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Dreiunddreißigstss Kapitel.
Noch ein Schritt weiter.
Einige Augenblicke, nachdem Jacopo Palestro sich in den Schatten des Parkes zurückgezogen hatte, blieb Jasper Lowder wie versteinert vor Entsetzen und Verzweiflung stehen.
Entschiedener Untergang gähnte ihm entgegen. Er wußte, daß die Drohung Palrstro's unwiderruflich war, wie der Machtspruch des Schicksals. Er wußte, daß ein Appell an seine Gnade und Geduld ganz nutzlos wäre. Ec wußte, daß, wenn er nicht zu der von dem Exschreiber bestimmten Zeit die von demselben geforderte Summe in seine Hände lege, er bei Sir Arthur und Blanche verrathen werden würde, und daß ihn der so reichlich verdiente Untergang ereilen müßte.
„Was soll ich thun?" fragte er sich ganz verzweifelt. „Palestro würde sein Geheimniß sehr gerne an Sir Arthur verkaufen. Verwünschter Mensch; er ist scharfsinniger, al» ich glaubte. Wie konnte er auf den Grund eine» Geheimnisies kommen, das ich so sorgfältig verbarg? Und wie soll ich bis morgen Abend zweitausend Pfund ausbringen? Es ist ganz und gar unmöglich I"
Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirne, Fieber tobte in ihm. Rastlos wanderte er in der dunklen Aller unter den dichten Bäumen auf und ab. Welche Gedanken ihn in dieser verhängnißvollen Stunde erfüllten, weiß nur Gott allein. Aber ein mörderi- sches Verlangen schaute aus seinen wilden, blutum- laufenrn Augen, aus seinem bleichen, verzerrten Gesichte und lauerte um seine hinabgezogrnen Mund- winkel. Wäre Palestro in diesem Augenblicke zu ihm zurückgekehrt, es wäre dem Italiener schlimm ergangen: aber er kehrte nicht zurück und der Betrüger ging unaufhörlich hin und her, während grenzenlose Wuth wie ein wilder Dämon in ihm tobte.
Die Stunden vergingen. Nach und nach bemächtigte sich seiner die Ruhe der äußersten Verzweiflung.
„Das Spiel ist nicht ausgrspielt", sagte er zu sich selbst. „Ich habe noch einige Stunden vor mir. Ich muß einen Schritt machen, der mich retten kann; aber wenn mir der mißlingt, dann muß ich nach Norden zu Hefter fliehen. Sie wird mich immer aufnehmen I Fluch soll diesen Palestro treffen millionenfach! Ich würde ihn ermorden, hätte er sich nicht gegen meinen Zorn vorgesehen und eine solche That das Signal zu meiner eigene» Vernichtung bezeichnet. Ich muß ihm die geforderte Summe zahlen. Ich muß meins Stellung bewahren. Aber wo soll ich die zweitausend Pfund hernehmen?"
Er ersann verschiedene, unmöglich auszuführende Pläne, zu dem Gelbe zu gelangen. Er konnte sich in so kurzer Zeit eine solche Summe Geld nicht borgen, ohne zu erklären, wozu er ihrer bedurfte. Sir Arthur konnte er nicht darum bitten. Er konnte sich an keinen Geldmakler in Glocester wenden, denn '
er konnte fich nicht daraus verlassen, daß die Sache in diesem Falle geheim gehalten werden könne. Er konnte auch kein Geld auf die Privatbesitzung Guy Tresfilian's ausnehmen, ohne daß es der Baronet erfahren hätte. Der Eindringling fühlte, daß er keinen Ausweg offen hatte.
Jasper überlegte auch, ob er nicht von einem Wucherer Geld borgen könnte, um es dann erst zurückzuzahlen, wenn er, wie er glaubie, Baronet sein werde; aber er mußte auch diese Idee sehr bald verwerfen.
Welcher Geldmakler würde ihm eine so große Summe, wie zweitausend Pfund, vorstrecken, um erst bezahlt zu werden, wenn Lowder in den Besitz von TressiliamHof käme, wo Sir Arthur sich kaum in mittleren Jahren befand und von wahrhaft athletischer Kraft und Gesundheit war.
Stundenlang blieb Lowder in dem Parke und kämpfte mit dieser Krise. Der Nachmittag war schon fast vergangen, ehe er sich hinlänglich beruhigt hatte, um in das Haus zurückzvkehrm.
Sir Arthur und Blanche faßen in dem großen Bogenfenster des Saales, als der Eindringling über die Terraffe ging. Er schwenkte seinen Hut gegen dir Beiden in erzwungener Fröhlichkeit und ging mit sorglosen Schritten weiter, bis er ins Haus eintrat. In der Halle legte er Hut und Obsrrock ab, zögerte einen Augenblick lang, mit gegen den Salon gewandtem Gesichte und ging dann langsam und matt zu seinem eigenen Zimmer hinauf. Er fühlte fich noch nicht im Stande, den scharfen, forschenden Blicken des Baronets zu begegnen oder die munteren Fragen Blanches zu beantworten.
Ec blieb auf seinem Zimmer, bis er die Tischglocke läuten hörte. Dann verließ er daffelbe, obwohl etwas bleich und abgespannt, aber elegant gekleidet und parfümirt, und begab sich in das Speisezimmer.
Der kurze Dezembertag war seit mehr als einer Stunde zu Ende. Die Armleuchter in dem großen Speisesaal waren alle angezündet. Dir langen rothen Vorhänge über den großen Fenstern und der Garten- thüre waren zugezogen. Ein Feuer flackerte lustig in drm Kamin. Der ovale, mit schneeweißem Damast bedeckte Tisch glitzerte und schimmerte von Silber, Gold und Porzellan. Alles athmete Licht, Wärme und Behaglichkeit.
Sir Arthur und Blanche waren schon in dem Zimmer und Beide schienen etwa« ernst und gedrückt zu sein. Der elegant gekleidete Baronet sah in dem Gegensätze zu dem etwas geckenhaften und verweichlichten Lowder noch schöner und edler al - sonst aus. Blanche bemerkte das vornehme Aussehen ihres Vormundes.
„Sir Arthur ist tausendmal schöner al» Guy", dachte.sie. „Und zuweilen kommt e» mir sogar vor, ich weiß nicht warum, daß er frischer und jünger aussteht. Wenn er nur um zwanzig Jahre jünger wäre, als er es ist —"
Sir endigte ihren Gedankengang nicht, sondern erröthete nur lebhaft, was Sir Arthur und Lowder


