87
einstellen müssen. Es drangen indessen von dort her die verschiedensten Nachrichten; während einige lauteten, daß eine ungeheure Unterbilanz vorhanden seit coursirten dagegen auch solche, daß der Selbstmord nur in einem Augenblick der Verzweiflung auegesührt sei, daß zu derselben indeß keine Ursache gewesen, denn e» seien so große Activa an Gütern, Bergwerken und prachtvollen Häusern — eine ganze Straße gehöre dem Bankier — vorhanden, daß diese die Passiva weit überragten und sehr leicht ein Arrangement hätte getroffen werden können. Es seien die Verhältnisse jedoch derartig verwickelt, daß ein klarer Einblick noch nicht zu erlangen und zur Reaulirung der Masse wohl eine lange Zeit nöthig sei.
Der Bankier Römer war schon nach wenigen Tagen von Wien zurückgekehrt. Gleich nach seiner Ankunft schrieb er einen Brief an Wolter, worin er ihm mittheilie, daß er sowohl, als auch sein Prokurist Dalberg eine Geschäftsreise hätten antreten müssen, er bedauere lebhaft, daß die verlangte Summe nicht sogleich au bezahlt werden konnte, hätte er gewußt, daß der Herr Gehetmrath dieselbe schon vor dem verabredeten ersten August zu erhalten gewünscht, so würde er seinem Kasstrer vor seiner Abreise eine diesbezügliche Anweisung gegeben haben. Die fünf- malhunderttausend Mark lägen jetzt bereit und könnten jeder Zeit in Empfang genommen werden.
Nachdem Wolter den Brief gelesen, schellt; er seinem Comptoirdiener Struck und gab diesem den Auftrag, Herrn Bärmann zu rufen.
(Fortsetzung folgt.)
In schlaflosen Mächten.
Von Jenny Hirsch.
(Nachdruck verboten.)
„Schlaf kam auf jedes Aug, nur auf meines nichtl" seufzte ich mit den Worten des Dichters. Lange, ach lange schon hatte ich auf dem Lager ge- legen, den Schlaf erwartend, „den Lebenrquell, der neue Tage schafft'', der Nacht, der wahren, der wirklichen Einsamkeit.
Wer einsam auf seinem Zimmcr wellt, wem „Beschäftigung, die nie ermattet", versagt ist, er hat da« Tageslicht zur Gefährtin, sei er noch so fernab von dem Getriebe de» Leben«, die auf- und abfluthenden Wellen desselben finden doch einen Weg, auf dem ste ihm einen versprühenden Tropfen zu- führen — er ist nicht ganz allein. Wer verschlagen ist auf eine menschenleere Insel, an den tritt da« zwingende Gebot der Sclbsterhaltung heran, er muß kämpfen und ringen, da« nackte Leben zu fristen, und dieser Kampf wird ihm zur Wohlthat, zum Gefährten der Einsamkeit. Wer stch grollend von den Menschen zurückgezogen, er ist doch nicht ganz von
ihnen entfernt, so lange die Sonne in sein Z mmer scheint und jede« Geräth, auf da« sein Auge fällt, die Nähe und da« Schaffen de« MenfKengeistes und der Menschenhand verkündet. Ganz einsam ist selbst nicht der Gefangene in seiner Zelle, so lange man ihm nicht die Marter der Entziehung de» Lichte» auferlegt. Licht, Licht, Sonnenlicht, da« ist der eigentliche Lebensquell, und daß es der Nacht mangelt, das macht die Schlaflosigkeit so bang und schwer, da« läßt dem Schlaflosen die ihn umgebende Einsamkeit riesengroß erscheinen, dar reizt seine Phantafie, ste zu bevölkern mit schattenhaften Wesen und Gestalten. Wunden, die wir längst vernarbt glaubten, brechen wieder auf und bluten von Neuem in der schlaflosen Nacht; Kränkungen, bis wir längst verschmerzt, erhalten ihren Stachel wieder, Wünsche, dir wir begraben, steigen auf im pochenden, unruhr begehrenden Herzen. Er kommt auch wohl eine Zeit der stillen, beschaulichen Einkehr, de« sanften Gedenken», der mild wehmüthigrn Erinnerung, es quillen au» unentdecktem Born Gedanken, Hoffnungen und Vorsätze, weit mehr noch ist die schlaflose Nacht aber der Angst, der Sorge und Befürchtung preisgegeben. Was wir am Tage mit Ruhe überlegen und erledigen, da» wird uns in der schlaflosen Nacht zur schweren Bedrängniß, kleine Schwierigkeiten, die stch spielend überwältigen lassen, wachsen an zu unüberwindlichen Mächten, man bereut wohlüberlegte Entschlüsse und faßt andere, deren Ausführung verderblich sein würde, verscheuchte sie nicht der Morgen mit dem Spuck der Nacht.
In einer solchen Nacht war es, wo ich auf meinem Lager liegend und den Stimmen der Nacht, jenem geheimnißvollen Wispern und Flüstern und Zischeln, Rascheln und Knistern lauschend, ich weiß nicht zum wie vielten Male den Vers wiederholte: „Schlaf kam auf jedes Äug', nur auf meines nicht!' Da plötzlich durchbricht die Stille der Nacht ein wohl bekannter Ton, der nichts gemein hat mit jenen räthselhaften Lauten. Ein schriller Pfiff erklingt, ein ferne» Brausen folgt ihm: vom nahen Bahnhofe ist ein Nachizug abgefahren. Die Klage: „Schlaf kam auf jedes Äug', nur auf meines nicht", wird hinfällig; da sind gar viels Augen, dis stch für diese Nacht nicht im Schlummer schließen.
Und nun sehe ich die Locomotive mit ihren feurigen Augen, die von rußgeschwärzten Männern von Neuem mit Kohlen gespeist wird, ich sehe den Zugführer stch auf seinen erhöhten Sitz schwingen, sehe da» Bahnhof-Persona! geschäftig hin- und hereilen, die Schaffner die Wagenthüren öffnen und schließen. Dann braust der Zug weiter und nimmt mit sich eine große Anzahl von Personen, die von den verschiedensten Beweggründen geleitet, im Dunkel der Stacht weite Strecken durchfliegen; nur Wenigen von ihnen wird in dieser Nacht die Wohlthat des Schlafe» zu Theil, und wie zagt manches Herz um da«, wa« seiner am Ziele der Reise erwarten mag!
Meine Gedanken wandern weiter zum Kranken- zimmer, wo der Leidende im fieberhaften Halb-


