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höchst zufrieden gewesen, da schien er in allen Himmeln zu schweben. Auch dem Herrn Inspektor mit der funkelnden Uniform wurden einige schmeichel- haste Wo te des Dankes ob der prächtigen Dekoration des Bahnhofes zu Thsil — „sie nahm sich ganz allerliebst aus" bemerkte Ss. Excellenz, überraschend schön."
„O", dachte der Herr Inspektor für sich, „wie ganz allerliebst würdr sie sich auch bei mir aus- nehmen, überraschend schön", und dabei fuhr er auch diesmal auf die linke, ach, so glatte Brustseire. Der Prinz-Regent verabschiedete sich nun herzlichst vom Prinzen Hohenlohe und huldvollst vom Officiers- corps und dem anwesenden Bürgermeister, dankte mit dem Kopfe freundlich nickend dem Hurrah rufenden Publikum — und gleich darauf verließ der Zug nach etwa zweistündigem Aufenthalt den Bahnhof Gleiwitz.
„Korbjuhn, MenscheMkind!" so stürzte der Bürger- meister in den Saal erster Klasse, „bester Korbjuhn, nicht wahr, Sie überlassen mir die Tasse hier, aus Welcher Se, Königliche Hoheit Kaffee getrunken ^hat?"
„Diese Losse?" erwiderte Korbjuhn, „ich weiß, daß ich der hohen Obrigkeit Gehorsam schulde, aver 64 dieser Tasse hört er auf. Nein, Herr Bürger« meister, Liese Tasse bekommen Sie nicht — sie soll das werthvollste KabiMstück des Hauses Korbjuhn bilden."
„Mitsammt dem vielen Satz, welcher sich noch in der Tasse blfindet?" fragte das Stsdtoberhaupt, etwas spöttisch in die Taffe hinemblickend. „König- ! He Hoheit müssen sich über diesen Kaffee sehr ge- freut haben."
„Mein Gott", rief Korbjuhn, „in der That — es ist entsetzlich — diese Menge Kaffeesatz — Herr Engel vergaß zu trichtern I Doch geschehen ist ge- schchsn. Um eins aber bitte ich Sie, Herr Bürgermeister, und das ist, daß Sie mir amtlich bsstätigsn, daß dies die Tasse ist,- aus welcher Se. Königliche Hoheit, der Prinz-Reger i von Preußen am 28. Oktober 1860 Kaffee getrunken hat."
„Das will ich gerne thun", sagte der Bürgermeister und erfüllte dm Wunsch Korbjuhn's.
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Vorstehende kleine Geschichte erfuhr ich — der Erzähler derselben — gelegentlich einer kürzlichen Anwesenheit in C., woselbst der Held der Historie, Herr Ko.bjutzn, als wohlbestallter Rentier ansässig ist, aus dessen eigenem Munde und konnte mir's nicht versagen, die historische Tasse sammt dem 25 Jahre sich in derselben befindlichen, eingetrockruten Kaffeesatz einer näheren Besichtigung zu unterziehen. Im Innern dieser unter Sturzglas ausbewahrten Tasse liest man in Goldbuchstabm:
„Am 28. Oktober 1860 trank Se. Kgl. Hoheit der Prinz Regent bei einem seiner treuesten Unter» thanen aus dieser Taffe, auf dem Bahnhof zu Glei- witz bei F. W. Korbjuhn."
„Ems große Hauptsache hast Du aber beim Erzählen der Geschichts doch vegkssen", so sagt? leiff, und fast verschämt Frau Korbjuhn zu ihrem Garten, als derselbe geendet hatte.
„Eine Hauptsache vergessen?"
„Run ja, wenigstens für mich eine Hauptsache. Du hast nämlich vergessen, zu erzählen, .daß, wenn diese Tasse nicht cxistirte, ich auch niemals Dein Frauchen geworden wäre."
„Eh dann heraus damit, Herr Korbjuhn", rief ich — die Sache wird ja immer interessanter."
Und so erzählte denn Herr Korbjuhn das Weitere:
„Zwei Jahre nach dem königlichen Dejeuner mit Hindernissen starb mir meine F.au und 16 Monats später stand ich — ist einem Restaurateur doch eine Hausfrau unbedingt nöthig — wieder auf dem Punkte, mich zu verloben. Meins Zukünftige war ein hübsches, gebildetes und auch ziemlich vermögendes Mädchen aus guter Bürgersfamilie — aber — eigensinnig. — Alles sollte einzig nach ihrem Willen gehen. Sie setzte den Tag der Verlobung fest; ich hatte dagegen nichts einzuwenden, ich ließ ihr in allen Dingen freien Willen! Da überkam sie aber plötzlich ein Tag vor der Verlobung eine eigensinnige Caprice. „Hörst Du" sagte sie, — „morgen bei unserer Verlobung, da trirte ich zur Feier des Tages aus der Tasse, aus welcher der König seinerzeit als Prinz-Regent getrunken hat."
„Mein Kind, was Du da verlangst", erwiderte ich, „ist ganz und gar unmöglich." —
„Und warum dar? Etwa weil der Kaffeesatz noch drinnen ist? Pah — ich wasche die Taffe rein aus.' <
„Was? Wie?" rief ich — „die Tasse darf Niemand amühren; mein König trank daraus, verzeihe, aber den Willen kann ich Dir nicht gewähren."
„Dann liebst Du mich also nicht? — —"
„War hat die Tasse mit unserer Liebe — sie hat höchstens etwas mit jener zu meinem König zu thun."
„Alsa Du erlaubst mir nicht, aus der Taffe zu trinken?"
„Nein, mein Kind, laß' doch diese kleine Caprice." Sie antwortete kein weiteres Wort und ging ab. Noch am selben Tage erhielt ich einen Brief, in welchem sie mir sagte, daß wir uns nimmer verstehen würden — sie stehe daher davon ab, sich mit mir am kommenden Tag und überhaupt zu verloben. Adieu! das war das Ganze. ■
Mein Gram um das kleine, eigensinnige Ding war bald verschwunden; — ich lernte schnell ein noch hübschere und weniger eigensinniges Mädchen kennen, lieben, und heirathete sie. Und weder ich — noch sie hat es je bereut, baß es so gekommen ist. Nicht wahr, mein Lieschen?" Sie reichte ihm stillschweigend die Hand als Bekräftigung des von ihm Ausgesprochenen. „Ja, ja, das hat alles die Taffe mit ihrem Kaffeesatz gerhan", so schloß Herr Korbjuhn und gab mir die Erlaubniß, die Geschichte so wahrheitsgetreu zu erzählen, wie ich sie zu erzählen mich befleißigt habe.
Redaction: A. Sch e yda. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


