Hießener Aamilienblätter.
Belletristisches Beiblattzum Gießener Anzeiger.
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Nr. 47. Samstag ben 21. April. 1888.
Der Gröe des Kaufes.
Roman von Hermine Frankenstein.
(Fortsetzung.)
Zweites Kapitel.
Eine drohende Aussicht.
An demselben November-Nachmittag, an welchem sich der von uns beschriebene Sturm und Schiffbruch ereignete, steuerte zwei Stunden vor Ausbruch des furchtbaren Unwetters ein von Neapel kommendes Schiff gleichfalls nach dem Hafen von Palermo. Der Himmel war schon trübe, grau und kalt als Vorzeichen des drohenden Siurmes, -und die Lust war auffallend kühl für diese Jahreszeit und für Sicilien.
Es waren nur wenigs Passagiere an Bord und diese Wenigen waren aus dem Verdeck versammelt, um das Einlaufen in den Hafen zu beobachten oder einige Freunde am Strande zu entdecken.
Einige Touristen, etliche Kranke, welche nach Si- cilien reisten, um den Winter daselbst zuzubringen und eine junge Dame mit ihrer Dienerschaft, welche aus einer alten Frau und deren Sohn bestand, dies waren sämmtliche Paffagiere des Schiffes.
Die junge Dame, welche träumerisch die herrliche Lage der Stadt ü‘ erblickte, saß abseits, wie Jemand, der unter dem Drucke einer namenlosen Furcht leidet. Scheu und ängstlich blickten ihre Augen und tiefer Kummer und Betrübniß spiegelten stch in ihrem schönen Gesichte.
Eine schlanke und anmuthige Gestalt, zeigte ihr Gesicht eine schöne regelmäßige Stirn und dunkle, strahlende Augen, in denen der Spiegel der Unschuld lag. Die ältere Begleiterin, welche offenbar eine Art Mutterrolle vertrat, stand neben ibr und betrachtete sie von Zeit zu Zeit mit ängstlichen Blicken.
„Fast sind wir am Ziel, Fräulein Olla", sagte Ire. „Dort jenes schöne Haus ist sicher das Zollhaus und bald wer en wir am Lands sein."
„Still, still, sprich keinen Namen aus", flüsterte das Mädchen. „Wenn ich meinen Namen höre, so glaube ich immer, er müßte vor mir erscheinen. Amme, glaubst Du, daß er uns verfolgt haben wird?"
„Bah, die Verfolgung wäre eine nutzlose", entgegnete die alte Dienerin in ausweichendem Tone. „Wir sind an Oct und Stelle, Fräulein Olla, und hier kommt mein Sohn Popley."
Der Sohn der Amme, ein stämmiger Engländer mit pfiffigem, jedoch ehrlichem Gesicht, näherte sich, den Hut in der Hand, seiner Herrin.
„Wir sind zur Stelle, Fräulein Olla", sagte er. „Ich werde, nachdem ich Euch einen Wagen besorgt habe, nach dem Gepäck« schen. Ihr wollt doch sogleich in ein Hütel gehen, nicht wahr? Es ist möglich, daß Ihre Freunde Palermo bereits verlaffen haben."
Diese Vermuthung schien das junge Mädchen mit Bestürzung zu erfüllen. Sie war sehr bleich und ihre Stimme zitterte, als sie antwortete:
„Ganz gut, Popley — ich will in das Hütel Trinacria gehen."
In diesem Augenblick stieß der Dampfer an das Land und es erfolgte der Tumult des Ausschiffens.
Das junge Mädchen stand auf und folgte ihren Dienern an's Land. Wenigs Minuten später fuhr sie mit Frau Poplcy nach dem erwähnten Gasthofe. Und in einer halben Stunde waren die Beiden in dm schönsten Zimmern des Hü el» Trinacria mit der Aussicht auf die Marina, einen herrlichen Spaziergang, einquartiert.
_ Das junge Mädchen sank, ermüdet von der Reiss, auf ein Sopha, während Frau Popley dem Aufwärter verschiedene Aufträge erihetlte.
Ein in dem kleinen Ofen angemachtes Feuer verbreitete bald eine behagliche Wärme in dem Zimmer. Dar junge Mädchen saß mit dem Ausdrucke tiefster Niedergeschlagenheit und Verzweiflung vor demselben, als ein Gasthofsdiener, mit einem großen Buche unter dem Arm und Schreibrcqaistten in der Hand, eintrat.
„Wird die junge Dame so gefällig sein, ihren Namen in das Fremdenbuch einzutragen?" fragte er sie höflich in englischer Sprache.
Das junge Mädchen erschrak und schaute ihre altr Dienerin verwirrt an. Bald erhielt sie jedoch ihre Geistesgegenwart wieder und schrieb in das B rch Folgendes ein:
„Fräulein Wyat und zwei Diener."
Der Aufwärter schaute flüchtig nach dem Namen und dachte bei sich:
„Das ist nicht ihr wirklicher Name. Ihr Zögern und die erkünstelte Schrift beweisen dies. Hier waltet ein Geheimniß ob."
Er wandte sich zum Gehen, aber die junge Dame f rief ihn zurück.
„Ich brauche sogleich einen Boten", sagte sie mit l wohlklngendcr Stimme. „Ist es möglich, daß Ihr ; mir vielleicht Auskunft geben könnt? Ich habe


