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unterdrücken vermochte, so wußten Milizen beordert werben und sogar Kanonen wurden zur Zerstörung der von der Bevölkerung errichteten Barrikaden auf» gefahren. Sämmtliche Geschworene, die bei dem Berner Fall" betheiligt waren, hatten Cincinnati verlassen. Es gab viele Todte und Verwundete, auch das Gefängniß gsrieth in Brand und das Gerichts- gebäuds mit einer werthvollen Bibliothek brannte total nieder. Das ist wieder so ein drastisches Bfld der heterogenen Zustär-de Amerikas.

Ein Berichterstalter desCentury" wies in einer statistischen Tabelle nach, daß im Jahre 1883 mehr els 1500 Morde in den Vereinigten Staaten verübt würden, während die gesetzlichen Hinrichtungen nur 93 betrugen. Die Ausstellung von nur einem Jahr kann freilich keinen maßgebenden Ueberblick geben, dazu müßte man eine längere Reihe von Jahren in's Auge fassen. Aber derselbe Journalist kam bei einem weiteren Rückblick zu der Schlußfolgerung, daß bie Anzahl der jährt. Morde in der Union sich aus 1300 bis 1400 belaufen, während die Executionen nie die Zahl von 100 übersteigen. In klaren Worten: von 14 dein entkamen 13 dem wohlverdienten Galgen. Aus derselben Quelle wird uachgewiesen, daß die Zahl der Lmchings" in den Vereinigten Staaten die gesetzlichen Hinrichtungen um 25 pCt. überstiegen, indem im Jahre 1883 125 Personen durch Volksjustiz ihr Leben verloren- In der Stadt New-Aork kommt durchschnittlich jede Woche ein Mord vor.

Das sind erschreckliche Thaisachen, denen gegen« über die humane Anschauung, welche die Todesstrafe ganz beseitigt wissen möchte, nicht Anwendung finden kann. ES wäre gar nicht vorher zu sagen, rvelche Zustände in solchem Falle dort drüben Platz greifen würden. Man steht hingegen ein, daß das amerika­nische Crimincl-System in einer Weise gehandhabt wird, daß die Gesellschaft nicht 6et^bi:nb an Leib und EigcMhum geschützt wird. Man kann sogar den Satz als feststehend betrachten, daß es der Vertheidi- gung viel leichter ist, den Geschworenen gegenüber einen Verbrecher loszubekommen, als daß es dem etwa unbestechlichen R chter gelingt, ihn der verdienten Ser« urtheilnng zu überliefern. An dieser Calamität trägt die meiste Schuld die aus den Geschworenen bestehende Jury, weil nachgewiesener Maßen diese in 9 Fällen von 10 zu Gunsten des Verbrechers organisirt ist, Notabene wenn dieser Verbindungen und (Se(b besitz!, denn bei einem armen Teufel werden rauirlich nicht so viele Umstände gemacht. Das CriminaOVersahren bietet in seiner Weitschweifigkeit eben Gelegenheit zu allerlei Winkelzügen und Anhaltungen. Man denke nur an das Poffenspiel, welches mit dem Präsidenten» Mörder Gui'.au aufgesührt wurde, welches die Em­pörung der ganzen civilisirten Welt hervorrief.

Hier kommen wir nun zu einem der wundesten Punkts im amerikanischen Leben, der sog. Lynchjustiz, die, wie vorhin schon gesagt, die rechlskrästtgen Exe- eutionen noch übersteigt. Früher beschränkte sich die Selbsthilfe mchr auf die entlegeneren Staaten, in

denen bei der schwachen Bevölkerung von einer geord­neten Gerichtspflege schon aus diesem Grunde nicht die Rede sein konnte. Man knüpfte d n ertappten Pferdedieb einfach an den nächsten Baum, um ein | drastisches abschreckendes Beispiel zu geben. Man übte aber die Lynchjustiz auch in viel grausamerer l Weife aus. Es läßt sich nicht verkennen, daß die I Selbsthilfe in diesem Falle ihre Berechtigung hatte, denn das biblische Wort: So Dir Jemand einen Streich giebt auf den rechten Backen, so halte den andern auch hin, läßt sich in Wirklichkeit nur nicht gut in Anwendung bringen und es blieb den Farmern nur die Wahl, sich an Leib und Eigenthum schädigen zu laffen, oder den Frevler unschädlich zu machen. Heute aber ist die Selbsthilfe nicht mehr aus die noch wenig bevölkerten Staaten beschränkt, sondern die z corrnmpirte Gerichtsbarkeit ruft den Zorn und die s Rache des Publikums allgemein wach, welche sich dann ( einmal in so großen Demonstrationen äußert, wie die ; von Cincinnati erwähnte. Die Frechheit der Ver« s brecher ist denn auch auf einen hohen Grad gestiegen, f so daß selbst in den größten Städten am Hellen Tage I Niemand seines Lebens sicher ist. Es sind verschie« ; deutlich Eiserbahn-Attentate ganz in der Nähe bei i New Uork vorgekommen und es ist erstaunlich, wie - ein so paar freche Strolche die Paffagiere eines ganzen | Eisenbahnzuges in Schach zu halten vermögen. Ein I paar Kerle ziehen plötzlich ihre Revolver aus der l Tasche und halten dieselben auf die Passagiere ge- s richtet, während einer oder mehrere ihrer Genossen - die Taschen der Mitreisenden entleeren. Gs ist ein l komisches Bild, alle männlichen Passagiers, die selbst 1 ihre Waffe in der Tasche tragen, ruhig still halten zu sehen und sich ausbeuten zu lassen. Freilich, wer ] möchte gern derjenige fehl, welcher sein theures Leben : mit ziemlicher Gewißheit für die andern in die * Schanze schlägt!

Recht bezeichnend und instructiv ist es denn auch, ! wenn man einen Mick in dis illustr-rten amerikani- ' schon Journale, wie z. B. Police-Gazette und The illustrated Police News, wirft. Da kann man ' erfahren, welche Rolle der Revolver im amerikanischen j Leben spielt. Nichts wie Attentats, Attentäter und - Geschossene. Hier kniet im Wirthshaus einer mit dem Revolver in der Hand auf seinem lieben Nächsten, i während aus dem Fenster ein noch rauchender Revol­ver starrt. Ein anderes Sifb zeigt uns eine Straßen» feere, wo nrlürlich geschossen wird, indem zwei Strolche eins Gesellschaft von nach Hause zurückkehrenden Gentle- men überfallen und ausrauben. Es ist eben ein Land der Coniraste, dieses Amerika. In vielen Beziehungen ein herrliches Land, in manchen noch im tiefen Sumpfs steckend. Die Vereinigten Staaten haben noch eins schwere Krisis durchzumachen, ehe sie von all' der Fänlniß, die in ihnen herrscht, sich befreien, aber der Most, der am stärkst.» gährt, giebt ja den edelsten Wein und es hat den Anschein, als ob unter dem jetzigen Präsidenten Grover Cleoüand ein energischer Anfang mit vernünftigen Reformen gemacht worden ist.

Rchsstion! A. Scheyda, Druck und Verlag de? Brühl'scheu Druckerei (Fr. Chr- Pietsch) in Gieße».