Hießener Aamilienbläller.
Belletristisches Beiblatt ?um Gießener Anzeiger.
Dienstag den 19. Juni.
1888.
Aer Gröe des Kaufes.
Roman von Hermine Frankenstein.
(Fortsetzung.)
„Jasper Lowder pflegte sonst der großmüthigste, selbstloseste Junge zu sein, den ich je kannte", murmelte der Baronet, traurig sinnend. „Was kann seine Natur verändert und umgekehrt haben? Und ich fürchte, er ist nicht ganz wahrheitrltebmd. Wo ist das strenge Ehrgefühl, das ihm sonst eigen war! Ich fürchte, daß er nicht würdig ist meiner kleinen, reinen, wahrhaften, unverdorbenen Blanche!"
Dieser Gedanke verursachte ihm einen bitteren Schmerz. Er überblickte in seinem Grdächtniß die verschiedenen Züge in Lowder'S Benehmen, die sich ihm, als auf den Charakter eines Abenteurers deutend, ringt prägt hatten. Er hatte den gezwungenen Ausdruck bemerkt, der Lowder in seinem neuen Leben charakterisirte. Ec hatte die Selbstsucht des Eindringlings bemerkt, sein zeitweiliges Ab weichen von der Wahrheit, und einige Male hatte er ihn in unbewachten Momenten überrascht, wo sich Lowder'S wirklicher Charakter deutlich in dem verschlagenen Ausdruck seines Gesichtes zeigte.
Es war daher nicht sonderbar, daß der Baronet bekümmert war.
„Ich sehe jetzt ein, daß ich ihn nie hätte von mir lasten sollen", dachte er. „Das Leben in der Fremde hat ihn verdorben. Er ist mehr Jntriguant als Edelmann. Er hat die Frische seiner Seele verloren, seine Augen begegnen den meinen jetzt nie mehr mit dem offenen, furchtlosen, treuen Ausdruck, den ich so sehr an ihm liebte. Mir scheint fast, als ob er etwas zu verbergen hätte. Wird seine Liebe für Blanche ihn veredeln, oder wird er ste elend machen?!*
Er überlegte diese Frage, al» das Nollen von Nädern in der Allee seine Aufmerksamkeit erweckte. Er schaute aus dem Fenster und erblickte einen Mtethwagen, welcher dem Haupteingange zurollte. Sir Arthur erkannte sofort, daß der Wagen von Glocester ge kommen sein müßte. Er hielt vor dem großen Thore und der Kutscher zog an der großen Glocke; im nächsten Augenblicke bestieg er wieder den Bock, fuhr eine kurze Strecke weiter und blieb dann stehen.
Sir Arthur konnte sehen, daß seine Insassin ausgrstiegen war. Ehe der Baronet seinen Gedanken- gang wieder aufnehmrn konnte, trat ein Diener ein und fragte nach Herrn Guy Tresstlian.
r „Er ist ausgegangen", sagte Sir Arthur, „wird jedoch im Verlaufe des Vormittags noch zurück- l kommen."
| „Eine Dame wünscht ihn zu sprechen, Sir Ar» | thur", meldete der Diener. „Sie sagte, ihre Ange- i legenhett sei rv'ch-ig."
„Eine Dame! Führt ste in den Salon, Joseph, j und bittet ste, zu warten, bis mein Sohn zu- f rüäkommi."
Der Diener entfernte sich, kam jedoch sehr bald wieder zurück, mit einer Visitenkarte in der Hand.
„Die Dame hat Eile, Sir Arthur", sagte er. Sie wünschi in ihrem Wagen nach Glocest-r zurückzukehren, um einen bestimmten Zug nach London zu erreichen. Sie fragte mich, ob Sir Arthur sie nicht empfangen wollte. Hier ist ihre Karte."
Ec übergab dieselbe S!r Arthur, dieser schaute sie an und las auf derselben den Namen: Frau Hefter Lowder.
„Lowder", wiederholte er. „Ah, irgend eine Verwandte de» unglücklichen, jungen Mannes» den Guy in Sicilien zmückließ! Ich glaube, Guy hatte gesagt, daß Jasper Lowder gar feine Verwandten habe. Joseph!"
„Zu Befehl, Sir Arthur!"
„Führt die Dame in den Salon und sagt ihr, daß ich gleich hinüberkommen werde."
Der Diener entfernte sich und Sir Arthur folgte bald darauf. Als der Baronet in den eleganten Salon eintrat, stand eine Frau aus einem Fauteuil auf und näherte sich Sir Arthur, während das graue Licht aus dem Bogenfenster voll auf sie fiel.
Sie war ein kleines, schmächtiges, mädchenhaftes Geschöpf von etwa 21 Jahren und in tiefste Trauer gekleidet. Ihr dichter Kceppschleier war zmückgc» schlagen und zeigte Sic Trlhur's Blicken ein bleiches, angstvolles Gesicht, ein Paar dunkle, bittende Augen mit einem schüchternen, flehenden Ausdruck, der sofort Sir Arthur's Theilnahme gewann. Unwillkürlich reichte er ihr seine Hand. Sie reichte ihm erwidernd ihre eigene schw:rz behandschuhte Hand, während Thränen in ihre kummervollen Augen traten.
„Ich bin Sir Arthur", sagte der Baronet höflich. „Mein Sohn ist auf dem Gute draußen und wird in einer oder zwei Stunden hier sein."
„Ich kann nicht so lange warten" sagte die junge Fremde in schüchtern?«, furchtsamen Tone. „Es ist mir sehr viel daran gelegen, noch diesen Abend nach : London zurückzukehren."
„Ich bitte, setzen Sie sich", sagte Sir Arthur i freundlich. „Ihr Familiennamen ist m r bekannt",


