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seine Ausmeiksamkeit den englischen Gefangenen zu, deren Anwesenheit er bemerkt hatte.
„Wer seid Ihr?" fragte er Tresstlian. „Und warum seid Ihr hier?"
„Wir waren Gefangene, Signore", entgegnete Tresstlian höflich, „und wären ohne Eure Dazwischenkunft dem sicheren Tode verfallen."
Nun kamen auch Olla und Frau Popley herbei, und Olla erfaßte Tresstlian's Hand.
„Der Räubsrhaupimsnn hat jenen Priester dort gefangen", fuhr Tresstlian fort, auf den Geistlichen deutend, der jetzt von dem Felsen, hinter welchem er sich verborgen hatte, heroorkam, „und wollte ihn eben zwingen, ihn mit dieser jungen englischen Dame, welche er gestern hierher geschleppt, zu trauen."
Der Priester bestätigte Tresstlian's Aussage.
„Ihr seid jetzt frei, Mylord", sagte der Kapitän sehr höflich, auf den Tresstlian's edle, stolze Erscheinung und Olla's Schönheit einen ungemein gewinnenden Eindruck gemacht hatten. „Wir wollen Euch das Geleits bis nach Neapel geben, wenn Ihr dahin zurückkehren wollt, und schlage vor, bald aufzubrechen."
„Ja, wir wollen nach Neapel zurückkehren", sagte Olla. „Es wird wohl das Beste sein."
Die Tobten wurden bei düsterem Fackelscheine zwischen den Felsen beerdigt und von den anwesenden Geistlichen eingesegnet.
Nachdem diese traurige Pflicht erfüllt war, wurde die Höhle untersucht, ihre Vorräthr von den Siegern als Beute in Beschlag genommen und um Mitternacht verlieb die Gesellschaft die Höhle, bestieg die den Banditen gehörigen Pferde, beluden die übrigen mit der Beute und schlugen den Weg nach Neapel ein.
Es war dies ein seltsamer Ritt durch die schöne, milde Nacht. Der Mond ging auf, die Sterne leuch, teten, die Weingärten, die schönen, malerischen Landhäuser, die Orangen- und Cypressenhaine, sie alle waren in dem zauberischen Mondscheine von wunder, samer Schönheit.
Der Hauptmann plauderte mit seinen Osficieren und sie wünschten sich gegenseitig zu dem Erfolg ihres Unternehmens Glück. Die anderen Soldaten lachtm und scherzten und die Gefangenen ritten, streng bewacht, in finsterem Schweigen weiter. Die Popley's hielten sich in der Nähe ihrer jungen Herrin und Olla und Tresstlian ritten etwas abseits von den Anderen, aber so nahe nebeneinander, daß Guy die Zügel von dem Pferde des jungen Mädchens ergreifen konnte.
Die Beziehungen zwischen den Beiden hatten sich gewaltig verändert, seit sie das erste Mal die einsame Straße gezogen waren.
Aks sie von Neapel hersusgereist waren, war Olla die Beschützerin, Guy der sanfte, nachgiebige Schützling gewesen. Aber jetzt hatte sich Tresstlian die Sorgfalt für Olla wie sein Recht herausgenommen. Er ritt langsamer, wenn sie ermüdet war, er führte ihr Pferd, wenn sie an eine gefährliche Stelle kamen, er plauderte fröhlich mit ihr und entlockte ihr ihre ganze Lebensgeschichte und erfuhr
ausführlich Alles, was sie von ihm wußte — oder zu wissen glaubte — und zeigte sich so angenehm, so bescheiden höflich, so aufmerksam und zärtlich, daß Olla's Achtung für ihn mit jedem Augenblicke zunahm.
„Seine schlafende Seele ist endlich erwacht", dachte ste halbseufzend, als sie in da« ernste, schöne, von blonden Locken umrahmte Gesicht schaute. „Ich wünschte seine Schwester, seine Freundin zu sein, aber fitzt —"
Sie seufzte abermals.
Aber nicht sie allein, sondern auch Guy Tresst- lian war unruhig im Herzen. Seine feurige Natur sprengte die Bande, welche sie so lange getragen hatte, und wandte fich begeistert zu bi fein herrlichen Mädchen. Ihre dunklen, süßen, leuchtenden Augen erschienen ihm schöner, als die goldenen Sterne. Er fühlte, wie ihre bezaubernde Schönheit sein ganzes Herz gefangen nahm und dieses sich ihr in anbeten- dsr Zärtlichkeit weihte.
Dennoch wagte er es nicht, seinen Gefühlen Ausdruck zu geben. Meile um Meile wurde im Mondschein zurückgelegt. Die Nacht verging und die graue Dämmerung des schönen italienischen Morgens brach endlich an.
Gegen 6 Uhr, ehe in Neapel noch das gewöhnliche Leden und Treiben herrschte, ritt die Gesellschaft langsam an dem Gasthofe „zum Vesuv" vorüber. Das Wirthrhaus war schon offen und Giuditta in lieblicher Bauerntracht stand auf der offenen Stelle.
Sie schaute flüchtig und sorglos auf die Reitenden, erschrak aber plötzlich, als sie die schwer gefesselten Gefangenen betrachtete. Einer von ihnen gab ihr einen Wink, welcher ihr deutlich die Wahrheit verrieth, daß die Bande vernichtet und ihr Bruder tobt sei. Sie taumelte und lehnte sich schwerfällig an den Thürpfosten, als ste im selben Augenblicke Olla und Tresstlian neben einander reitend und von den Popley's gefolgt, erblickte. Der Anblick des freien Tresstlian erschütterte ste mehr, als alles Uebrige. Der bedrohte Verlust ihrer Brüte, aus der sie und Palestro ein Vermögen zu gewinnen hofften, beraubte ste fast der Sinne.
Endlich erholte ste sich hinlänglich, um den verschwindenden Reitern nachschauen zu können.
„Giuseppe war nicht unter den Gefangenen", sagte sie zu sich selbst. „Er hat geschworen, sich nie lebendig fangen zu lassen. Er ist getödtet l Und Sir Trrssilan ist frei. Er wird nach England gehen! Ich muß Jacopo augenblicklich schreiben. Ich kann »ticht telegraphtren, denn es könnte Jemand die Depesche sehen. Ich bete zu allen Heiligen, daß Jacopo schon sein Vermögen in Sicherheit gebracht haben möge."
Sie eilte in den Gasthof, um den Brief zu schreiben.
(Fortsetzung folgt.)


