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so daß Jeder denselbsn für einen natürlichen halten mußte.
Frau von Barsen trug ein Kleid von hellgrauem, durchsichtigem Stoff und sollte diese Farbe die Halb- trauer bedeuten, dis sie auf Wunsch des Onkels um den verstorbenen Vetter für kurze Zeit angelegt Hatte.
Nachdem die erste Begrüßung stattgefunden, Alexandra ihren Gemahl vorgestellt und man in einem Halbkreis mit der Aussicht auf den See Platz genommen, sagte der General:
„Ich bitte um Entschuldigung, daß wir Sie nicht in einem der Staatszimmer, sondern hier in meinem kleinen Tusculum empfangen, und hoffe ich, daß Sie die Vernachlässigung einer strengen Etikette verzeihen werden und sich entschädigt fühlen mögen durch den Anblick auf diesen eigenartigen, malerischen See. Ist es nicht ein herrliches Bild, das sich Ihnen so plötzlich darbot?"
„Ich kann Ihnen nur, Excellenz", erwiderte Alexandra, „für diese köstliche Ueberraschung meinen Dank sagen. Ich glaubte in einen Salon zu treten und statt dessen brütet sich vor mir ein entzückendes Panorama aus. Er ist eine wirkliche Ueber« raschungl"
„Ich sah sie Ihnen an, gnädige Frau, und es ist mir immer eine Genugthuung, wenn ich sie gewahre; war ich doch selbst in hohem Maße überrascht, als ich zum ersten Male diesen Pavillon betrat. Und außerdem haben wir einem Fremden nichts Besonderes, nichts Interessanteres zu bieten, als eben nur dieses Bild."
„Das aber zehn andere Bilder aufwiegt", bemerkte Wolter, „Ist dies vielleicht", fuhr er fort, „der sogenannte Schwarze See, von dem ich schon mehrfach gehört habe?"
..Er wird allgemein so genannt", antwortete der General.
„Und sieht aus", sagte Franziska, „namentlich, wenn die Sonne Abends sich hinter die Bäume senkt, wie ein großer Behälter mit schwarzer Tinte."
„Und zu einer anderen Zeit, bei einer gewissen Beleuchtung", setzte Herr von Weißenburg hinzu, „wo ein röthlicher Schimmer über die Oberfläche fährt, wie ein Riesenkeffel mit Blut."
„Entsetzlicher Vergleich! ' rres Frau von Barsen aus.
„Es ist hier — eine sagenreiche — Gegend", fuhr der General in seiner kurzen abgebrochenen Weise zu sprechen fort, wobei er hinter einzelne Worte, auch da, wo es gar nicht paßte, ein hörbares Komma setzte, „und bas abergläubische Volk hier glaubt daran, wie an das Evangelium. Sowie man sich von Ihrer Schlangenburg, Herr Geheimrath, allerlei Grausiges erzählt, so weiß man auch von dem SHwar en See eine Menge Schauermärchen."
„Man sagt", bemerkte Walker, „daß er von unergründlicher Tiefe fei."
„Na, wie unergründlich er ist, wollen wir nächstens
. schon einmal durch ein Lothblei untersuchen lassen. { Sicher ist es, daß er sehr tief ist und daß eine ge- i wisse Tiefe schon gleich hier am Ufer beginnt, denn die dicken Balken, die man in den Grund getrieben, ; um darauf den Pavillon zu bauen, sollen so lang l fein, wie die höchsten Mastbäume."
„Und was erzählt man sich sonst noch von dem s See? ' fragte Alexandra und fügte hinzu: „Es s inksressirt mich, zu hören, denn ich kann es sehr wohl ei klären, daß diese düstere Romantik Veran- \ lassung zu verschiedenen Sagen gegeben hat."
„Das hat sie auch redlich gethan", versetzte der ? General. „Natürlich haben mich meine beiden alten I Militärburschen schon in den ersten Tagen mit den > Geschichten, die sie im Dorf gehört, regalirt." I „Auch mir hat meine Jungfer sie vorgetragen", s sagte Franziska, „und mag Felix mich noch sehr z verspotten, ich kann mir nicht helfen, — die meisten | Menschen sind etwas abergläubisch, ich bin es auch, l und Niemand würde mich dazu zwingen können, ■; Abends allein um den See herumzugrhen.
„Thorheit!" rief der General. „Aber wo bleibt l denn Felix?" fuhr er fort. „Er ist schon um neun s Uhr fortgeritten."
„Er wird wohl in Holzendorf die Kirchs be- l suchen", sagte Franziska mit etwas spöttisch aufge- I worfenen Lippen.
„Kind", — erwiderte der Onkel, „daran glaubst i Du ja selbst nicht! Mein Neffe wollte in Holzendorf j verschiedene Handwerker bestellen. Felix befindet sich ? j'tzt in seinem Element, er mag gerne arrangiren i und glänzend arrangiren, er findet hier nichts elegant | genug, — das wirb noch eine Unruhe werden, aber [ ich lasse ihn gewähren und habe ihm plein pouvoir \ ertheilt. Hat er Dir etwas gesagt, Franziska, wann $ er urückkchren würde?"
i .Za, er rief mir u. als er ortritt, wir so i ihn vor dem Diner nicht erwarten.""
„Ec hat bereits mit Officieren der Garnison Bekanntschaft gemacht und wird wohl in deren Castno s das Frühstück einnehmen. Aber wie wird er es be. i dauern, nicht zur Stells gewesen zu fein, während wir einen so angenehmen Besuch erhalten."
Wolter hatte auf den ersten Blick in dem General von Weißenburg den früheren Obristen Tramm erkannt. Ec hatte sich bis auf da» gebleichte Haar äußerlich nur wenig verändert und doch schien er ein Anderer geworden zu sein. Noch lag in seinem Gesicht das Strenge, .Gebietende, den unbedingten Gehorsam Verlangende und in einzelnen Momenten war es noch dasselbe Bild, was feinem l Gcdächtniß für alle Zeiten unvergeßlich eingegraben war.
Daneben sah Wolter jetzt in des Generals Gesicht einen anderen Zug, einen milderen, menschlicheren, und dieser Zug hatte für ihn etwas etgenthümlich Anziehendes. Hatte er in früheren Jahren eine gewisse Scheu vor ihm gehabt, so war der frühere Obrist ihm jetzt sympathisch und der Wunsch, häufiger mit ihm zu verkehren, ward in ihm reger, voraus-


