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anfangen sollte, die Ansprüche, die er an das Leben machte, waren jetzt noch sehr bescheiden, und könnten durch die guten Einnahmen seiner Großmutter alle befriedigt werden. Nur noch kurze Zeit und Siegfried hatte das Conservatorium absolvirt, seine Ausbildung konnte als vollendet betrachtet werden, dann wollte er vorläufig ebenfalls unterrichten. Eine vermehrte Einnahme war dann zu erwarten, wodurch Beide befähigt wurden, sich das Leben etwas behaglicher einzurichten, mehr verlangte er vorläufig vom Schicksal nicht.
Er fühlte, daß er ein Unrecht begangen, hier zu horchen und hoffte, es dadurch in etwas wieder gut zu machen, daß er frei bekannte, was er gethan.
Frau Rohdenberg und den Professor durchfuhr ein Schrecken, als sich so plötzlich die Thür öffnete und Siegfried darin erschien. Unwillkürlich griff die Erstere nach dem Taschentuch, um es über die Popiere zu breiten, aber Entsetzcn erfaßte sie, als sie in der nächsten Secunde schon vernahm, daß ihr Enkel gehorcht und Alles gehört hatte.
„Du brauchst nicht zu erschrecken, Großmutter", sagte Siegfried, jetzt die Schwelle überschreitend, „daß ich Dein Geheimniß erlauscht, und so sehr es mich auch betrübt hat, daß es einen solchen Einfluß auf meinen armen Vater ausüöen konnte, so kannst Du Dich vollständig beruhigen; der Wunsch, Reich- thümer zu besitzen, hat noch nie meine Seele bewegt und wird auch nicht geweckt werden durch das, was ich soeben erfahren habe. Ich wüßte wahrhaftig nicht, was ich damit beginnen sollte! Habe ich denn schon je etwas entbehrt? Meine Kunst durchdringt mich vollständig, geht mir so sehr über aller Andere, daß ich wirklich keine Lust habe, ihr meine Zeit und meine Gedanken zu entziehen, um einem Phantom nachzujagen, das vielleicht gar nicht mehr existirt, und wenn dennoch, wozu der Schlüffe! doch unauffindbar sein wird. Ja, wenn mein Talent mir vielleicht später mehr in den Schooß wirft, als ich gebrauche, so werde ich mich über den Erwerb eines selbstverdienten Vermögens gewiß herzlich freuen, aber den Schatz der Gräfin Fichtenberg — ich möchte ihn gar nicht haben, und ich weiß nicht, ob ich ihn aufßeben würde, wenn ich ihn fände, denn ich theile dis Ansicht Deines Urgroßvaters, des Musik- direktors Grunert, eine Million, an der die Thränrn eines ganzen Landes hängen, kann keinen Segen bringen."
„Gott sei Dank!" kam es erleichtert über Frau Rohdenberg's Lippen.
„Es freut mich Deiner Frau Großmutter wegen, lieber Siegfried", sagte der Professor, „daß durch Deine Worte alle Sorge hinweggenommen. Ich will hoffen, daß sich Deine Ansichten darüber nie ändern werden, und daß sich in Deinem Leben nie etwas ereignen möge, was später noch den Wunsch in Dir rege machen könnte, den Schatz aufzufinden."
„Ich vermag mir gar keine Möglichkeit vorzu- ' stellen, wo das einkreien könnte." z
Du denn unser ganzes Gespräch gehört, Siegfried?" fragte die Großmutter.
„Wenigstens den Thetl, der fich auf Dein Ge- heimniß bezog."
„Wie hast Du nur Dein Zimmer betreten können, ohne daß ich Deinen Schritt vernommen?"
„Du hast natürlich mein Kommen im Eifer Eures lebhaften Gesprächs überhört, ich war nicht leiser wie sonst."
„Du wolltest ja erst um sieben Uhr zurückkehren."
„Ich traf Langenbach nicht zu Hause, er war kurz zuvor zu einer Kranken geholt."
„Du bist wohl sehr befreundet mit dem jungen Mediciner?" bemerkte Marquardt.
„Ja, sehr", erwiderte Siegkried, „ich verkehre gern mit ihm. Wir ergänzen uns gegenseitig. Seine medicinische Wissenschaft geht ihm natürlich über Alles, aber nächst dieser hat er für nichts so sehr Interesse, als für die Musik; und das ist umgekehrt bei mir der Fall. Ich liebe in erster Reihe seine Kunst, aber wäre ich nicht Musiker, möchte ich Mediciner sein. Der menschliche Kärper mit seinen so wunderbar functionirenden Organen war für mich bis dahin ein unerklärliches, räihselhaftes Ge- heimniß, ein Buch mit sieben Siegeln, jetzt, nachdem Langenbach mich ein wenig in der Anatomie und Physiologie unterrichtet hat, dämmert mir wenigstens eine Ahnung von dem auf, was man Stoffwechsel, was man Leben nennt. Ich dagegen bin sein Lehrer im Generalbaß. Langenbach ist eine durch und durch musikalisch angelegte Natur, er spielt leidlich Klavier, das Cello aber sehr gewandt und hat ein ausgesprochenes Komposttionstalent. Jedoch die theoretische Musik war ihm eine terra incognita. Rur unsere Geschmacksrichtung ist eins sehr verschiedene. Während ich mich nur an wirklich klassischer Musik begeistern kann, schwärmt er hauptsächlich für dir leichten, lustigen Melodien von Offenbach, Suppe, Millöcker u. f. w. Und ich weiß nicht, ob ich verraihen darf, was außer ihm, wie ich glaube, nur mir allein noch bekannt ist, — er ist nämlich augenblicklich damit beschäftigt, eine Operrette zu componiren, deren urkomisches Libretto er sich selbst gedichtet yat. Ich bin überzeugt, daß sie gefallen wird; sie ist beinahe vollendet. Ich helfe ihm dabei, die von ihm nur für Klavier gemachte Begleitung für Orchester zu setzen, und Sie glauben nicht, Herr Professor, welche Ideen er dabei hat und welche komischen Aufgaben er den einzelnen Instrumenten zumeist, wie es eben nur das wahre Talent erfinden kann."
„Mir scheint", sagte der Profeffor, „daß dieser Sinn, dies Talent für das Komische in dem so hübschen wie humoristischen Gesicht des jungen Mannes ausgeprägt ist. Es liegt darauf wie fröhlicher Sonnenschein, und wenn er lacht, lacht nicht allein sttn Mund, sondern Alles an ihm, seine Augen, seine Stirn, jrde Muskel seines Antlitzes."
(Fortsetzung folgt.)


