Hichemr Jamiüenblätter.

Belletristisches Beiblatt;um Gießener Anzeiger.

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Nr. 35. Donnerstag drn 22. März. 1888.

Are verkorene Wröek.

Original-Roman in 3 Bänden von vr. Carl Hartmann-Plön.

(Fortsetzung).

Sechszehntes Küpitel.

Die Frau Geheimräthin Wolter, zu sehr von drr Luft erfüllt, den romantischen schwarzen See auf die Leinwand zu werfen, Halle mit dem Malen be­gonnen. Seit dem letzten Freitag fuhr sie jeden Mittag um dieselbe Zeit, wo sie bitt See zum ersten Mal gesehen, nach Fichtenberg, weil ihr gerade bei dem hohen Stand der Sonne die Contrastr in der B'.l.uchtung sehr gefallen hatten. Am ersten Tage war sie ohne Frieda gekommen, der General hatte sie aber so dringend gebeten, ihr lieblicher Töchterlein doch mitzubringen, daß sie Frieda überredete, sie jedes Mal zu begleiten. Er war sehr viel im Pavillon und sah der Arbeit Aüxandra's zu. Auch Franziska saß still daneben mit einer Stickerei be­schäftigt, und zwar auf Felix Befehl, der stets zu Hause war, wenn die Damen erwartet wurden, und der es eiuzurichten wußte, hävfig mit Frieda allrin zu sein, wobei ihn seine Cousine nicht stören durfte. Bald führte er das junge Mädchen durch das Schloß, um ihr alle Räume, bald durch Park und Garten, um ihr die Veränderungen, die er getroffen, zu zeigen. Auch nach der Ruine, dem alten Fichten­berger Schloß, stiegen sie zusammen hinauf, von wo man eine wundervolle Aussicht hatte. Felix er­zählte auf diesen Wanderungen so intereffant, theils lustige, übermüthige Geschichten, theils ernste, er­greifende, daß Frieda die Zeit rasch verging. Mehr und mehr fühlte er, wie seine Liebe wuchs und wie brennend sein Verlangen wurde, sie zu besitzen.

Es war am D enstag, Alexandra war am Mittag in Begleitung ihres satten htnausgefahren und wie immer von dem General, Franziska und Felix auf das wärmste begrüßt wordrn. Den Commerzienrath riefen nach kurzer Zeit geschäftliche Pflichten nach seiner Fabrik und er ließ seine Gattin und Frieda allein zurück. Alexandra war für heule mit ihrer Arbeit fertig und legte.Pinsel und Palette in ihren Malkasten. Frau von'Barsen hatte vor Kurzem den Pavillon verlaffen, nur der General war noch anwesend und stand vor dem Bilde, daffelbe be­trachtend.

Man steht doch schon", sagte er,was es werden soll, die Bäume treten immer deutlicher hervor."

zIch arbeite mit großem Jnteriffe daran", er widerte Alexandra,und ich bin sehr verliebt in \ das Sujet, daß ich, sobald ich dieser Bild fertig ; habe, sofort noch einmal den See malen werde, < aber vom Mond beleuchtet und der Sache Rechnung i tragend: d'e Oberfläche der Waffers mit den Nixen I des Rheins belebt."

Wie beneide ich Sie um ein solches Talent, Frau ' Geheimrath!"

|Es macht viele Freude. Aber meins Zeit ist ' verstrichen wo nur Frieda bleibt?"

Es ist Unrecht von meinem Neffen, mir während i der kurzen Stunde Ihres Hierseins des reizende j Kind so oft und .so lange zu entziehen. Sie glauben i nicht, welche Freude mir ihr Anblick bereitet, er \ setzt mich in meine Jugend zurück und ruft alte Er» t innrrungcn wach, und je häufiger ich Ihr Fräulein ! Tochter sehe, desto deutlicher gewahre ich eine Aehn« lichkeit

Eine Aehnlichkeit? Mit wem, Excellenz?" i Der General zog aus der Brusttasche seines Jnterimsrockrs eins Photographie hervor und sagte: ;Es war meine Absicht, Ihnen heute dieses B'ld ! zu zeigen; mit wem hat das junge Mädchen darauf ! Aehnlichkeit?"

Mit Frieda, ohne Frage", entgegnete Alexandra, ! nachdem sie einen Blick darauf geworfen.Aber der ' Herr daneben ist ja mein Gemahl", fuhr sie fort, \ich finde düse Aehnlichkeit noch größer."

Das wollte ich nur von Ihnen hören, gnädige Frau. Dies Bild ist mein Heiligthum, in vielen, | vielen Jahren habe ich es nicht hsrvorgesucht, weil s mich, wenn ich es sah, die Erinnerungen über« ! wältigten. Aber jetzt habe ich es gethan, weil die ; längst Gestorbenen mir wieder lebendig entgegen« t treten. Die Ansichten über Aehnlichkeiten find indeß sehr verschieden. Ich war nicht sicher, ob nicht ; meine Phantasie mir dies blos vorspiegelte,und um l mir Gewißheit zu verschaffen, war ich so frei Ihnen das Bild zu zeigen. Ihr Ausruf hat mir bestätigt, i daß ich mich nicht getäuscht."

Die Aehnlichkeit ist unverkennbar. Es sink» - Verwandte von Ihnen?" \Das eigentlich nicht."

Einen Augenblick schwieg der General, dann s sagte er mit tiefer, etwas zitternder Stimme:

Sie ist die Einzige, die ich je in meinem Leben

geftebi!"

sUnd die Sie Verloren haben?"

.,9a."

Durch den Tod oder durch einen Andern?Z