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Cwßencr Iamilienblätler.
Belletristisches Beiblatt rum Gießener Anzeiger.
Nr. 111. Donnerstag dm 20. September. 1888*
Im Zause Immendorf.
Original-Roman von Emilie Heinrichs.
(Fortsetzung.)
„Tantel" flüsterte Hedwiga, dm Arm um Mri- ken's Schulter legend, „ist der junge Dörner auch unterrichtet von unser« Unglück?"
„Ja, Kind, und Gott sei Dank, daß sie endlich gegangen sind, mir haben diese Augenblicke zwischen Thür und Angel wahre Höllenqualen bereitet. Du wußtest eß wohl nicht, daß der gute Lerchenhrim sich eben bei Tante Irmgard befindet, — ich fürchtete jeden Moment, ihn aus der Thür treten zu sehen."
„Das wäre doch kein Unglück gewesm, Tantchen I" meinte Hedwiga achselzuckend. „Mich erregt tausmdmal mehr der peinliche Gedanke, daß Doktor Dörner unser gefährliches Geheimntß kennt und viel« leicht gar darin verwickelt werden könnte."
„Und doch beruht gerade auf ihm die Rettung \ Deines Bruders", versetzte Ulrike leise, „doch still jetzt, geh' hinein zur Tante, ich muß inzwischen mit unserm Gefangenen reden." ।
„Und soll ich ganz passiv dabei bleiben?" klagte | Hedwiga, „gar nichts weiter erfahren und Fremdm die Gefahr überlaffen?"
„Du hast dar Deinige bereit« gethan, Herzchen I" bemerkte Ulrike mit einem unterdrückten Seufzer, < „jetzt muß die gefährlichste Aufgabe stärkeren Händen ? anvertraut werden. Im Uebrigen aber sollst Du \ Alle« erfahren, kleine Neugierige!"
10.
Das Abenddunkel sank herab; ein dichter Nebel 1 hatte den heiteren Herbsttag schon frühzeitig vertrie« z ben und sich undurchdringlich auf Stadt und Land : gelagert.
„Ein vortrefflicher Bundesgenosse", meinte der s Major Trllkamp, welcher mit dem Neffen soeben das Haus verließ. „Wann geht der Zug nach der Residenz? Hast es Dir doch notirt?"
„Ja, es ist aber ein Courierzug und die Frage, ob derselbe hier anhalten wird?"
„Was denkst Du denn von uns, Junge?" polterte der Major, „hier halten alle Züge, wenn wir auch kein Knotenpunkt sind. — Wie lange Zeit haben wir also?"
„Eine voll« Stunde noch, könnm Alle« ordmt- lich überlegen", versetzte der Neffe. „Jetzt aber still davon, Onkel I — in dem dichte« Nebel könnte gar leicht der Verrath sein Spiel haben."
„Versteht sich, — die Polizei wird genug umherschnüffeln. Wenn ich'« nur heraus hätte, ob der Andere, der infame Schuft weißt Du, wirklich tobt ist?"
Egon drückte des Onkels Arm, um ihn zum Schweigen zu bringen, da dem Soldaten fiel« der Commandoton in der Kehle saß, und in diesem Augenblick ein Mann an ihnen vorüberschritt, welcher sie mit einem scharfen Blick aus'« Korn nahm.
Schweigend wurde nun der Weg nach dem Jmmendors'schen Hause zurückgelegt, wo sie die Hau«- thür bereits geöffnet fanden und deshalb geräuschlos eintreten konnten.
Der alte Johan« empfing fie ebenfalls schweigend. Das Licht auf dem Flur brannte düster, während die Lorridore noch gar nicht erleuchtet waren.
Er schloß die Thür hinter den beiden Eintretenden und leuchtete mit einer brennenden Wachskerze auf schwerem silbernem Handleuchter die breite eichene Treppe hinauf» öffnete sodann das Gemach, wo Ulrich sich befand und bat leise, einzutreten, da da« gnädige Fräulein sich ebenfalls drinnen befinde.
Dann schlich der alte Diener die Treppe hinab, um wie ein Haushund Wachs zu halten. Die Mägde befanden sich im Souterain, — Ulrike hatte fie gut geschult, so daß von neugieriger Dlenstboten-Späherei in diesem Hause keine Rede sein konnte.
„Dafür sorgt auch schon der alte Windhund", meinte das Stubenmädchen, in der blitzblanken Küche behaglich ihren Kaffee schlürfend, „bin nun schön an die fünf Jahre hier im Hause, und den halben Morgen oben beschäftigt, aber erfahren thut man nichts, — überall sitzt die alte Scharteke, der Johann, einem auf der Nase, und die Herrschaft gönnt unser einem auch kein Sterbenswort mehr, als nöthig ist."
„Behagt's Dir nicht mehr bei uns, Life?" fragte die alte Köchin mit scharfer Stimme, „brauchst Dich nicht zu genieren, — ein Wort an das gnädige Fräulein, und Dein Laufpaß ist geschrieben."
„Bewahre Gott, wie Du gleich ausfährst, Rike!" verthetdigte sich das Stubenmädchen, „man darf hier im Hause aber auch kein Sterbenswort über Andere sagen."
„Andere? Meinst Du damit unsere gnädige Herrschaft?"
„I, Gott bewahre, leg' doch nicht Alles auf die große Wagschaale, Rike! — Ich meine den alten Johann —"
„Der kein Schwätzer und Herumklatscher, sondern eine treue Seel« ist, die für die Herrschaft durch«
»eße«.


