Eneßener JamiüenbMler.
Belletristisches Beiblatt ptm Gießener Anzeiger, xjuniwwiun Nr. 8.
Dormerstsg den 19. Januar.
1888
Ate verkorene Wißet.
Original-Roman in 3 Bänden von Dr. Carl Hartmann-Plön.
(Fortsetzung).
„Also die Schlangenburg", fuhr er fort, „ge- hörte früher der Gräfin Fichtenberg? Das ist mir allerdings ganz neu. Ich kann mich noch gar nicht von meinem Erstaunen erholen, daß diese Frau Ihre Urgroßmutter war! Seltsam, seltsam! Ich gebe Ihnen vollkommen Recht, Frau Rohdenbera, wenn Sie annehmen, daß die Bibel im Lauf der Zeit verloren gegangcn und vernichtet sein kann, aber es ist doch gar rächt unmöglich, daß der Schatz entweder auf der Schlangmburg selbst oder in der nächsten Nähe noch verborgen liegt! Ich war einige Male dort, es verlohnt sich auch der Mühe, die Gegend ist reizend- In dem Schlöffe mit seinen vielen Corridoren, Treppen und Gängen findet man fich allem kaum zurecht, ebenso wenig in dem großen Park, der noch im richtigen Zopfstil angelegt und darin erhalten ist. Eine Menge wunderlicher Sagen und Geschichten knüpfen sich an das Schloß und den Park, die der kleine zusammengrdrückte Kastellan, der alle Fremden umhersührt, mit feierlicher Miene und offenbar von der Wahrheit derselben selbst überzeugt, zum Besten giebt. Mir scheint es nun doch nach all dem, was Sie über den Inhalt dieser Briefe berichtet haben, immerhin noch im Bereich der Mög. lichkeit zu liegen, daß das G-ld und die Edelsteine s zur Zeit sich noch da befinden, wo die Gräfin Fichten- l berg sie versteckt. Weder eine Chaussee noch eine Eisenbahn haben den Berg durchstochen, auf dem die Schlangenburg liegt; der Gräfin allein wird das Geheimniß des Ortes bekannt gewesen sein; fest- ? stehend ist, daß der Schatz vorhanden war, und daß er nur durch die Kenntniß der im Jesus Sirach ent- ? haltenen Zauberformel zu heben ist und sä kann doch ’ wohl angenommen werden, daß der sDieb der Bibers - mag es nun der Geheimseccekär oder ein Anderer gewesen sein, diese Zauberformel nicht entdeckt haben wird."
„War hilft alles Grübeln darüber, Herr Profeflor; auch uns fehlt die Zauberformel, und ohne die ver, loren gegangene Bibel, die wir niemals wiederfinden werden, können auch wir den Schatz nicht erschließen. | Konrad ist natürlich damals auch auf der Schlangen- \ bürg gewesen, um sich dieselbe einmal anzusehen und' meinte, daß der Schatz irgendwo im Park versteckt - läge. Er wollte aber vorerst die Bibel finden und
5, dachte sich das in der Aufregung als nicht allzu- i schwer, und erst, wenn diese Versuche sich als frucht- i los erwiesen, wollte er den damaligen Besitzer des l Schlosses, einen ungebildeten reichen Berliner Parvenü, = ins Vertrauen ziehen und ihn auffordern, mit ihm l gemeinschaftlich den ganzen Park zu durchforschen.
Dies abrr sollte nur das letzte Mittel sein, da er \ von dem Besitzer die Erwartung hegen konnte, daß s er sagen würde, Alles, was auf meinem Territorium j sich befindet, gehört mir! — Er konnte dies Letzte nicht ausführen, da der liebe Gott ihm vorher den \ Verstand nahm."
»Desto leichter würde sich mit dem jetzigen Be- ; sitzsr ein Abkommen treffen lassen", sagte der Professor, „der Geheimrath Wolter hat den Ruf eines Ehren- - mannes und würbe Ihr Recht auf den Schatz ohne l Zweifel anerkennen."
„Ich beschwöre Sie, Herr Professor, geben Sie mir zu Liebe jeden derartigen Gedanken auf, wenn Sie oder ich irgend welche Schritte in dieser Richtung unternehmen wollten, so würden wir nicht verhindern können, daß Siegfried davon erführe, und bedenken Sie doch, welchen namenlosen Jammer ich schon mit meinem Sohne erlebt, ich wiederhole, ich bin zu alt, um vielleicht daffelbe noch einmal mit meinem Enkel durchwachen zu müssen; und nicht wahr, Herr Professor, Sie ehren meinen Wunsch?"
„Ganz gewiß, Frau Rohdenberg — sicher werde ich nicht auf eigene Faust und ohne Ihre Einwilligung etwas thun."
„Der Gsheimrath Wolter ist wohl ein sehr reicher Manu?" fragte nach einer Pause Frau Rohdenberg.
„Dafür halten ihn die Meisten, und' er ist es auch wohl, obgleich Einige meinen, daß sein rastloser Unternehmungsgeist ihn zu weit führe. Eine Fabrik nach der anderen legt er an, fitzt will er auch noch in Holzendorf, in der Stadt am Fuße des Berges, auf dem dis Schlangenburg liegt, mehrere Fabriken anlegen, wo er außer der Dampfkraft auch dis Wasserkraft des Flusses benutzen will."
„Es soll, seitdem er sich wieder verheirathet hat, dort rin fürstlicher Luxus herrschen."
„Die Frau Gcheimrälhm, seine zweite Frau, die Wsttwe eines O''ficisrs, versteht auch wie eine Fürstin zu repräsentier«. Ich kann Ihnen sagen, ihre Feste, die sie arraugirt, zeichnen sich eben so sehr durch einen wirklichen Kunstgrschmack aus wie durch äußeren Glanz. Ich war schon mehrmals dort. Jetzt giebt sie auf der Schlangenburg Feste, die reizend sei»


