Ausgabe 
24.1.1888
 
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Ein hoher, ch msücher Beamter, welcher leaus- tragt war, die Verheerungen an Ort und Stelle za untersuchen und seiner Regierung Bericht darüber zu erstatten, meldet, daß nahezu ein Sechstel der Provinz Honan, die der ,.Garten China'«" genannt wird, in einen großen See umgewandelt ist, au» dem nur hier und dort da» Dach einer Pagode oder hohe Thürme und Mauerzinnen hervorragen und den Ort er,beuten, wo sich vor Kurzem noch menschenreiche Städte befanden. Tausende von Einwohnern, die von dem Waffertode gerettet wurden und einst reich und wohlhabend waren, weilen gegenwärtig heimath. los an l en Ufrrn de» neuen Sees und lasten ihre Augen verzweifelnd über dis Fluthen hinschweifen, in denen ihr Besitzthum untergegangen ist und ihre Angehörigen ein trauriges Ende gefunden haben, während ihnen selbst nichts geblieben ist, als das nackte Leben und die Aussicht auf Hungertod.

Die Uebrrschwemmungen begannen ganz in der Nähe von Kabfung-fu, einer der größten Städte der Provinz. Dort wurde eine meilenlange Strecke de» großen Dammes, welcher zum Schutze der Gegend errichtet war, vollständig durch die oustretenden Master des Flusses niedergeriffen und Alle», was über dem Erdboden hervorragte, von den ein» brechenden Fluthen gradezu wegrastrt.

In den Distrikten von Tsching-tschau und Tschen- tlchau wurden, wie gemeldet wird, nicht weniger al» 3000 große Dörfer binnen wenigen Minuten voll­ständig ein Raub der Master und fast kein einziger der Einwohner war im Stande, sich zu retten.

Die Ausdehnung de» Unheil» wird am klarsten, wenn man bedenkt, daß eine Gegend, die beinahe so groß und weit dichter bevölkert ist als Holland, jetzt einen einzigen Sce bildet und daß deren Einwohner fast alle ertrunken oder obdachlos sind. Der Flächen­inhalt des neuen Sees wird auf 810 000 eng­lische Q-radratmeilen geschätzt und die Anzahl derer, die dort lebten, auf über 5 Millionen. Die Pekinger Zeitung" meldet von dem ungeheuren Elende, dem die Ueberlebenden ausgesetzt sind, und nach zuverlässigen Nachrichten zählen dieselben mehrere Millionen.

Unter den untergegangenen Städten sind die hauptsächlichsten Tschingttschau, Wei-Si, Tschung.mu, N-u liu, Fu-Kao, Si-hai, Tsin-tschau, Tschotschia- Kow, Taikang, Tai-ping und Mng-tschau. Die letziere Stadt gehörte zu der Provinz Ngan-Hwuy.

Die Gegend, in welcher' jene Städte lagen, ist eine große Ebene und befand sich, kurz ehe die Ueberschwemmung eintrat, im blühendsten Zustande, strotzend von Reisfeldern, Maulberrbaumpflanzungen und landwrrthschaftlichen Produkten aller Art.

Die gegenwärtige Ueberschwemmung ist die größte, welche sich ereignet hat, seit der sagenhafte und unter die Götter versetzte Kaiser M die Wasser ter Nebenflüsse de» gefährlichen Hoang-Ho au» ihren allen Betten abgelenkt haben soll, lange ehe Europa in die geschichtliche Zett eintrat. Der

gegenwärtige Lauf des Flusses ist vollständig ver­ändert. KaiFung.fu (»»weilen auf der Landkarte al» Kaisong angegeben) liegt jetzt nördlich von dem KoangHo. Bei Kai-fung.fu wandte sich früher der Fluß nach Nordosten, während er jetzt stch nach Südosten wendet und den Kwei oder kleinen gelben Fluß sozusagen verschlungen hat, durch deffen Bett ein Tbeil der Waffer des Haupr fluffe» jetzt sich durch die Provinz Kiangsu in» Meer ergießt und nicht länger Schaugtung bewässert. Trotzdem zur Zeit des Abgangs dieser Nachrichten (am 12. November) von Shanghai nahezu 2 Mo wie seit dem Beginne der Ueberschwemmung verflossen waren, hatte der Hauptfluß damals noch nicht da» Meer erreicht. Anfangs hieß es, daß die Waffer eine Verbindung mit dem Jangtse-Kiang anstredten. Diese» jedoch erwies stch als unrichtig, und e« stellte sich schließlich heraus, daß der See sich von Tag zu Tag erweitert und stch wieder in jene» koloffale Binnenmeer zu verwandeln droht, welches, wie die chinesischen Ge- schichtsschrerber angeben, zur Zeit des obenerwähnten mythischen Kms r» 2)j) in jener Gegend existirte, und welches derselbe trocken gelegt haben soll, indem er ein neues Flußbett für den Hoang.Ho schuf und denselben so in Dämme einschloß, daß er den Lauf verfolgen mußte, den er noch vor Kurzem hatte. Der Zahn der Zeit hatte an diesen Dämmen ge­nagt, und wahrscheinlich rin Unglück, wie^das jetzt hereingkbrochene vorhersehend, trugen stch die chine­sischen Behörden in jener Gegend vor einigen Monaten mit dem Plane, den Fluß wieder in sein altes Bett durch Oeffnung der Dämme bet Kai.fung.su zurückzulenken.

Das furchtbare Unheil hat einen tiesschmerzlichen Eindruck auf die kaiserliche Familie in Peking ge­macht. Nach den geringsten Schätzungen wird die Regierung einer Summe von 10 Millionen Tael und der Hilfe europäischer Ingenieure bedürfen, soll der angerichtete Schaden auch nur einigermaßen wieder güt gemacht werden. Um da» nöthige Geld aufzubringen, haben die Rathgeber de» Kaiser» vor- geschlagen, sofort den Anschaffungen von Waffen und Munition im ganzen Kaiserreiche Einhalt zu gebieten, die Mantschutruppen und die sogenannten Truppen de» chinessischen Banner» mit Rei» anstatt mit baarem Gelds zu besolden was möglicherweise zu einem Aufruhr unter denselben führen dürste, die Kulibezahlung, welche für alle chinesischen Provinzialarmeen üblich ist, aufzuheben und ver­schiedene wichtige Gegenstände de» täglichen Gebrauch» zu besteuern.

Da» ganze in der Nähe der betroffenen Gegend liegende Militär hat Befehl erhalten, sich den Beamten für die vorzunchmendm Arbeiten zur Verfügung zu stellen, aber die Sch-vierigkeitkn find ungeheuer und werden noch dadurch vermehrt, daß da» zu den Bauten nöchige Material nicht an Ort und Stelle vorhanden ist, sondern au» großer Ferne wird her­beigeschafft werden müffen. (Schluß folgt.)

Redaktion: A, Sch?yda, Druck und Verkaz der Brsthl'scheu Druckerei (Fr. §hr. Pietsch) in GHcfirtt.