Hießener Jamiüenbläiler.
Belletristisches Beiblatt ?um Gießener Anzeiger.
Dienstag dm 21. Februar.
1888.
ALe verlorene Wiöet.
Original-Roman in 3 Bänden v»n Dr. Carl Hartmann-PlSn.
(Fortsetzung).
,3m Allgemeinen mögen Sie Recht haben, aber mir widerstrebt es —
„Herr Geheimrath", fiel der Prokurist ihm mit noch eindringlicherer Stimme in die Rede, „wir sollen am ersten August an den Geschäftsführer des Besitzers von Fichtenberg, an den Rechtsanwalt Stein in Holzendorf, für die angekauften Ländereien die Summe von fünfmalhunderttaufend Mark auszahlen. Der Bau der Fabriken, der über eine Million kosten wird, hat begonnen, denken Sie sich den Fall, wenn Römer sich insolvent erklären müßte, ja, wenn in seinem Geschäft auch nur Stockungen eintreten würden, — was wär« die Folge? Wir könnten den Termin am ersten August nicht inne halten, der Bau, für den täglich große Summen bereit liegen müffett, könnte nicht weiter geführt werden, eine Ststirung, wenn auch vielleicht nur eine vorläufige, wäre unvermeidlich, und was diese noth- gedrungens Unterbrechung für einen Reflex auf den Credit der Firma Johannes Wolter werfen würde, ist vorauszusehen."
„Run, Bärmann, — und da meinen Sie viel« leicht —
„Ja, Herr Geheimrath, da meine ich, daß wir auf der Stelle sämmtliche Kapitalien zurückziehen müssen."
„Wie?"
„Ich bitte Sie dringend, geben Sie dazu den Auftragi Noch ist Falkenstein's Selbstmord wenigstens nicht in weiteren Kreisen bekannt, keinenfalls weiß bis jetzt irgend Jemand den Grund, es ist also durchaus unauffällig, wenn wir die Gelder kündigen, - Jeder ist sich selbst der Nächste, fällt Römer später, so find wir doch gedeckt."
„Bedenken Sie denn gar nicht, lieber Bärmann, daß wir ihn dadurch gerade zum F«ll bringen können? Stellen Sie sich doch den Eindruck vor, den es an der Börse machen muß, wenn es heißt, das Haus Johannes Wolter hat alle seine Kapitalien gekündigt. Wenn eine solche Firma, wie die unsrige, unter den gegenwärtigen Verhältnissen plötzlich kündigt, was wird die unausbleibliche Folge sein? Eine Mengs anderer Kapitalisten wird ebenfalls sofort kündigen und dann ist Römer ruinirtl Welches Bankhaus» und wäre es das solidest fundirtr, könnte
i eine solche Massenkündigung vertragen? Nein, mein l lieber Freund, dazu gebe ich meine Einwilligung I nicht! Warten wir erst einmal ab, was wir über die Ursache von Falkenstein's Selbstmord erfahren werden, den unser Wiener Vertreter doch immerhin nur noch als Gerücht bezeichnet hat, nachher können wir ja immer noch unsere Maßregeln treffen."
„Wenn es dann nicht zu spät ist!"
„Es giebt doch hundert andere Gründe für einen Selbstmord, als financielle."
„So gestatten Sie mir wenigstens, daß ich die sünfmalhunderttausend Mark erhebe. Römer weiß ja, daß wir sie in einigen Wochen zahlen sollen, also kann er nichts darin erblicken, wenn wir sie heute schon verlangen. Ich kann mir nicht helfen, Herr Geheimrath, es liegt mir schwer auf der Seele, ich kann den Gedanken nicht bannen, daß wir unmittelbar vor einer unheilvollen Katastrophe stehen!"
„Sie stecken mich ja förmlich an mit Ihrer Angst, Bärmann. So fei es beim! Wir haben ja bereits die Summe gekündigt und wünschen sie jetzt nur etwas früher zu haben. Gehen Sie auf Römer's Comptoir, lassen Sie sich das Geld auszahlen, Sie werden sehe», daß es ohne Verzug geschieht.",
„Ich weiß nicht, — ich kann mich eines Zweifels nicht erwehren, mögen Sie Recht haben und mögen meine Besorgnisse grundlose gewesen sein. Ich möchte Sie nur noch bitten, Herr Gehrimrath, mir in paar Worte aufzusetzen, weil ich nicht gerne, obgleich ich die Prokura führe, eine so große Summe I8 ohne die speeielle Ordre des Chefs erheben mag?;
„Das soll geschehen."
Wolter ging zu seinem Schreibtisch, warf stehend einige Zeilen auf ein Stück Papier und während er i dasselbe seinem Procuristen überreichte, sagte er:
„Sir haben es wirklich erreicht, daß ich zwei ' Minuten lang ebenfalls fürchtete, ich bin jetzt aber - schon wieder ganz r,chig geworden. Wenn ich nicht überzeugt wäre, Bärmann, Sie gar nicht anders 3 los zu werden, so würde ich jetzt noch sagen: i Bleiben Sie hier!"
„Ich halte Ihre Ordre in der Hand, Herr Ge- heimrath, und würden Sie mir befehlen, Ihnen ' dieselbe zurückzugeben, so würde ich vielleicht zum ersten Mals in meinem Leben Ihnen — nicht ge* \ horchen!"
Bärmann war, während er dies sprach, rückwärts bis an die Thür geschritten, und als wenn er fürchtete, sein Chef könne sich noch anders besinnen und den Befehl wirklich erlassen, schlüpfte er nach


