Jur Geschichte der „schwarzen" Großmacht.
Wenn man die Preffe hier und da noch als die „sechste Großmacht" bezeichnen hört, so nuch dies halb scherzhafte, halb ernsthafte Wort heute einigermaßen corrigirt werden, denn längst hat sich ja Italien in der Reihe der europäischen Großstaaten Sitz und Stimme errungen und bereits macht Spanien ernstlichen Anspruch auf die Bezeichnung ols jüngste, das wäre also als siebente Großmacht. Aber daß auch die Presse nach wie vor als Großmacht mitmar- schirt, bleibt jedenfalls bestehen und mit ihren schwarzen Truppen hat sie mehr und größere Eroberungen gemacht, als jemals die berühmtesten Kriegshelden, während sie zugleich in einer Weise herrscht, daß sie nicht eine Großmacht, nein, eine Weltmacht darstellt, deren Stellung niemals erschüttert werden kann.
Aber freilich, ehe die Preffe zu dieser ihrer heutigen Weltstellung gelangte, hat sie einen langen und gar merkwürdigen Entwickelungsgang dnrchmachen muffen, der in seinen einzelnen Phasen so mancherlei des Interessanten und Bemerkenswerthen darbietet. Wenn man allerdings die Presse lediglich als Repräsentantin und Trägerin der öffentlichen Meinung betrachtet, so datirt ihre Macht und ihre Geschichte noch nicht so weit zurück, faßt man aber die Zeitungen als das auf, was sie ursprünglich waren, als Organe, welche der Verbreitung von Nachrichten über Thatsachen oder nichtige Ereignisse dienten, so können sie auf eine Geschichte zurückblicken, die bis in die Zeiten des alten Rom reicht. Die römischen acta diurna (Journale) würden da als die zuerst bekannten Zeitungen zu bezeichnen sein und da Julius Caesar diese acta regelmäßig zusammenstellen und öffentlich anschlagen ließ, so kann der große Feldherr der Römer den Ruhm in Anspruch nehmen, der erste — Zeitungsherausgeber der Welt gewesen zu sein! Die acta diurna, diese Urbilderder nachfolgenden Zeitungs- Generationen , waren zunächst die Tagebücher des römischen Senats und der Comitien, also die Protokolle über die Verhandlungen der Parlamente in Rom, aber allmälich wurden in . diese Tagebücher auch Staatsereignisse und Tagesncuigkeiten ausgenommen und Julius Caesar war es eben, welcher den actis diurnis während seines ersten Consulats (59 v. Chr.) ihre Erweiterung gab; wie lange sich diese römischen Journale erhalten haben, geht aus den Mittheilungen der zeitgenössischen Schriftsteller nicht hervor.
Wenngleich nun die acta diurna der Römer nicht als Zeitungen im heutigen Sinne aufgefaßt werden dürfen, da ihnen alle Mittel der raschen und regelmäßigen Verbreitung fehlten, die ein Haupt- charakteristicum der modernen Zeitung bildet, so glichen sie doch durch ihre Aufzählung gewisser Facten ganz den officiellen Zeitungen des vorigen Jahrhunderts. Solche „Reichs- und Staatsanzeiger" existirten auch
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ß in Constantinopel bald nach Errichtung des lateinischen Kaiserthums und offenbar waren sie eine oströmische Auflage der acta diurna und aus der Siebenhügelstadt hinüber nach Stambul gerettet; vermuthlich gingen aber die officiellen Blätter des oströmischen Kaiserthums in den Stürmen der Völkerwanderung wieder unter. Dagegen hat sich die unter dem Namen „Neue Nachrichten" — so etwa würde wenigstens der Titel der betreffenden Zeitung in deutscher Ueber- setzung lauten — in Peking schon seit mehr als fünfzehnhundert Jahren erscheinende, auf gelbes Seidenpapier gedruckte chinesische Staatszeitung bis heute erhalten. Auch der „Reichs- und Staatsanzeiger" des himmlischen Reichs der Mitte enthält gleich den actis diurnis der Römer keinerlei politische Nachrichten, sondern nur Verfügungen der chinesischen Negierung und ihrer Unterbehörden, Bekanntmachungen sonstiger chinesischer Behörden, Berichte über Vorgänge in der kaiserlichen Familie und dergleichen Angelegenheiten mehr.
Die oft so wildbemegten Zeiten von der Völkerwanderung an bis zu den ersten Morgenstrahlen der neueren Zeit weisen bezüglich des Zeitungswesens begreiflicher Weise nichts Sonderliches auf; höchstens könnte man die Lieder der fahrenden Sänger des Mittelalters als Zeitungen bezeichnen, als „gesungene". Denn die Lieder dieser von Ort zu Ort, von Land zu Land ziehenden Gesellen enthielten die Kunde von allem Erwähnenswerthen, das damals in der Welt passirte und so vertraten sie zu jenen Zeiten in gewissem Sinne unsere heutigen Tagesblätter, auch sind wir über gar manche Ereignisse aus dem Mittelalter nur durch jene Spielmannsweisen unterrichtet. Aber die ersten Spuren von wirklichen, gedruckten Zeitungen finden sich noch im Ausgange der mittelalterlichen Aera, sie tauchen alsbald nach der Erfindung der Buchdruckerkunst auf und waren es die bislang gesungenen Weisen der fahrenden Sängerzunft, welche mit am ersten durch die „schwarze Kunst" Guttenberg's auf das Papier übertragen wurden. Neben dieser ältesten Art der poetischen Zeitung gab es jedoch schon bald nach der Erfindung der Buchdruckerkunst (1440) auch Zeitungen prosaischen Inhalts und zwar wirkte auf deren Entstehung die Entdeckung Amerikas vorzugsweise ein. Die Auffindung der neuen Welt war ein Ereigniß, welches sich diesseits des atlantischen Oceans sehr rasch fühlbar machte und den berühmten Brief, welchen Columbus über die Ergebnisse seiner ersten Seereise nach Westen an den königlich spanischen Schatzmeister Rafael Sanchez richtete, kann man wohl als das erste gedruckte Zeitungsblatt betrachten; zum Mindesten trifft das Kriterium der raschen und allgemeinen Verbreitung bei dem Briefe des Columbus zu, denn er ist sehr bald nach seinem ersten Bekanntwerden in fast alle Sprachen übersetzt und in zahllosen Exemplaren verbreitet worden.
(Fortsetzung folgt.)
Nchqctiyn: A. Schetzda. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


