Ausgabe 
21.2.1888
 
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schlummer liegt und die Wärterin pflichttreu und geduldig wacht, die Athrmzügs des Kranken be­lauschend, bereit, sobald er sich regt, ibm den heilenden oder kühlenden Trank zu reichen, ihm die Kiffen gerade zu rücken. Nun schaue ich in ein Zimmer, wo man im ernsten, feierlichen Schweigen das Erlöschen eines Lebens erwartet, und in ein anderes, wo soeben ein neues Leben erwacht ist.

In seinen Mantel gehüllt, das Gewehr über dis Schulter, geht mit iaktmäßigem Schritte die Schild­wache vor dem Schilderhauss auf und ab, den Schlag der Stunde erwartend, der die Ablösung bringt. Ein mühseliger Wachtdienst und doch ein Kinderspiel gegen jenes Wschestehen auf Vorposten im Kriege, wo Auge, Ohr, wo jeder Sinn in fort- dauernder Anspannung zu sein hat, wo das Heran- schleichen des Feindes mehr geahnt als vernommen werden muß.

Auf ihrem Posten find die Wächter des Gesetzes und auf seinem Posten ist der einsame Mann, der droben auf dem Ringofen der Ziegelei sitzt und da­für sorgen muß, daß das Feuer, das d e Ziegel brennt, weder erlösche, noch um sich g eife. Auf ihren Posten find die Arbeiter an den Schmelzöfen d-r Eisengießereien und Glasfabriken, und in all den unzähligen Betrieben, von denen es heißt: Wohlrhätig ist des Feuers Macht, wenn es der Mensch bezähmt, bewacht."

Wehe, wenn sie lorgelaffenl" heißt es plötzlich- eine Feuersbrunst ist im Entstehen, sie ist rechtzeitig vom Wärter entdeckt, ein Druck auf einen Knopf setzt den Feuermelder in Bewegung, und schon raffeln die Wagen der Feuerwehr durch die Straßen, ein Thril der Mannschaften schläft nicht, sondern ist im Depot des Rufes gewärtig.

Was schafft und treibt man in jenem Hause, dessen erleuchtete Fenster in die Dunkelheit hinaus- strahlen. Welch eigenlhümliches Leben im Schweigen der Nacht! Da sitzen Männer schreibend an Pulten, da kommen Boten mit Briefen und Depeschen, da stehen in großen Sälen beim Scheine des Gaslichtes die Setzer am Setzkasten, da sausen die Räder der Dampfpressen, da walten die Bogensängerinnen und Falzerinnen ihres Amtes. Die Redaktion und Druckerei einer großen Zeitung ist am Werks, das Morgenblatt herzustellen, das die Frühzügs der Eisenbahnen nach allen Richtungen mit in die Pro­vinzen nehmen sollen, das die Bewohner der Groß, stadt, wo die Zeitung erscheint, auf ihrem Früh- stückstisch zu sehen verlangen, gleich der Sahne und der frischen Butter, die der Nachtzug vom Lande hereingeschafft hat, gleich dem Gebäck, dessen Her- stellung in den Bäckereien die Arbeiter zwingt, die Nacht zum Tage zu machen.

Mit gerötheten Augen, bleichen Wangen und fteberhast geschäftigen Händen wird in den Mode- Ateliers von jüngeren und älteren Frauen genäht

beim Scheine der Garlampen. Es ist Saison, die ^^llurrgen müssen rechtzeitig ausgeführt werden, nicht allzulang ist dis Zeit der Ernte, es heißt sie einheimsen. Man opfert einen Theil der Nacht und geht nach kurzer unzureichender Rast wieder an die Arbeit, um sie zu schmücken, welche ebenfalls die Nacht zu Tage machen bei Tanz und Spiel und Lustbarkeiten, die oft weniger entnerven als dis Arbeit der Nacht.

Auch die Polizei darf nicht schlafen, schläft doch auch der Dieb, der Mörder und Falschmünzer nicht in der Nacht, in der Nacht schlüpft das Verbrechen aus seinen Höhlen und treibt sein lichtscheues Wesen. Jetzt ist die That verübt, und wenige Stunden darauf können schon viele Meilen liegen zwischen deren Schauplatz und dem Verbrecher. Aber schneller und erbarmungsloser als die Erinnyen ist der elekt­rische Funke; er heftet sich nicht nur an seine Sohlen, er fliegt ihm voraus und erwartet ihn mit der Kunde seiner That.

Macbeth hat den Schlaf gemordet", konnte Shakespeare ausrufen und damit ein Bild des Grausens geben, das uns heute noch mit Vollgewalt ergreift, aber nach dreihundert Jahren hat dis Civi- lrsation den Schlaf gemordet, allen andern Ländern voran das Vaterland des großen Britten und jenes Dichters, der das schwermüthige Wort der Klage sprach:Schlaf kam auf jedes Äug', nur auf meines nicht!"

Noch einmal wiederhole ich es, aver weniger bitter, weniger klagend. Warum soll ich nicht für wenige Stunden, warum nicht für eine Nacht dar Loos tragen, zu welchem so viele meiner Mitbrüder nnd meiner Mitschwestern durch das eiserne Gebot der Pflicht Nacht für Nacht verurtheilt sind? Ihre Zahl ist noch lange nicht erschöpft. Sie kommen einzeln und in Schaaren. Der Arzt, der von müh­seligem Tagewerk heimgekehrt durch den Ton der Nachtglocke aus dem Schlummer geweckt wird, der Apotheker, der schleunigst eine Arzenei bereitet, dir Mutter, welche das weinende Kind trägt und wiegt und ihm mit leiser Stimme ein Schlummerlied singt, wie die Bemannung des Schiffes, das beim Scheine des Mondes die Wafferstraße des Oceans zieht.

Der Matrose im Mastkorbe hält scharf Lugau«; am Steuer im Maschinenraum, auf allen Posten halten feste Männer Wacht, auf dem Verdecke sitzt eingewickelt in Decken ein einsamer Reisender. Er schaut hinauf zum sternenklaren Himmel, zur Milch, straße, zum großen Bären und zum Polarstern, die ihm hier glänzen wie in der Heimath, dann blickt er hinunter in die Fluth, durch welche das Schiff leuchtende Furchen zieht; die grauen Wellen mit ihren weißen Schaumkronen schaukeln ihn und singen ihm ein urewiges Lied, der Reisende versteht dessen Wort und meint sie ganz genau zu merken er täuscht sich, er träumt nur, denn ich bin selbst dieser Reisende und ich bin - eingeschlafen.

Ncdqctisn: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Hhr. Pietsch) in Gießen.'