Ausgabe 
19.1.1888
 
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sollen. Auch dazu war ich scholl geladen, mußte aber absagen, weil ich einen Podagraanfall halten

Man sagt ihr eine ziemliche Portion Koketterie nach."

Das sagt man allen jungen Frauen nach, die einen älteren Mann haben."

Sie selbst ist doch auch wohl nicht mehr so ganz jung."

Nein, das ist sie auch eigentlich nicht, sie mag schon über die Dreißig hinaus sein, aber man sicht es ihr nicht an, sie hat sich eine merkwürdige Jugendlichkeit bewahrt, wie sie denn überhaupt wohl die schönste Frau der Stadt ist. Ueörigens habe ich außer Ihnen, Frau Rohdenberg, nie ein weib­liches Individuum gefunden, da» eine solche Musik- kenntniß und ein so kunstverständiges Urtheil über Musik hat wie sie. Aber sie interessirt sich nicht allein für Musik, sondern ebenfalls für alle übrigen Zweige der Kunst. Ist sie doch selbst eine Meisterin auf dem Klavier und sollen die Products ihrer Malerei durchaus nicht ohne Werth sein. Sie ist ein echter weiblicher Mäcen und sucht das wahre Talent zu unterstützen, wo sie nur kann."

Man sagt aber auch, Herr Profeffor, daß sie nur junge und hübsche Künstler in ihre Salons zieht."

Verleumdung, pure Verleumdung! Bin ich etwa jung und hübsch? Sind der Maler Frerichs, der Bildhauer Tellbrand und bet Dichter Wollheim und verschiedene Andere hübsche Leute? Wir sind ebenso häufig ihre Gäste, wie jüngere Talents."

Vielleicht dienen Sie nur als Deckmantel für die Letzteren."

Aber liebe Frau Rohdenberg, ein so hartes Urtheil habe ich ja noch niemals aus Ihrem Munde gehört."

Sie haben Recht, und es ist Unrecht von mir, einen Klatsch zu wiederholen, von dem ich wenigstens nicht den geringsten Beweis habe. Etwas Gutes habe ich doch auch über sie gehört, es soll nämlich . ein reizendes Verhältniß zwischen ihr und ihrer j Stieftochter bestehen."

Ich laffe auf die Frau nichts kommen. Mag sein, daß sie etwas eitel und gefallsüchtig ist, wie es alle schönen Frauen sind, aber interessant ist sie, sehr interessant und sie weiß in so liebenswürdiger Weiss die Vorzüge einer Jeden anzuerkennen, daß man ganz entzückt davon ist. Alles Uebrige ist, wie Sie ganz richtig bemerkten, Klatsch. Eine so her­vorragende Erscheinung hat stets ihre Neider! Sagen Sie einmal selbst, Frau Rohdenberg, war es Ihnen nicht angenehm und schmeichelhaft, als Siegfried neulich zum ersten Male in einem öffentlichen Concert spielte und nach demselben die Frau Geheimräthin auf ihn zutrat, ihm die Hand reichte und ihm für den Genuß einer echten Kunstleistung dankte?"

Aufrichtig gestanden, nein! Denn erst wenige? Minuten früher hatte ich das über die Gcheimräthin "

gehört, was ich so-ben sagte, und was Sie mit Recht als ein hartes Urtheil bezeichneten. Bis jetzt ist, so viel ich weiß, Siegfried'S Herz von irgend einer Liebe völlig unberührt geblieben, und diese innere Ruhß hat wohl sehr viel dazu beigetragen, daß er sich so rasch unter Ihrer Leitung zu einem Künstler ausgebildet hat, aber er darf nicht stille stehen, er muß streben und immer weiter streben. Eine reine, ihn entzückende und beglückende Liebe würde seinem Genins vielleicht höhere Schwingen verleihen; aber denken Sie sich den Fall, wenn die Frau G-heimräthin Friedels unentweihtes Herz zu­erst ent ündete und mit unlauterem Verlangen das­selbe erfüllte? Was würde die Folge davon sein? Er würde geistig und körperlich darunter leiden und mit seiner Kunst, die ihn jetzt so ganz und freudig beherrscht, würde es bergab gehen. E« wäre schlimm für ihn, wenn eine hoffnungslose Leidenschaft ihn verzehrte, noch schlimmer, wenn sie erwidert würde! Die Liebe zu einer verheiraiheten Frau wäre das Grab seines Ruhmes!"

Es ist unglaublich", sagte lächelnd der Professor- bis zu welchen Hirngespinnsten der Angst und Be- sorgniß sich ein liebendes, großmütterliches Herz ver­steigen kann! Kann mau denn nicht, wie ich es thue, eins schöne Frau bewundern, ohne gleich sich leiden­schaftlich in sie zu verlieben?"

Sie haben bis Jahre, Herr Professor, in denen die Lstdenschaft nicht mehr kopflos davonrast, aber einer so schönen Frau, wie der Frau Wolter, wenn sie kokett ist und es darauf anlegt, dürfte es viel­leicht nicht so ganz schwer werden, in die unberührte Seele eines zweiundzwanzigjährigen Jünglings den Feucrdrand zu werfen, der oft nur mit dem Herr- blut des Opfers gelöscht werben kann!"

Das sind Kchwarzsehereien, Frau Rohdenbrrg, und rch finde, Sie thun dem Friedel Unrecht, wenn Sie nur die Möglichkeit annehmcn, daß er auf solche Abwege geraten könnte."

Durch künstliche Mittel kann es J.-der, und, Sie kennen ihn ja, ist nicht Alles Leben und Feuer rn ihm? Wenn ein solches Temperament"

Frau Rohdenberg wurde unterbrochen. In diesem Augenblick öffnete sich die Thür, die in das Neben- rimmer führte und auf der Schwelle erschien ein bildhübscher, junger Mann und rief lachend aus:

Da die geehrten H-rrschaften anfangen, meine werthe Person etwas allzu eingehend in die Unter- Haltung zu ziehen, gebietet es meine Bescheidenheit, meinen unfreiwilligen Lauscherposten aufzugeben und mich zu zeigen, - und da bin ich!"

Es war Siegfried Rohdenberg, der so unerwartet ins Zrmmer trat.

Drittes Kapitel.

Frau Rohdenberg wohnte in dem zweiten Stock­werk eines mit einer großen Durchfahrt versehenen Hauses in der Johannerstraße. Letzteres bildete dis