1888.
Dienstag dm 16. October.
Nr. 122.
ge«
Irmgard blickte durch ihr goldgefaßtes Augenglas
hinab auf die wogende Volkrbrandung und wandte | sich dann mit der Gederde tiefen Abfcheues ab.
Auf der Straße, dem Haufe gegenüber, befanden
Im Kaufe Immendorf.
Original-Roman von Emilie Heinrichs.
sich verschiedene Gesichter, denen wir bereits begegnet find. Ganz vorne stand der Detectiv Thorsen, der es vorgezogen hatte, hier gedrängt und gepreßt zu werden, anstatt, wie man's ihm angeboten, unter Dach und Fach das Schauspiel bequem zu genießen. Er mußte mindestens jenes Haus beobachten, wo das vornehme Wild weilte, dem er mit der Zähigkeit einer Jägers von Profession nachstcllte, da er von der Avretse desselben seltsamer Weise noch nichts wußte, obwohl des berühmten Dorner's Abwesenheit ihm nicht unbekannt geblieben war, da selbige in den höheren bürgerlichen Kreisen sehr bedauert wurde.
Neben ihm stand der Barbier Semmel, und hinten drängte sich seine Garde, die er im geheimen Dienst der Polizei beschäftigte.
Borheiten und harmlose Witze flogen wie Raketen umher, man vertrieb sich das Martyrium des langen Harrens und der Ungeduld mit allerlei Einfällen, die lautes Gelächter hervorriefen, während die Polizei genug zu thun hatte, um die ärgsten Schierer in Ruhe und die Ordnung aufrecht zu halten.
„Wetter, ja, das alte Haus dort drüben sieht jetzt wie eine richtige Ritterburg aus", bemerkte der Barbier, ,lalle bonheur» die Geschichte macht Staat."
gangen und die Kranke in einer leidlich zufriedenen Stimmung, obwohl Ulrichs Abwesenheit immer auf'S Reue wieder ihren Groll heraurforderte.
-In diesem Augenblick melvete Johann den Herrn Baron von Lerchenheim, welcher ganz erregt in's Zimmer trat und nach der gewohnten respectvollen Begrüßung es außerordentlich bedauerte, nicht früher gekommen zu fein, da die Menge ihn nicht habe durchlafien wollen und er feine ganze Diplomatie habe aufbieten müsien, um die Mauer zu durchbrechen.
„Das Haus macht einen geradezu Überwältigend schönen Eindruck, meine Gnädigste!" rief er dann, tief Athem schöpfend, „ich hörte nur eine Stimme darüber."
Er hütete sich wohl, verschiedene anders Stimmen zu wiederholen, deren Angriffen auch seine Person ziemlich deutlich ausgesetzt gewesen.
(Fortsetzung.)
So war denn Alles bis dahin nach Wunsch
„Na, sie stammen ja auch direct von den Raubrittern ab", rief eine andere Stimme.
„Nicht so hitzig, nicht so hitzig", schrie der Barbier ängstlich, „wer mag so etwas behaupten."
„Ha, ha, nicht so hitzig, alter Semmel, vertrocknetes Hasenherz!" tönte es höhnend aus der Menge, „was haben die Aristokraten da drüben mit ihrem mittelalterlichen Gerümpel Staat zu machen? Es ist eine Verhöhnung der Volks, man müßte den Kram herabreißen."
„Nicht so hitzig, nicht so hitzig!" flüsterte Semmel mit angstbleichen Lippen, „am Ende giebt's noch Krawall, Herr Thorsen?"
„Unsinn, Mann!" sprach dieser, sich verächtlich umblickend, wobei er seine Garde bedeutungsvoll streifte, „Sie thun beffer daran, Ihre Begeisterung für sich zu behalten."
„Jawohl", schrie ein Riese mit einer dicken rothen Nase, welche keinem Anderen als dem braven Timm, des Detectivr rechter Hand, gehörte, „das sag' ich auch, Maul gehalten und stillgestanden, damit des Volkes Rechte, das auch von dem Feste genießen will, nicht unterdrückt werden, ich, Gottlieb Timm, behaupte, daß die Jmmenburg heut' am schönsten sich herausgeputzt hat, wer behauptet das Gegentheil?"
„Hurrah für Gottlieb Timm!" brüllten feine Kameraden, und die Menge johlte mit, wie sie es immer gethan bei solchen Gelegenheiten.
„Die Jmmenburg ist ein guter Witz", hieß es dann, „hurrah für die alte Jmmenburg!"
„Da sitzt auch das lahme Burgfräulein mit dem gebrochenen Herzen", schrie ein roher Gesell-, als der Jubel sich einen Augenblick gelegt, „seht, wie sie uns neugierig durch ihr Glas beäugelt, puh, wie das kleine Gerippe sich aufgeputzt hat —"
„Silentium!" schrie der Riese, „Kranke läßt man nicht leben —"
Ein schallendes Gelächter unterbrach seinen sonderbaren Satz» während der Barbier fortwährend sein gewohntes „Nicht so hitzig, nicht so hitzig", vor sich hinmurmelte.
Plötzlich vernahm man donnernde Jubelrufe.
„Sie kommen!" hieß es, Alle verstummten und reckten die Hälse, so lang' sie konnten.
„Nicht drängeln! — Au, grober Klotz! — Die Reichen haben'« gut, brauchen sich hinter ihren Fenstern nicht knuffen zu lassen I--Dafür sind wir
hier auch in großer Gesellschaft I — Silentrum, meine Herrschaften!"
So tönte es lachend, grollend, schimpfend durcheinander.
Hießener Jamilienbläiter
Belletristisches Beiblatt?um Gießener Anzeiger.


