887
Sir Arthur blieb noch über eins Stunde im Salon. Die schweren Schatten wichen nicht von feinem schönen Gesichte, noch verminderte sich der Druck, der auf seinem Gemüthe lastete.
„Die Geschichte war glaubwürdig genug", murmelte er. „Sie klang sogar wahr. Warum kann ich nun doch nicht aufhören, an ihm zu zweifeln, weil er mich einmal betrogen hat? Warum ist's denn, daß ich ihn immer mehr verabscheue — daß mich die Berührung seiner Hand schaudern macht, daß seine Stimme mir widerlich in den Ohren klingt?"
Er stand auf und ging langsam in dem Zimmer auf und ab. Im Geiste wiederholte er sich die Ge» schichte, die ihm Jasper Lowder erzählt hatte. Und dann kehrten seine Gedanken zu dem Zwischenfall vom vergangenen Abend zurück — Lowder'» Weigerung, Blanche sein Handgelenk zu zeigen. _
„Das war seltsam", dachte Sir Arthur, sich Lowder'« Aufregung zurückrufend. „Blanche wünschte ganz natürlich die Narbe anzusehen, die er erhalten hart«, als er sie aus Gefahr, ja vielleicht vom Tode errettete. Warum weigerte er sich, sie ihr zu zeigen? Der Doktor sagte, die Narbe sei unverwischbar; Guy behauptet, daß sie noch vorhanden wäre. Wenn die Narbe noch vorhanden ist, wie er behauptet, was ist dann der geheimnißvolle Sinn seines seltsamen Benehmens? Wenn sie nicht da ist —"
Seine eigenen Worte brachten einen seltsamen Argwohn in das Gemüth de« Baronets — einen schwachen Verdacht von der Wahrheit. Er verwarf ihn al» ungeheuerlich. Er sagte sich, daß er thöncht, wahnsinnig sei; aber der Gedanke wollte sich nicht zerstreuen lasten. Er verfolgte ihn, wie ein grüß, liche» Nachtgespenst.
Endlich löschte der Baron die Lichter im Salon aus und ging die Treppe hinauf.
Al« er in den weiten, einsamen, oberen Corridor angelangt war, zögerte er und blieb stehen. Dann trat er mit einer plötzlichen Bewegung auf die Thüre de« Betrügers zu und blieb lauschend stehen. Das Geräusch tiefer, regelmäßiger Arhemzüge drang zu ihm heraus."
„Er schläft", dachte der Baronet. „Wenn die Narbe noch auf dem Handgelenke ist, werden all' diese Zweifel und Unruhen besiegt sein. Ich muß mich überzeugen."
Er kämpste mit sich, aber er konnte nicht auf sein Zimmer gehen, um die Nacht in quälendem Zweifel zuzubringen, den ein kühner Schritt zu Nichte machen konnte.
„Ich muß es misten", flüsterte er ängstlich, während sich in seinen Augen eine schreckliche Ungewiß« heit ausdrückte. „Um Blanche's Willen muß ich die Zweifel lösen, dis ich mir selbst nicht zuzugestehen wage."
Er stellte sein Licht auf ein schmales Wandbrett. Dann öffnete er leise die Thüre, die in das Zimmer de« Betrüger» führte. Sir Arthur schlich unhörbar durch das Zimmer und blieb bet dem Bette stehen. Der Betrüger schlief ruhig wie ein Kind, ein friedlicher
Ausdruck lag auf feinem hübschen Gesichte, ein Lächeln spielte um seine Lippen.
Sir Arthur'» Herz erwärmte sich sür ihn.
„Er muß mein sein — mein eigener Sohn", dachte er, zum ersten Male dem Argwohn, der ihn marterte, Worte und Namen gebend. „Kein Schurke könnte so ruhig schlafen!"
Einer von de» Schläfers Armen lag auf der seidenen Decke. Der rechte Arm war nachlässig über den Kopf zurückgeworfen und der weite Aermel seines Nachthemdes bedeckte sein Handgelenk. Mit einer sansten Berührung schob der Baronet den Aermel etwas hinauf.
Das Gelenk lag entblößt. Trotz der Versicherung des Betrüger» war es glatt und weiß, bar jeder Narbe oder überhaupt der geringsten Spur irgend einer Verletzung.
Mit einem wildschmerzlichen Blick, in dem sich Entsetzen und Ungläublgkeit vereinigten, schlich der Baronet wankend aus dem Zimmer.
Sechsundvlerzigstes Kapitel.
Olla's Feind ist nahe.
Nahezu drei Wochen waren seit der Ankunft Olla Rymple's, Guy Tresstlian's und der treuen Popley's in Bleak-Top vergangen.
Der kurze Decembertag neigte sich seinem Ende entgegen. Finster und trübselig brach die graue Abenddämmerung über die Cheviothügel herein. Es lag wieder Schnee in der Luft und schon wirbelte ein ferner, eisiger Schauer umher. Ein heftiger, furchtbar kalter Wind durchschnitt die Lust.
Die Lichter flimmerten schwach zwischen den unverhüllten Fenstern der kleinen Steinhäuschen, aus denen bas Dorf Gloam-Vale besteht.
Der Weihnachtsabend stand vor der Thüre und der Laden des einzigen Krämers in dem Dorfe war reichlich ausgeschmückt mit Puppen, Spiel waaren und sor.stigem bunten Kram, der geschaffen wird, um die Herzen von Groß und Klein zu erfreuen.
Der Krämer selbst stand in der Thüre seines Ladens und feine stämmige Gestalt hob sich scharf von dem grellen Lichte hinter ihm ab. Er schaute ängstlich die Straße auf und ab, in der der Sturm tobte und sauste, und sagte eben zu sich selbst, daß er wohl in dieser Nacht keine Käufer mehr haben werde, als das laute Rollm eines Wagens gehört wurde und ein von zwei erschöpften Pferden gezogener Postwagen die Straße herab gefahren kam.
„Wer kann das sein?" murmelte der Krämer ganz überrascht.
Er trat auf das Trottoir hinaus, um seine Neugierde zu befriedigen; der Wogen hielt gerade vor dem Ecksteine des Kaufmannes still.
Im selben Augenblick steckte ein Herr seinen Kopf aus dem Wagenfenstsr und befahl dem Kutscher in rauhem Tone weiter zu fahren.
„Er kann nicht sein, Euer Gnaden", sagte der Kutscher absteigend und an die Wagenthüre tretend.


