Hichmer Jamilienblätler.
Belletristisches Beiblatt ?um Gießener Anzeiger.
M. 9. Samstkg dm 21. Januar.
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Aie Verkorene Wiöek.
Original-Roman in 3 Bänden von Dr. Carl Hartm ann-Plön. (Fortsetzung).
Frau Rohdenberg's Großvater, der Kaufmann Bardeleben, war früh gestorben. Er hatte schwere Verluste gehabt und konnte seiner Frau nur ein kleines Vermögen hinterlassen, von dem sie noth- dürftig zu, leben vermochte. Als ihre einzige Tochter herangewachsen war, verhsirathets diese sich mit dem Organisten an der Petrikirchs in Hamburg. Aber kaum hatte Frau Rohdeaberg das Licht der Welt erblickt, so raffte eint bösartige B atternepidemie beide Eltern in kurzer Zeit dahin, und die Witwe Bardeleben nahm nun die kleine Enkelin zu sich, um dieselbe zu erziehen. Das musikalische Talent b-6 Musikdirektors Grunert hatte sich auf seins Nachkommen vererbt. Tochter und Enkelin spielten aus- gezeichnet das Klavier, und Frau Nohdenberg war noch nicht sechszehn Jahre alt, als sie schon in einem öffentlichen Concert mitwirkte, wo sie als Klavierspielerin allgemeine Bewunderung erregte. In einem späteren Concert sah sie bei seiner zufälligen Anwesenheit in Hamburg ein junger Buchhändler aus dieser Stadt und verliebte sich in sie. Er suchte ihre nähere Bekanntschaft zu machen und verlobte sich mit ihr. Es war Heinrich Rohdenberg, ein junger und sehr hübscher Mann. Ein halbes Jahr später war die Hochzeit. Auf dringendes Bitten folgte Fran Bardel-ben dem jungen Ehepaar in Rohdenberg's Heimath. Letzterer hatte nur ein kleines Geschäft, aber es nahm einen so lebhaften Aufschwung, daß von der Zukunst Erfreuliches zu erwarten war. Aber der Tod hotte es auf diese Familie abgesehen. Der kleine Konrad war noch nicht fünf Jahre alt, da starb Rohdenberg. Vermögen hinterließ er nicht, und so waren Frau Rohdenderg und ihr Sohn wieder auf die'Revenüen angewiesen, die das kleine Kapital der Großmutter einbrachte. Letztere und ihrs Enkelin wären im Grunde gern nach Hamburg zurückgskchrt, aber mit Rücksicht darauf, daß der kleine Konrad schon jetzt ein so ausgesprochenes musikalisches Talent verrieth, beschlossen Mutter und Großmutter in dieser Stadt zu verbleiben, weil er nirgend anderswo eine solche Anregung finden würde und hier später das Confer- vatortum besuchen könne.
Frau Bardeleben erreichte ein ungewöhnlich hohes Alter, sie starb erst, nachdem Konrad sich verheirsthst,
und Siegfried fast zwei Jahrs alt geworden. Hätte sie geahnt, daß ihrs hinterlassenen Schriften ihrem Enkel Konrad und in welkerer Folge dessen Gattin das Lebsn kosten würden, sie wären von ihr vernichtet worden.
Siegfried, der einen Freund besuchen wollte und diesen nicht zu Hause angetroffen, war in sein Zimmer zurückgekehrt, ohne daß es von Freu Rohden- berg und dem Professor im Eifer des Gesprächs gehört worden wäre. Er erkannte sofort an dem mächtigen Baßorgan, in welcher Gesellschaft seine Großmutter im Zimmer daneben sich befand und konnte auch, so wie er nur darauf achtete, fast jedes Wort, das gesprochen wurde, verstehen. In seinem Zimmer lag ein alter Teppich, der seine Schritte unhörbar machte, und während er auf demselben bin und hrrging, um seinen Stock in dir Ecke zu stellen, seinen Hut an einen Nagel zu hängen, gab er sich keine Mühe, etwas von dem nebenan geführten Gespräch zu erhorchen; als er sich aber der Thür näherte, um durch dieselbe hindurch zu treten und den Professor zu begrüßen, und nun die Worts vernahm: „Das Unglück,'sie Gehsimniß hat meinem Sohns den Verstand gekostet und seinem Lebsn im Jrrenhauss ein Ende gemacht", blieb er unwillkürlich stehen. Dis Großmutter hatte ihm nicht ver- schwi-gsn, daß sein Vater in einer Irrenanstalt gestorben, und zwar aus dsm Grunde, weil der Enkel eins solche Thatsachs leicht von anderer Seite hätte erfahren können, aber als Ursache hrtts st; eins Ueberanstrengung des Geistes angegeben. Jetzt hörte er plötzlich, daß irgend ein Gcheimniß die Krankheit hsrvorgerufen, und zwar sm Geheimniß, welcher auch ihm, nach Frau Rohdenberg's Meinung, gefährlich werden könne, fesselte ihn an dis Stelle. Und so ward er Zeuge des ganzen Gesprächs. Zwar erstaunte er nicht wenig, als er hörte, daß er ein Abkömmling der Gräfin Fichtenberg fei, und daß ein Swatz von dsm Werths einer Million im Park der Schlangenburg noch jetzt versteckt läge, aber unbegreiflich erschien es ihm, daß Jemand eine solche Thatsachs so u Herzen nehmen und darüber den Verstand verlieren konnte. Er hatte noch nie den l Wunsch gehabt, reich zu werden: wohl trug auch er I' in seinem Herzen ausgeprägte Wünsche, aber alle bezogen sich nur darauf, dereinst einmal ein anerkannter und berühmter Künstler zu werden. Daneben kam } ihm wohl einmal der Gedanke, daß ein wirklich br- | rühmter Künstler heut zu Tage auch in der Regel l Anmal ein reicher Mann wurde, aber zur Zeit hätte k er noch gar nicht gewußt, was es mit dem Reichthum


