ihm zur Frau bestimmte, an ihn herantrat. Es war für ihn, wie er sich ausdrückte, „eine innere Noth- roenbigtcit", in deutschen Verhältnissen zu leben. Am treffendsten aber schildern seine Stellung die Worte eines Brieses, dm er als gereifter Mann im Jahre 1825 aus Paris, wo er sich zur Abwicklung von Vermögens-Verhältnissen sushielt, an seine von ihm so innig geliebte Gattin Antonie schrieb. „Hätte ich je Alles in Frankreich besser gefunden, als in Deutschland, so würde mich nichts vermocht haben, die Hei- math, die dis Natur mir gab, mit einer andern felbstgewählten zu vertauschen. Deutscher Volksthüm- lichkeit hat sich das Tiefere, Heiligere in mir zuge- wandt; so bin ich durch Sprache, Kunst, Wissenschaft, Religion ein Deutscher." Ja selbst durch bis äußere Erscheinung des Dichters hätte Niemand auf die Vermuthung kommen können, daß seine Wiege jen- seii« der Vogesen gestanden habe. Er trug, wie ein französischer Gelehrter bemerkt, mehr als jeder Andere das Gepräge, das man in Frankreich eins deutsche Tsmnürs zu nennen pflegt.
Freilich darf man nicht annrhmen, daß die Umwandlung aus dem Franzosen in den Deutschen sich so leicht und plötzlich vollzogen habe. Mit schweren inneren und äußeren Kämpfen war sie verknüpft, und Einflüsse stark wirkender Art machten sich geltend, bis sie beendet war. Selbst noch damals, als Chs- miflo als Osfickr in das preußische Regiment Götze eintrat, war er der deutschen Sprache nur unvollkommen mächtig und wurde von seinen Kameraden als „Ausländer, als Franzos" betrachtet, so daß es ihm nicht gelang, mit Einem von ihnen in freund- schaftlichen Verk hr zu treten. Und er selbst fühlte sich zu jener Zeit noch als ganz der alten Helmath angehölig; das beweist dis Sehnsucht nach Frankreich, die Freuds, als ihm durch dis Nothwendtgkeit, den etfronften Bruder dorthin zu geleiten, Gelegen- heit wurde, diese Sehnsucht zu stillen. — Zweierlei Einflüsse find es besonders, die dazu beigetragen haben, das Herz Cßamtffo's von Frankreich weg und Deutschland zuzuweudsn. Dis zerfahrenen politischen Verhältnisse seiner Heimath, die protzende Parvenü- wirthschast der napoleonischen Zeit, mit oll' dem Jammer und Elend, das sie über Tausende brachte, stießen den klar denkenden und fein fühlenden Edel- mavn gewaltsam ab. Und als nach dem Sturze des Korsen das alte angestammte Königshaus den Thron wieder eingenommen hatte, da nahm Chamiffo, dem Erfahrung und Umgang eine vorurthülrlofe Anschauung gewonnen hatten, mit Ingrimm wahr, wie Pfaffen und Hofschranzen sich in dem schönen Laude verderblich breit machten. „Nie hab' ich mehr Unlust em Politischen und mehr Ekel gegen Frankreich empfunden, als eben jetzt. Ich schätze mich glücklich, nicht da zu sein.....mir kommt dieser Ausgang
wie eine Neige schalen Bieres vor." So klingt es mißmuthig aus einem Briefs jener Zeit.
Nicht zu verkennen ist der Einfluß, welchen der freundschaftliche Verkehr mit den gebildetsten Deutschen
Rednction: i, V. Hermann Elte, — Druck und Verlag
jener Zttt gehabt hat, Chamiffo für Deutschland zu gewinnen. Die innige Freundschaft mit Varnhagen von Ense, Theremin, Hitzig, Neumann, Ludwig Robert und Andere war wohl im Stande, in seiner Seele, deren Boden die Vorliebe für deutsches Leben, Bildung und Sitte bereits gelockert hatte, die Neigung für feine „zveite Heimath" Preußen und Deutschland feste Wurzel schlagen zu lassen. „Ich habe Euch und Eurer Liebe sowohl, als meiner inneren Nothwendtgkeit geopfert! Die Aussicht (in Paris bei den Archiven angestellt zu werden) ist entfernt, ich sage noch mehr, ist ohne Reiz für mich — bei Euch gehöre ich einmal hin." Solche Stellen aus Briefen, die er gelegentlich seiner Anwesenheit in Frankreich schrieb, zeigen deutlich, wie stark die Zuneigung zu seinen Freunden ihn stets über den Rhein zurückzog.
Schlimme Zeiten für den dsutschgewordenen Franzosen kamen, als sich die Welt gegen das napoleonische Joch zum Riesenkampfe erhob. Der Wirbelwind der mächtigen Bewegung ergriff auch Chamiffo, und nur den eindringlichsten Vorstellungen seiner Freunde gelang es, ihn davon abzubringen, daß er sich in die Rethen der freiwilligen Kämpfer gegen den napoleonischen Druck, welchen er gelegentlich seines Aufenthaltes bei Frau von Stoöl genügend kennen und Haffen gelernt hatte, stellte. Die Um thätigkeit, zu welcher er so, während er alles um sich zu dem großen Werke fieberisch thätig sah, verurtheilt war, und nach dem Beginn des Krieges der Zwie^ spalt zwischen der Liebe zu seinem eigentlichen Vaterlande und der Theilnahme sür die deatsche Sache, „der schmerzliche innere Kampf über die Partei, welche er zu ergreifen habe, versetzten ihn in eine Niedergeschlagenheit, dis es seinen Freunden für nothwen- big erscheinen ließ, ihn für eine Zeit lang von Berlin, dem Mittelpunkte der Ereignisse zu entfernen." (Varnhagen, Denkwürdigkeiten.) Damals entstand in der ländlichen Einsamkeit seines Aufenthaltes dec Peter Schlemihl, die Geschichte des Mannes ohne Schatten, ein Spiegelbild feines damaligen Seelen« zustandes. Und wieder klaffte die Wunde feines Herzens, als stch 1815 der Sturm von Neuem erhob. „Die Zeit hat kein Schwert für mich!" klagt er. Es regt ihn auf, bei der waffenfreudigen Bewegung nm sich herum müßiger Zuschauer bleiben zu müssen; deshalb pries er sich glücklich, als ihn die Anstellung als Naturforscher bet dec Romanzoff'schen Expedition um die Welt aus dem Strudel der Ereignisse herausriß. Als er nach dreijähriger Abwesenheit in fernen Welttheilen in die Heimath zurückkehrte, da war die Heimath — Deutschland.
Als bemerkenswerth sei noch schließlich erwähnt, daß Chamiffo, wie vortrefflich er deutsch schrieb, dennoch nicht drei Sätze sprechen konnte, ohne den geborenen Franzosen merken zu laffen. Seine Aus- drucksweise war reich an Gallicismen, und die Worte wurden nicht ohne einige Anstrengung und mit einem eigenthümlichm Accent hervorgebracht.
r Brühl'schm Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


