Innz Keinrich und der russische . Deserteur.
Von Robert von Hagen.
(Nachdruck verboten.)
Vom künftigen Admiral der deutschen Flotte, vom Prinzen Heinrich, dessen Lebensschiff im Hafen der Ehe Station gemacht, um dann mit goldner Ladung wieder weiter hinauszusteuern in's brausende Meer des Lebens, — von ihm soll diese kleine Erzählung handeln, deren Inhalt authentisch verbürgt ist.
* * *
Es war im Jahre 18 . . —
Das russische Husarenregiment „Jsum", No. 11, stand damals in Jvanovka, Gouvernement Tambow. Der Oberst dieses anerkannt schneidigsten Cavallerie- Regiments der russischen Armee, Graf Jourkiewitsch, war soeben mit demselben nach stattgehabter Revue vor dem Großfürsten Sergius Alexandrowitsch in's Quartier eingerückt, und zwar wie es schien, in höchst ungnädiger Laune.
„Die Herren Offiziere!---
„Das Regiment hat ver — teufelt schlecht exerzirt" — so begann er zu wettern, „und insbesondere hat sich diesbezüglich die vierte Escadron, —, ja, ja, Ihre Escadron meine ich, Zerr Baron Suroff, — also die vierte Escadron — hervorgethan. Keine Richtung — kein Alignement! Gleich Buschmännern, gleich Hottentotten defilierten Ihre Leute an Seiner kaiserlichen Hoheit vorbei, sein allerhöchstes Mißfallen erregend. A propos, wie heißt doch gleich der rechte Flügelmann des ersten Zuges Ihrer Escadron?"
„Es ist der Unteroffizier P . . . g!"
„Ah , — also wie sein Name beiläufig schon besagt. — So ein — halber Deutscher — ein Kurländer — wie?"
„Ja, Herr Obrist, — gebürtig aus Mitau, Seiner Majestät getreuem Gouvernement Kurland. Ein tüchtiger Unteroffizier und prächtiger Rekrutenabrichter."
„Ich habe Sie nicht um einen Auszug seiner Conduitliste ersucht, Herr^Escadronchef; — darum bitte, lassen Sie den Mann hierher citiren!"
Der „halbe Deutsche", der „Kurländer" kam aus der Front hervorgeritten. Er war so postirt gewesen, daß er jedes der mehr als laut gesprochenen Worte des Obristen hatte vornehmen müssen. In der That, er war ein halber Deutscher; nicht ob des Namen einzig, der heutzutage bei Nationalitätsunterschieden gar wenig mehr in's Gewicht fällt, sondern des Blutes halber, das mehr in deutscher, als in slavisch-sklavischer Weise in seinen Adern rollte, und deshalb senkte er keineswegs den Blick vor seinem gestrengen Commandeur, sondern sah ihm mit militärisch gradem, freiem Blick in's Angesicht, der Dinge harrend, die da kommen sollten.
Das schien den Grafen Jourkiewitsch zu alteriren.
„Hund, Du hast die ganze Parade verdorben! — Beim Defiliren die Richtung verloren! ^icht Acht gegeben und befolgt, als ich Dir das Zeichen gab, mehr zurückzubleiben, das Alignement einzuhalten."
„Herr Obrist, — der Herr Rittmeister Fürst G....., hatte mir direkt anbefohlen, in rasche
rem Tempo auszuschreiten, um die Linie einzuhalten!"
„Du lügst, Hundsfott!"
Kreidebleich werdend, erwiderte Peter P......g'
dem Braunen unter sich krampfhaft die Schenkel gebend, daß dieser hoch sich aufbäumte:
„Das bin ich nicht, Herr Obrist, — bin kein Hundsfott! — bin eines ehrlichen deutschen Vaters ehrlich Kind! — des Kaisers aller Reußen treuer eidverpflichteter Kriegsmann und dessen Unterthan, weil ich in seinen Landen von einer Russin geboren ward!"
Des Grafen Jourkiewitsch Zorn schäumte über:
„Major von Suroff!" — rief er — „Sie haben recht artig wohldisciplinirte Leute erzogen. Das lob' ich mir! Ihr Protektionskind soll sofort zum „Vater Antal"*) geführt werden — — über die Anzahl der Knutenhiebe werde ich nach stattgehabter Degradation bestimmen. Guten Morgen, die Herren Offiziere!"
„Und Sie sollen keine Knutenhiebe erhalten, Peter........" sagte der Major, als er an
dem unglücklichen Opfer böser Laune vorbeiritt — „Sie sollen keine Knutenhiebe erhalten, — so wahr ich bisher Major war und ferner „von Suroff" genannt werden dürfte."
Kleine Ursachen, — große Wirkungen.
Zwischen dem Major und deffen übermäßig „schneidigen" Regiments-Commandeur kam es naturgemäß zum Duell, denn jener peinlichen Scene im Kasernenhof folgte noch eine etwas heftigere Auseinandersetzung im Casino; — der Major — als Beleidigter — (wie dies drolliger Weise zumeist der Fall ist) bekam obendrein noch einen wenn auch ungefährlichen Schuß ab, — wurde krankheitshalber auf unbestimmte Zeit zur Disposition gestellt, der Herr Obrist zu einem andern Regiment versetzt. Und so wäre denn alles hübsch glatt erledigt gewesen, bis auf die dem zum Gemeinen degradirten Kurländer zugedachten und diktirten 50 Pleti-**) respective Knutenhiebe; sie demselben aber alsolviren zu lassen, bot sich keine Gelegenheit, denn „zwar sah man das Roß, doch nicht den Reiter wieder." Er hatte sich der entehrenden körperlichen Züchtigung durch Desertion entzogen.
*) Profoß der Unteroffiziere.
**) Die Knute ist offiziell unter Nikolaus I. abgeschafft und durch die Pleti, eine Art Strippe, ersetzt.
(Schluß folgt.)
Redgctiyn: B. Scheydg, — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Meßen.


