Ausgabe 
17.11.1888
 
Einzelbild herunterladen

847

die Hand zitterte, er erschrak/ als er fühlte, wie kalt sie bereits war.

Wieder versuchte er sich emporzurichten. Immer mehr nahmen seine Kräfte ab.

Paula Paula!" rief er leise.

Die Gerufene fuhr empor. Sie erschrak, als sie gewahr wurde, daß der Schlaf sie überrascht hatte. Hastig sprang sie auf und trat an da» Lager ihres Vaters. Er streckte ihr die Hand entgegen.

Der Schlaf hat mich überrascht", sprach sie ent­schuldigend.Ich weiß selbst nicht, wie e» gekom­men ist."

Ein wehmüthige« Lächeln glitt über das Gesicht des Kranken.

Die Natur hat endlich ihre Rechte geltend ge­macht", erwiderte er.Zu lange hast Du den Schlas entbehrt, und ich würde Dich auch nicht geweckt haben wenn nicht wenn nicht"

Er vollendete seine Worte nicht.

War willst Du, Vater", fragte Paula, indem sie ihm mit der Hand über die Stirn strich und sich halb über ihn beugte.

Reich' mir ein Glas Waffer", erwiderte der Kranke. Er vermochte noch nicht zu sagen, was er eigentlich wollte, was ihn getrieben hatte, sie zu rufen.

Paula reichte ihm da» Wasier, von dem er jedoch nur einige Tropfen genoß.Du schliefest ruhig und fest", fuhr Paula fort.Derhalb setzte ich mich in den Stuhl. Fühlst Du Dich jetzt wohler?"

Wieder zuckte ein wehmüthiger, schmerzliches Lächeln über sein Gesicht hin. Sie fragte, ob er sich wohler fühle, und er empfand das Nahen des Todes. Sie hatte noch ' keine Ahnung von dem wirklichen Zustande seiner Krankheit. Sie hoffte mit aller Zuversicht auf seine Genesung, weil sie es für eine Unmöglichkeit hielt, daß rr sterben könne.

Durste er sie noch länger in dem Wahne lasten? Er hatte noch manches mit ihr zu sprechen er durfte es nicht weiter hinausschieben, denn der Tod konnte schneller an ihn herantreten, als er glaubte. Die Sprache und da» Bewußtsein konnten ihm schwinden.

Er war eine schwere Aufgabe für ihn, ihr Alles mitzutheilen dennoch mußte es fein.

Ja, ich fühle mich wohler", sprach er.Komm', Paulo, setz' Dich zu mir hier neben dar Bett."

Sie that es.

Wieder streckte er ihr die bereit» erkaltete Hand entgegen. Erst jetzt bemerkte sie es. Sie erschrak.

Du bist kalt, Vater", sprach sie. , Friert Dich? Soll ich Dir noch eine Decke überlegen?"

Er schüttelte ablehnend mit dem Kopfe.

Sei ruhig sei gefaßt, Paula", fuhr er fort, mir hilft keine Decke mehr."

Sie blickte ihn starr an. Der Athem stockte in seiner Brust eine Ahnung der Wahrheit, wie es mit ihm stand, schien in ihr aufzutauchen.

Weshalb nicht, Vater, weshalb nicht?" rief sie mit bebender Stimme.

Sei ruhig, Paula", suchte er sie zu trösten. In das Unabwendbare muß man sich mit Fassung fügen."

Weshalb nicht, Vater?" wiederholte sie mit gesteigerter Angst.

Kind Kind", erwiderte der Kranke mit schwer­bewegter Stimme.Du hast bis jetzt an meine Ge­nesung geglaubt ich habe Dich in dem Wahne gelüsten, wozu sollte ich Dein Herz mit Schmerzen erfüllen, ehe e» nicht nöthig war aber länger darf ich Dich nicht täuschen. Du mußt die Wahr­heit misten für mich ist keine Hoffnung mehr!"

Sie schien seine Worte noch nicht recht zu fasten.

Mehr und mehr hatte sie sich über ihn gebeugt, ihr Auge blickte angstvoll in da» seinige endlich schien die volle Wahrheit ihr zum Bewußtsein zu kommen.

Allmächtiger Gott! keine Hoffnung mehr!" rief sie laut auf und warf sich über ihn. Sie weinte nicht. Sie konnte nichts weinen. Schwer rang ihre Brust nach Athem.

Paula mein Kind, faste Dich", bat der Kranke und legte seine kalte Hand auf ihren Kopf.

Sie sprang wieder empor, aufgeregt, zitternd.

Nein nein, es darf nicht sein es kann nicht sein!" rief sie.Ich schicke zum Arzt er muß Dir helfen!"

Sie eilte zur Klingelschnur.

Paula Paula, laß!" rief ihr der Kranke nach.'Auch er kann mir nicht helfen aus fet­tem eigenen Munde weiß ich es schon seit Tagen. Laß uns die wenigen Stunden, die mir noch bleiben, allein sein!"

Sie ließ die Hand, welche sie bereits zur Klingel­schnur erhoben hatte, erschöpft herabfinken die Wort?:die wenigen Stunden, die mir noch bleiben, hatten ihre Kraft gebrochen. Der Schmerz, der ihre Brust krampfhaft zusammengezogen hatte, der Schrecken löste sich sie eilte zum Bette zurück und sank schluchzend neben ihm nieder.

Der Kranke ließ sie eine Zeit lang ruhig ge° währrn. Er wußte, daß die Thränen da» beste Mittel waren, ihren Schmerz zu lindern. Ihm selbst ran­nen sie langsam die Wangen herab.

Paula", sprach er endlich,sei ruhig, faste Dich. Svh', mir bleibt nur noch wenig Zeit und noch viel möchte ich mit Dir besprechen. Komm, Paula."

Sanft hob er ihren Kopf empor. Sie schien sich auch zu fasten. Kaum hatte sie sich indeß aufge- richtet, so sank sie wieder nieder.

Paula Paula!" mahnte der Vater.Meine Stunden sind gezählt!"

Mit aller Kraft rang sie nach Fassung. Die Thränen drängte sie zurück. In ihrem starren Blicke lag etwa» unendlich Schmerzvolles, Gebrochenes.

Der Kranke erfaßte ihre Hand und hielt sie in der feinigen fest.

(Fortsetzung folgt.)

"......