(Eichener Isamikienbtäüer.

Belletristisches Beiblatt;um Gießener Anzeiger.

Nr. 138,

Donnerstag, den 21. November.

1888.

AunKet! |

Erzählung von Friedrich Friedrich.

(Fortsetzung.)

An der einen Langseite war der Garten durch einen Fluß begrenzt, an der entgegengesetzten Seite umgab ihn eine hohe Mauer und nur an der einen an den Wald grenzenden Seite bildete eine Hccke die Umfriedigung.

Dies Grundstück lag unmittelbar vor dem Thore der Stadt und stel jedem Fremden um so mehr auf, weil es zu der einfachen, mittelgroßen Pro- vinziolstadt wenig paßte.

E n alter Major hatte es einst aus besonderer Liebhaberei gebaut. Vielleicht um im Geiste sich in die alte Rittcrzeit, aus der er fein Geschlecht ab­leitete, zmückzuversetzsn. Jedenfalls hatte er außer­ordentlich viel Geld daran verschwendet, denn das Hau« war von einer solchen Festigkeit, daß es noch Jahrhunderten trotzen konnte.

Vielfach hatte es nach des Major» Tode den Besitzer gewechselt. Es paßte in da» ganze Leben der Stadt nicht hinein. Die Leute nannten die weiten großen Räume in dem Hause unheimlich und hatten es auch nicht daran fehlen lassen, es mit unheimlichen Gerüchten aurzustatten. Noch immer sollte der Geist des Majors sich von dem Hause nicht trennen können, jedem Käufer den Besitz des» selben mißgönnen und ihn in mannigfacher Weife Nachts stören und beunruhigen.

Fast alle Einwohner der Stadt glaubten so fest an dies Gerücht, daß die meisten nicht Anstand ge» nommen haben würden, die Wahrheit desselben zu bestätigen. Deshalb hatten die Besitzer des Hauses auch so oft gewechselt.

Der Dok-or Prell hatte es vor Jahren um einen außerordentlich billigen Preis gekauft. Er war nicht der Mann, um an solche thörichte Gerüchte zu glauben. Er fühlte sich sehr wohl in diesem Hause, und dasselbe hatte in der That so viele wohnliche und gemüihliche Räume, wie kein zweites Gebäude in der Stadt.

Außer Prell und seiner Tochter, einer Dienerin und seinem Kutscher und jetzt Paula, wohnte Nie­mand darin. Er war deshalb still in ihm, allein diese Stille sagte dem Doktor gerade zu. Er liebte ee, oft allein zu sein, ohne daß er irgendwie menschenscheu war. Daß man ihn in der Stadt so nannte, kümmerte ihn wenig.

Sein Charakter, seine ganze Lebensweise erschien

überhaupt den Meisten räthselhaft. Niemand wußte, ob er Vermögen besaß oder nicht. Viele glaubten, daß er reich sei, er würde sonst die» große Hau» nicht allein bewohnen und den Garten in fast pein­licher Ordnung erhalten.

Seine Praxis war nicht sehr groß, obschon ihm Alle da» Zeugniß geben mußten, daß er ein tüch­tiger Arzt war. Es schien ihm auch wenig daran gelegen zu sein, seine Praxis weiter auszudehnen. Er fehlte ihm die Gabe, durch ein gewinnendes Wesen dem Kranken Zutrauen einzuflößen, er schien vielmehr keine Lust zu haben, ein solches Mittel an­zuwenden, denn er konnte äußerst liebenswürdig sein und eine große Gesellschaft durch seine heitere Laune mit hinreißen. Freilich geschah dies nur äußerst selten. Er war meist ernst, verschlossen, dabei aber scharf und streng beobachtend. Stundenlang konnte er schweigend dasttzen und doch verrieth das unruhige, lebhafte Umherschweifen seiner Augen, daß er nicht in Gedanken versunken war.

Sein Urtheil war meist treffend, ober zugleich scharf und satyrisch. Er besaß deshalb nicht viel Freunds in der Stadt. Zu den Wenigen, mit denen er näher befreundet war, hatte auch der Steuerrath gehört. Die Bekanntschaft war zuerst durch Paula und Maris angrknüpft und hatte zu der Freundschaft der Väter geführt.

Braun hatte hen Freund stets in Schutz genom­men, wenn A adere hart über ihn mtheilten. Ihm waren des Dokrors Eigenthümlichkeiten nicht ent­gangen; allein er wußte, daß jeder scharf ausge­prägte Charakter solche Eigenthümlichkeiten besitzt. Sie hatten ihn nicht abgestoßen.

Prell behandelte Paula mit der größten Zuvor­kommenheit, mit einer Aufmerksamkeit, welche außer ihr kein andere» Interesse zu haben schien. Jeden ihrer Wünsche suchte er zu ersüllen. Es that ihr wohl. Der Tod ihres Vaters hatte in ihrem Herzen eine L-ers, ein Gefühl des Vsrlassenseinr hervorge« rufen; dies schwand mehr und mehr durch die Liebs, welche ihr in diesem Hause zu Tyeil wurde.

Wohl hatte sie früher gegen Prell, gegen dessen ernstes und ost kaltes Wesen, gegen die- Strenge seines Urtheils und dis unerbittliche Conseqaenz seines Charakters eine Scheu empfunden, mehr und mehr verlor sich jetzt dieselbe, denn er handelte ja wie ein Vater an ihr. Mit jedem Tags fühlte sie sich heimischer in seinem Hause. Marie ersetzte ihr vollkommen eine Schwester, denn ihr Charakter war l weich, nachgebend und anschließend.

? Einem aufmerksamen Beobachter konnte e» nicht