen können, damit der Dirigent mit keinen anderen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, als dem Vortrage Seele einzuhauchen, wodurch wir viel­leicht erzielen, eine Mustcrleistung im Kleinen her« zustellen. Nun werden aber solche Proben nie besser besucht, als wenn man zu einem bestimmten Zweck singt, und der beste Zweck ist, wenn man das auf den Proben Eingeweihte in Wohlthätigkeitsconcerten verwerihen will. Ich gestehe offen, daß mich hierbei Humanitätsrücksichten durchaus nicht leiten, ich könnte die gleiche Summe, die solche Concerte abwerfen, wie ich es schon gethan, durch Sammlungen, durch einen Bazar oder dem Aehnlicher zusammenbringen.

Mir ist aber darum zu thun, daß wir etwas musika­lisch Gutes zu Stande bringen, woran sich Jever erfreut und was mir zumal ein besonderes Ver­gnügen bereiten würde, und das ist nicht anders zu erreichen, al« wenn die Mitglieder regelmäßig zu den Proben kommen, und sie kommen nur dann regelmäßig, wenn sie sich genirrn, fortzubleiben, und wenn sie fürchten, man könnte ihnen einen Mangel an Wohlthätigkeitssinn vorwerfen; und durch nichts erzeugen wir den nöthigen Eifer nachhaltiger, als wenn es heißt, es geschieht zum Besten der leidenden Menschheit. Die Proben würden wöchentlich e nmal statrfinden, entweder in unserer V-lla hier am Ort oder zur Abwechselung auch einmal aus der Schlangmburg."

Sie hielt einen Augenblick inne und fuhr dann fort:Ich bitte Sie, Herr Rohdenberg, es nicht als eine bloße Schmeichelei anzusehen und ebenso wenig als die überschwenglichen Ausbrüche einer Musik- enthustastin, wenn ich Ihnen sage, mir ist nie deut­licher zum Bewußtsein gekommen, daß die Musik eine Sprache ist, welche dis Empfindungen der Seele in Tönen verräth, als bei Ihrem neulichen Violin- concert. Ich habe beide Nummern, die Sie spielten, bereits früher von unseren ersten Heroen gehört, ich brauche nur den Namen Joachim zu nennen, ich war daher mißmuthig, dasselbe mir von einem Debütanten gefallen lassen zu sollen, aber ich kann Sie versichern, daß meine Erwartungen nicht nur in hohem Maße übertroffen wurden, sondern daß Ihr Vortrag an Tiefe und subjektiver Eigenart jene Meister noch übertraf."

(Fortsetzung folgt.)

Ire Ueöerschwermimngen des Heköerr Ikusses in Wna.

Der verrätherischr Hoanz-Ho oderGelbe Fluß", der schon seit dem grauen Alterthum soviel Unheil in dem chinesischen Staate angerichtet hat uad durch die großartigen Verheerungen, die er von Zeit zu Zeit anrichtete, in den Annalen des Landes berüchtigt ist, ist, wie schon mehrfach kurz erwähnt wurde, wieder einmal aus seinen Ufern getreten und die Wasser haben diesmal mit solcher verheerenden Kraft gewüthet, daß mehrere Millionen Menschen obdachlos geworden sind, Hunderttausende ihr Leben eingrbüßt haben und viele blühende und schöne Städte vom Erdboden verschwunden sind.

Obgleich dar Unheil bereits am 28. September begann, treffen erst jetzt eingehende Nachrichten aus Shanghai ein. 1852 vergingen noch 5 Jahre, ehe die Kunde von einer Ueberschwemmung nach Shanghai drang und noch 2 Jahre später grübelte man in europäischen Kreisen über den Fundort des aus s.inem alten Betts vollständig verschwundenen Flusse».