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Stttgehm, daß mit Prell eine Veränderung vorge- gangen war. Häufiger al« früher nahm er j-tzt mit Paula und seiner Tochter an Gesellschaften Theil oder fuhr mit Beiden spazieren. Hatte er früher meist allein auf seinem Zimmer gesessen, so hatte er seit Paulas Anwesenheit ein innigeres Zusammen» leben in seinem Hause eingesührt. Abends saß er bet den beiden Mädchen, und war er auch meist still, so folgte er doch ihren Plaudereien, und ein Lächeln zog über sein Gestcht hin, wenn ste mit einander scherzten.
Marie hatte stch Anfangs glücklich geschätzt, daß ihre Jugendfreundin zu ihr in's Haus gekommen war, daß sie immer mit ihr zusammen sein konnte. Ihr Leben war dir dahin ein einfaches gewesen, ste hatte fich verlaffen gefühlt in den weiten Räumen des großen Hauses, denn ihr Vater sprach oft Tage lang kein Wort mit ihr und ihr Umgang war ein sehr beschränkter gewesen.
Sie hing mit ganzem Herzen an Paula und dennoch sehnte sie jetzt oft die früheren Zeiten zurück. Sie empfand, wie ihr Vater seine Liebe mehr und mehr Paula zuwandte, wie sein Gesicht sich auf» heiterte in ihrer Gegenwart, wie sein Blick jeder ihrer Bewegungen folgte. Ein Gefühl der Eifer» sucht bemächtigte sich ihrer. Sie konnte Paula nicht anklagen, denn sie trug keine Schuld, aber ebenso wenig war sie im Stande- das Gefühl der Eifersucht zu verscheuchen und zu beherrschen. Immer mächtiger wuchs es in ihr heran. Sie hatte ihre Mutter früh verloren, ihr Herz war mit seiner ganzen Kindesliebe auf ihren Vater angewiesen.
Sie war oft verstimmt, Schwermuth bemächtigte sich ihrer — ihr Vater schien es nicht zu bemerken, und doch entging ihm der leiseste Schatten nicht, der sich auf Paulas Gesicht zeigte. Für sie schien er nur Augen zu haben.
Mit aller Strenge verschloß er diese Empfindungen gegen Paula; um so mächtiger brechm ste aber hervor, wenn ste allein war. Er gewährte ihr Linderung, wenn sie dann ihrem Schmerze freien Lauf laflen konnte.
Mehr als früher ging sie deshalb in dem weiten Park spazieren, um an irgend einem stillen Orte unbelauscht und ungestört stch ihren trüben Empfindungen hingeben zu können.
Wieder saß ste eines Tages allein im Park unter einer weitschattenden Linde. Ihr Vater war nicht daheim, und auch Paula war in die Stadt zum Besuche einer Freundin gegangen. Heftiger denn je machte sich das Gefühl bei ihr geltend, daß Paula ihr die Liebe des Vaters entzogen habe. Sie weinte. Sie fühlte sich unglücklich, die» Gefühl des Unglücks ruhte schwer, drückend auf ihr und gleichwohl sah sie kein Mittel, um es abzuwenden.
Da kam ihr Vater mit hastigen Schritten durch den Park. Sein Auge blickte suchend umher. Er sah sie und trat zu ihr.
„Wo ist Paula?" fragte er, und wieder schweifte
sein Bück forschend umher, ohne daß er ihre vermeinten Augen bemerkte.
Sie war aufgestanden und stand vor ihm, ohne daß sie den Blick zu ihm aufzurichten wagte. Wie eine Schuldige kam sie sich unter seinem fragenden Blicke vor. Sie zitterte leise. Noch schwankte ste, ob ste ihm ihr Herz ausschütten, ihm Alles mittheilen sollte, was sie quälte und drückte. Er war ja ihr Vater und einmal mußte ste doch von stch werfen, was so schwer auf ihr lastete.
„Weshalb weinst Du?" wiederholte Prell.
Sie erfaßte seine Rechte mit beiden Händen. Ihr Herz schlug schneller und angstvoll — es war ihr, als ob sie ihm eine Schuld bekennen müffs.
„Vater", sprach sie und blickte zu ihm auf. „Du hast Paula lieber als mich — Dein Herz gehört mir nicht mehr."
Heftig zog Prell seine Hand zurück. Ueber sein Gestcht flog eine leichte Röthe, seine Augen blickten finster drohmd. Gewaltsam schien der Zorn, der in ihm aufgestiegen war, hervorbrechen zu wollen, allein er beherrschte stch. Nicht eine Minute lang währte der Kampf in seinem Innern.
„Du bist eine Närrin, Marie", erwiderte er lächelnd, heiter, mit milder Stimme. „Ja, Du bist wirklich eine Närrin! Weil ich gegen das arme Mädchen freundlich bin, deshalb bildest Du Dir ein, ich Uebe Dich nicht mehr! — Sei doch vernünftig. Sieh', Paula stände ohne mich ganz verlaffen da. Du weißt, daß ihr Vater mein Freund war, in seinem Testamente hat er mich zu ihrem Vormunde ernannt, aus dem Sterbebette — es waren seine letzten Worte — hat er mich gebeten, mich ihrer anzunehmen und Vaterstelle bei ihr zu vertreten. Eie ist ein mir von einem sterbenden Freunde an- vertrautes Gut, und ich soll nicht freundlich gegen ste sein, Du machst mir Vorwürfe deshalb, Marie?"
Auf's Neue ergriff sie feine Hand.
„Vater, Du weißt ja, daß ich Paula liebe, ich gönne ihr auch Deine Liebs", rief si-, „nur will ich dadurch in Deinem Herzen nichts einbüßen. Und was habe ich gethan? Du bist anders gegen mich, seitdem Paula bei uns ist."
Ihr Vater ließ ihr jetzt seine Hand.
„Thörichter Kind", sprach er. „Habe ich Dir ein böses Wort gesagt, so lange Paula bei mir ist?"
Er hatte es nicht gethan. Das würde sie weniger schwer empfunden haben, als seine Theilnahmlofig- keit, seine mehr und mehr hervortretende Gleichgültigkeit gegen sie.
Sie konnte ihm nicht sagen, wie die Ueberzcugung, daß er Paula noch mehr liebe, durch eine Menge kleiner, scheinbar ganz geringfügiger Züge in ihr hervorgerufen war; wie oft sein Blick ihr verrieth, daß er gegen ste mehr erkaltet war.
„Ich täusche mich nicht", sprach sie schluchzend.
„Doch, Du täuschest Dich, Marie. Bei ruhiger Prüfung und Ueberlegung mußt Du Dir die» selbst gestehen. Ich habe Paula gern. Sie ist ein gute« Mädchen, ich weiß, baß sie ohne mich verlaffen


